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Recruiting Das Dilemma: Mittelständler müssen sparen – und gleichzeitig Fachkräfte einstellen

Die Konjunktur schwächelt. Das stellt mittelständische Firmen vor eine doppelte Herausforderung: Talentsuche trotz Sparprogramms. Doch es gibt Auswege.
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„Unsicherheiten sind Gift für Investitionen.“ Quelle: Trumpf Group
Produktion bei Trumpf in Ditzingen

„Unsicherheiten sind Gift für Investitionen.“

(Foto: Trumpf Group)

Düsseldorf Ein Gespenst geht um im deutschen Mittelstand – das Gespenst des Konjunktureinbruchs. Der Intralogistik-Spezialist Jungheinrich, für den es seit der Finanz- und Wirtschaftskrise immer bergauf ging, hat wegen der „sich eintrübenden gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ eine Gewinnwarnung herausgegeben. Und auch der Laserspezialist Trumpf sorgt sich um die Konjunktur. Während der Umsatz weiterhin steigt, sinken die Auftragseingänge.

Die Ursachen dafür sieht Trumpf unter anderem im anhaltenden Handelsstreit zwischen China und den USA, der Unsicherheit des Brexits, dem Strukturwandel in der Automobilindustrie sowie einer abkühlenden Konjunktur in China. „Diese Unsicherheiten sind Gift für Investitionen, gerade kleinere Kunden stellen auch deshalb Neuanschaffungen zurück“, ließ sich Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller zitieren.

Das hat Folgen. Die IG Metall in Baden-Württemberg warnte Ende Juli, dass laut einer Umfrage unter Betriebsräten in jedem zweiten Unternehmen der Branche in dem Bundesland Sparprogramme geplant, Investitionen gekürzt, Stellen gestrichen oder keine neuen Jobs mehr geschaffen würden. Bezirksleiter Roman Zitzelsberger kritisierte, das sei der falsche Weg um den Technologiewandel zu meistern.

Im Juli fiel das vom Ifo-Institut gemessene Geschäftsklima auf den niedrigsten Stand seit April 2013. Das wichtige deutsche Konjunkturbarometer sank zehnmal in den vergangenen elf Monaten. Noch übersteigt, laut Ifo die Zahl der Neueinstellungen die Zahl der Stellenstreichungen, aber im verarbeitenden Gewerbe ist der Saldo bereits negativ.

Die schwächelnde Konjunktur wirkt sich auf den Arbeitsmarkt für Fachkräfte aus. Der Hays-Fachkräfteindex sank im 2. Quartal 2019 um sechs Punkte auf 155. Für den Rückgang verantwortlich sei vor allem die deutlich geringere Nachfrage nach Ingenieuren. Selbst IT-Spezialisten seien im vorigen Quartal etwas weniger gesucht worden. Die Gemengelage ist nicht eindeutig. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sieht es so, dass die aktuellen Nachrichten über Stellenabbau bei Großkonzernen nicht repräsentativ für den Arbeitsmarkt sind. „Insgesamt lag die Entlassungsquote seit der Wiedervereinigung noch nie so niedrig wie heute“, sagte Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs, Ende Juli. „Der Arbeitsmarkt bleibt auf Kurs, aber ganz spurlos wird der Konjunkturabschwung auch nicht an ihm vorbeigehen“, so Weber.

Gute Mitarbeiter fordern viel

Viele Mittelständler sind in einem Dilemma: Sie sehen die Risiken, wissen aber gleichzeitig, dass sie dringend die richtigen Fachkräfte brauchen, um die digitale Zukunft zu stemmen. So hat der aktuelle European Family Business Survey der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC ermittelt, dass der Fachkräftemangel nach wie vor ganz oben auf der Agenda steht. 64 Milliarden Euro koste dieser in Form von entgangenem Umsatz die deutschen Familienunternehmen.

Klar ist: Die richtigen Mitarbeiter sind ein Engpassfaktor. Und die richtig guten fordern viel – viel Freiheit, dort zu arbeiten, wo sie wollen, ein entsprechendes Gehalt und womöglich noch mehr Freizeit. Viele Mittelständler stehen vor der Frage: Kann ich es mit erlauben, teure Leute einzustellen, die auch noch mehr Extras bekommen als die anderen Mitarbeiter, und zugleich im Unternehmen ein Sparprogramm durchziehen?

Die Lösung ist nicht trivial sagt auch Matthias Kestler. Er hat sich gerade vor allem mit dem Problem beschäftigt, Spitzenkräfte in die Provinz zu bekommen – ein Problem, das viele Mittelständler umtreibt. Das Anspruchsverhalten der gesuchten Manager habe sich über die Zeit nach oben entwickelt, „auch eine Krise wird die hohen Ansprüche nicht runterschrauben“, urteilt der Headhunter.

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Das Gehalt, so lautet seine Erfahrung sei dabei gar nicht entscheidend: „Für mehr Gehalt wird nicht umgezogen, nur die Aufgabe zählt. Das sagen mir 98 Prozent der Kandidaten.“ Es gebe Wichtigeres als 5.000 Euro mehr. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Leute, die Kestler sucht, ohnehin schon sehr gut verdienen. Aber er fügt noch einen wichtigen Punkt an: Was jetzt zähle, seien gute Konzepte. „Über die Hälfte unserer Kandidaten würde sofort einen Vertrag unterschreiben, wenn sie am Freitag Homeoffice machen dürften“, sagt Kestler.

Der Fachkräftemangel ist allerdings für viele Mittelständler nicht nur ein Problem, das sie bei IT und anderen Spitzenkräften erleben. Es fehlt an vielen Stellen in den Unternehmen. Das haben die Gründer von Talents Connect schon 2013 erkannt. Seitdem unterstützen sie Unternehmen in Deutschland beim Recruiting. Mitgründer Lars Wolfram ist damit schon lange im Geschäft. Sein Unternehmen aus Köln unterstützt Personaler nicht nur mit einer Software as a Service (SaaS) bei der Suche nach den richtigen Mitarbeitern, sondern ist auch als Berater und Sparringspartner für die Human-Ressource-Verantwortlichen in den Unternehmen aktiv.

Gezieltere Job-Anzeigen

Bislang unterstützt Wolfram mit seinen 60 Mitarbeitern die Unternehmen vor allem bei der Suche und schreibt dabei auch mal die Stellenanzeigen um – beziehungsweise die Software filtert automatisiert und mithilfe von Natural Language Processing die wichtigsten Informationen und Skills aus den Stellenanzeigen und gibt aufbauend auf Daten Handlungsempfehlungen. Wolfram hat beobachtet, dass in vielen Stellenanzeigen zu viele Kenntnisse und Fähigkeiten gefragt sind, deshalb greift das Start-up deutlich früher in den Prozess der Personalsuche ein.

Durch die neuen Ansätze schicken nicht mehr nur ein Prozent aller Interessenten, die eine Jobanzeige sehen, eine Bewerbung ab, sondern bis zu acht Prozent. Das Start-up aus Köln ist aber inzwischen auch erfahren genug, um die richtigen Mitarbeiter in den entsprechenden sozialen Medien anzusprechen. So hat Talents Connect für das Entsorgungsunternehmen Remondis gezielt Brummifahrer angesprochen und zwar dort, wo man sie findet, bei Facebook, Instagram, aber auch Google for Jobs. Bei Xing oder LinkedIn findet man sie nämlich nicht. Kombiniert mit dem Argument des Unternehmens „Super Daddy fährt jetzt Müll, statt nach Portugal“ und ist daher abends zu Hause, war das ein voller Erfolg.

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