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Rocket Internet Oliver Samwer auf der Hauptversammlung: „Jetzt können Sie mich Vollidiot nennen“

Der Gründer von Rocket Internet will in neue Geschäftsfelder vorstoßen. Doch auf der Hauptversammlung musste Samwer gegen ungeahnte Widerstände kämpfen.
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Der Gründer von Rocket Internet will in neue Geschäftsfelder vorstoßen. Quelle: DAVIDS/Sven Darmer
Rocket-Internet-Hauptversammlung

Der Gründer von Rocket Internet will in neue Geschäftsfelder vorstoßen.

(Foto: DAVIDS/Sven Darmer)

Berlin Vielleicht wollte Oliver Samwer am Donnerstag durch Selbstgeißelung möglichen Kritikern gleich zu Beginn der Hauptversammlung den Wind aus den Segeln nehmen: „Ich weiß, unsere Pipeline ist etwas dünn. Jetzt können Sie mich Vollidiot nennen. Ich hätte ja auch gern mehr, schließlich bin ich selbst am Unternehmen beteiligt“, benannte der Gründer von Rocket Internet selbst das größte Problem.

Der MDax-Konzern, dessen Geschäftsmodell der Aufbau und Verkauf von Internet-Unternehmen ist, hat fast alle Gründungen aus seinen ersten Jahren an die Börse gebracht – von Zalando bis Hello Fresh. Jetzt ist die Kasse voll, doch absehbar fehlen weitere Börsenkandidaten.

„Unser Modell hat so gut funktioniert, dass wir im Augenblick mehr Kapital als Ideen haben“, sagte Samwer. „2018 war ein Jahr des Fortschritts, aber es war kein Jahr der Heldentaten.“ Dabei sind Ideen der Kern von Rocket Internet: Samwer gründete das Unternehmen 2007 zusammen mit seinen beiden Brüdern mit dem Versprechen, viele erfolgreiche Gründungen hochziehen zu können.

Damals galten die Samwers als Wunderkinder des deutschen Internets: 1999 verkauften sie ein Online-Auktionshaus nach nur 100 Tagen an eBay, gründeten anschließend den Klingeltonvermarkter Jamba. 2008 stellten sie das Geld für Zalando bereit, den inzwischen größten deutschen Online-Händler.

Ausgerechnet ihrem Anführer Oliver Samwer sollen nun also die Ideen ausgehen? Nicht nur der früher für eher großspurige Auftritte berüchtigte Samwer hat sich verändert, auch das Umfeld. Anders als vor zehn Jahren ist der Markt für Online-Händler verteilt. Samwer ließ die Hauptversammlung daher am Donnerstag den Geschäftszweck erweitern: Rocket Internet soll künftig auch in Bereichen wie Online-Wetten, Immobilien, Reisen und Finanzen tätig werden – für Samwer teilweise Neuland.

Die neuen Geschäftsfelder sind oft komplexer als Samwers E-Commerce-Gründungen. Einen Vorgeschmack darauf gaben zwei Mieter eines Hauses in Berlin-Kreuzberg, das Rocket gerade kauft. Sie trugen den in Berlin schwelenden Konflikt um steigende Mieten in das Aktionärstreffen. „Durch den Hausverkauf rechnen wir jeden Tag damit, ausziehen zu müssen“, klagten sie. „Herr Samwer, Sie können entscheiden, ob es ein Kreuzberg der Reichen wird.“

Ärger in Kreuzberg

Die Mieter warnten ihn vor einem „Reputationsrisiko“, wenn er die gewachsene Hausgemeinschaft zerstöre. Zuletzt hatte Google in Kreuzberg die Kampagnenfähigkeit von Mietaktivisten zu spüren bekommen und nach Protesten auf die Einrichtung eines Start-up-Campus verzichtet. Zurück blieb ein herber Image-Schaden.

