PwC-Daten Fachkräftemangel kostet Mittelständler laut Studie 65 Milliarden Euro Umsatz

Weil Fachkräfte fehlen, entgehen kleinen und mittleren Unternehmen Geschäftschancen. Das trifft Hightech-Betriebe und Zahnbürstenhersteller.
Kommentieren
Im Vergleich zu den großen Weltkonzernen haben Mittelständler Wettbewerbsnachteile, wenn sie Spezialisten einstellen wollen. Quelle: dpa
Arbeiter im Maschinenbau

Im Vergleich zu den großen Weltkonzernen haben Mittelständler Wettbewerbsnachteile, wenn sie Spezialisten einstellen wollen.

(Foto: dpa)

DüsseldorfMitten im Westerwald sitzt einer der rund 1500 deutschen Hidden Champions. Das Familienunternehmen M+C Schiffer produziert Zahnbürsten – für so bekannte Marken wie Dr. Best und Sensodyne, aber auch für Aldi, dm und Rossmann.

185 Millionen Zahnbürsten werden jedes Jahr allein in Neustadt hergestellt, mit rund 400 Mitarbeitern. Die Auftragsbücher des Familienunternehmens sind gut gefüllt. „Doch uns fehlen Facharbeiter für den Dreischichtbetrieb – sonst könnten wir viel stärker wachsen“, klagt Unternehmerin Barbara Schiffer.

Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist inzwischen so gravierend, dass 60 Prozent der deutschen Mittelständler und Familienunternehmen ihn als größtes Wachstumsrisiko betrachten. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt liegt dieser Wert nur bei 43 Prozent. Das ergab eine Umfrage der Unternehmensberatung PwC in 31 europäischen Ländern.

Dieser Fachkräftemangel bremst das Wachstum und kostet laut der Studie allein den deutschen Mittelstand im Jahr rund 65 Milliarden Euro – das entspricht rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Im Vergleich zu den großen Weltkonzernen haben Mittelständler Wettbewerbsnachteile, wenn sie Spezialisten einstellen wollen. Rund 70 Prozent von ihnen tun sich schwer bei der Suche.

„Diesen Unternehmen fehlt eine meist bekannte Marke, und zudem liegen sie oft abseits der urbanen Zentren in der weniger attraktiven Provinz“, sagt Peter Englisch, bei PwC globaler Leiter Familienunternehmen und Mittelstand. Betroffene Mittelständler versuchen, dagegen etwas zu tun: In Ostwestfalen zum Beispiel haben sich laut Englisch einige Familienunternehmen zusammengeschlossen, um etwa gemeinsam eine Kita zu betreiben und Talente in die vermeintliche Provinz zu locken.

Viele Mittelständler sind unzufrieden mit dem Bildungswesen

Vor allem mangelt es im Mittelstand an Experten aus den mathematisch-ingenieur- und naturwissenschaftlich-technischen (Mint) Berufen. Im Mai fehlten nach den neuesten Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft, 324.800 Mint-Kräfte – davon zwei Drittel Nicht-Akademiker. Das ist ein neuer Rekord. Allein die Lücke der IT-Kräfte hat sich seit 2014 auf rund 40.000 mehr als verdoppelt.

Einen Verantwortlichen sehen die Unternehmen im deutschen Bildungswesen. Es bringt offenbar nicht die Arbeitskräfte hervor, die sich Arbeitgeber wünschen. 35 Prozent der Befragten sind unzufrieden mit dem deutschen Bildungssystem – in Nachbarländern sind es deutlich weniger. In der Schweiz klagen nur ein Prozent der befragten Unternehmen, in Österreich 21 Prozent und in Dänemark nur 17 Prozent über Missstände im Bildungswesen.

„In Deutschland halten die Inhalte der Lehrpläne nicht Schritt mit den rasanten Veränderungen in der Technologie“, bedauert Englisch. Bis 2030 fehlen laut PwC zwei Millionen Hochschulabsolventen im Mint-Bereich. „Aber nicht nur Akademiker, auch Fachkräfte am Band benötigen heute ganz andere Fähigkeiten und müssen etwa hochautomatisierte Maschinen bedienen und zum Teil auch programmieren können“, so Englisch.

Die Digitalisierung wird nicht nur durch den Mangel an Experten behindert, sondern auch durch den stockenden Breitbandausbau in Deutschland. Über den klagen 44 Prozent der Mittelständler. Hier hat Deutschland Nachholbedarf. Im EU-Schnitt sind dagegen nur 26 Prozent der Befragten mit der digitalen Infrastruktur unzufrieden.

Viele der Hidden Champions sitzen in der abgelegenen Provinz vom Sauerland bis zum Schwarzwald, die vom Breitband noch längst nicht erschlossen ist. So hat zum Beispiel das Familienunternehmen Viessmann, Hersteller von Heiz- und Kühlsystemen mit rund 11.000 Mitarbeitern weltweit, kurzerhand selbst die Initiative ergriffen. Die Zentrale im nordhessischen Allendorf wird mit allen 100 Standorten schrittweise mit Glasfaser verbunden – damit alle Niederlassungen vernetzt arbeiten können.

Daneben sehen die deutschen Mittelständler überbordende Bürokratie als Wachstumshemmer. Rund 45 Prozent empfinden diese als „erdrückend“ – sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene. Kleine und mittelständische Firmen können sich anders als börsennotierte Konzerne für neue Regelungen wie die Datenschutzgrundverordnung keine großen Stäbe leisten.

Auch Förderprogramme für den Mittelstand von der KfW bis zu EU, seien zwar gut gemeint, aber meist bürokratisch überladen, moniert Englisch. „Der ganze Papierkram, um Förderung zu erhalten, ist viel zu kompliziert und zeitaufwendig.“ Das müsste dringend bürokratisch entschlackt werden, damit kleine und mittlere Unternehmen nicht zurückfallen im Wettbewerb.

Trotz aller Wachstumshemmnisse, über die sich die deutschen Mittelständler ärgern, bewerten sie ihre wirtschaftliche Lage positiv. „Sie dürfen sich aber auf ihren Erfolgen nicht ausruhen“, warnt Englisch.

Startseite

Mehr zu: PwC-Daten - Fachkräftemangel kostet Mittelständler laut Studie 65 Milliarden Euro Umsatz

0 Kommentare zu "PwC-Daten: Fachkräftemangel kostet Mittelständler laut Studie 65 Milliarden Euro Umsatz"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%