Samwer sicherte den Mietern zwar zu, sich an Recht und Verträge halten zu wollen und bot ihnen Gespräche an. Allerdings sagte er auch, neue Immobilien-Geschäftsmodelle wie das Betreiben von sogenannten Co-Working-Spaces würden attraktiver – und die sind schlecht vereinbar mit Mieterschutz.

Am Markt trifft Samwer auf eine zweite, fundamentale Herausforderung: Die Konkurrenz um gute Geschäftsmodelle wächst. Samwer ist längst nicht mehr der einzige, der in Deutschland freihändig Millionen an Absolventen von Business-Schulen und Jungunternehmer verteilt. Nach vielen Jahren Aufschwung und Niedrigzinsen werben Risikokapitalgeber auch in Europa um die besten Köpfe – nicht umgekehrt. Das macht es für Samwer schwieriger, junge Unternehmer an sich zu binden.

Samwer räumte ein, den Einstieg ins Feld Mikro-Mobilität etwa mit Leihfahrrädern, E-Scootern und Carsharing vorerst verpasst zu haben. Andererseits wiederholte er, er wolle nur in erprobte Geschäftsmodelle investieren, also auf riskante „Moonshots“ verzichten.

An Geld jedenfalls mangelt es nicht: 3,1 Milliarden Euro parkt der 46-Jährige nach den Börsengängen der aufgebauten Unternehmen überwiegend auf Tagesgeldkonten. Das ist deutlich mehr als die 400 Millionen Euro, die Rocket Internet über die Jahre in die rund 200 Start-ups im Portfolio investiert hat, die noch nicht an der Börse sind.

Darunter ist die Global Fashion Group, ein Zalando für Schwellenländer. Ihr Börsengang steht als vorerst letzter kurzfristig noch auf der Agenda, nachdem das Unternehmen den Schritt Anfang der Woche in Frankfurt angemeldet hat. Mit 1,2 Milliarden Euro Umsatz 2018 ist es gut ein Fünftel so groß wie sein europäisches Pendant.

345 Millionen Euro will die Global Fashion Group in Frankfurt für das weitere Wachstum einsammeln. Nebeneffekt: Rocket Internet könnte nach einer Haltefrist seine Anteile von noch 21 Prozent über die Börse einfacher loswerden.

Kein Geld für Aktionäre

Ein Handicap dabei ist allerdings, dass die Kurse von Rocket-Unternehmen wie Home24, Hello Fresh und Westwing nach dem Börsengang deutlich abgebröckelt sind. „Nach wie vor ist auch ein Problem, dass der Kurs von Rocket Internet selbst desaströs abgestürzt ist“, beschwerte sich Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kleinanleger SdK. Er forderte eine Dividende für die Aktionäre. Konzernchef Samwer allerdings will darauf auch weiterhin verzichten – und ließ sich stattdessen ein Aktienrückkaufprogramm genehmigen, um den Kurs zu stützen.

Das meiste Geld soll jedoch im Unternehmen bleiben, um neue Geschäftsmodelle zu bauen. Denn trotz des Mangels an durchschlagenden Ideen geht der Gründeralltag weiter: 2018 hat Rocket Internet nach seinen Angaben zehn neue Unternehmen gegründet. Und: Die noch nicht börsennotierten Unternehmen stehen bereits mit 1,2 Milliarden Euro in den Büchern des Konzerns. Nach einer längeren Durststrecke könnte es also weitere Börsengänge geben.

Fans hat Samwer jedenfalls weiterhin. „Wir müssen heute feststellen: Sie haben es allen Kritikern der Anfangstage gezeigt“, schwärmte Christian Röhl von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz DSW mit Blick auf die Börsengänge der Rocket-Unternehmen. Und er lobte die neue Bescheidenheit des Gründers: „Schacka-Schacka-Leute haben wir in der Internet-Branche mehr als genug.“

Mehr: Rocket Internet schreibt schwarze Zahlen. Doch der Firmenchef Oliver Samwer muss sich fragen lassen, warum es das verdiente Geld nicht ausgibt. Wo bleibt das nächste große Ding von Oliver Samwer?

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