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Saftmanufaktur Perger Perger: Hauptsache keiner redet rein

Mit Kreativität und Erfindergeist entwickelt die Saftmanufaktur Perger die ungewöhnlichsten Fruchtsäfte. Wie der Mittelständler vom Ammersee seine Investitionen so finanziert, dass keine Bank den Fuß in den Familienbetrieb bekommt.
  • Christine Koller
Bayerisches Idyll: Paula und Johannes von Perger. Quelle: Pressebild

Bayerisches Idyll: Paula und Johannes von Perger.

(Foto: Pressebild)

BREITBRUNN. Es schmeckt wie Wein, ist aber tatsächlich ein Saft und enthält auch keinen Alkohol - das ist Johannes Freiherr von Pergers neueste Erfindung. Mit einem Mix aus Birne, Holunder und Kirsche empfindet der Oberbayer zum Beispiel einen kräftigen Merlot nach, mit Mandarine, Holunder und Traube einen Burgunder.

Aus Birne und Mandarine baut er einen Riesling nach. Den Großteil der verarbeiteten Früchte baut er selbst an, in seinen Flaschen landet ausschließlich Bioobst. Fünf Weinsaftkreationen hat Perger vor kurzem auf dem Markt eingeführt. Insgesamt kommen aus Johannes Freiherr von Pergers Saftmanufaktur 75 verschiedene Limonaden, Schorlen, Säfte und Sirups: "Wie ein Koch habe ich viele Geschmäcker im Kopf und kombiniere, was ich schon kenne, mit Neuem", erzählt der Saftfabrikant aus Breitbrunn am Ammersee. Erste Tester sind immer seine Familie, seine Frau Paula und seine vier Kinder - und seine Mitarbeiter. Mit diesen Innovationen will der Familienunternehmer in zweiter Generation seinen Umsatz in den nächsten drei Jahren auf 4,5 Millionen Euro steigern.

Kein einfaches Unterfangen, doch liegen Kreativität, Erfindergeist "und ein bisschen Verrücktheit" in der Familie, wie der 45-Jährige selbst sagt. 2008 erwirtschaftete die Saftmanufaktur mit ihrem Öko-Getränkegroßhandel 3,3 Millionen Euro Umsatz, wovon zwei Millionen auf die Säfte entfielen. Für dieses Geschäftsjahr, das bis Ende Juni läuft, erwartet Perger ein Wachstumsplus von sieben Prozent. Für das nächste peilt er gar zwölf bis 15 Prozent Wachstum an. Das meiste aus seinem Sortiment verkauft Perger in Süddeutschland in Reformhäusern, Naturkostläden und im Getränkefach- oder Lebensmittelhandel. Nicht zu vergessen der eigene Hofladen, den seine Frau Paula betreibt.

Begonnen hatte alles vor 60 Jahren, als sein Vater Maximilian von Perger - auf der Flucht vor den Russen aus Böhmen - 1945 nach Breitbrunn kam. Der begann in einem Badehaus Zuckerrübensirup einzukochen - bis er einen ausgebrannten Zugwaggon entdeckte. Aus diesem zimmerte der "gigantische Improvisator", wie der Sohn seinen Vater nennt, eine Apfelpresse, gründete im Jahr 1949 die Firma Perger und presste das Obst der Bauern. Einen Vertrieb gab es nicht. Auch knapp 30 Jahre später nicht, als der zweitgeborene Sohn Johannes 1986 die Kelterei und fünf Hektar Land übernahm. "Da wurde einfach vom Hof weg verkauft", erinnert sich Perger. Damals machte der Betrieb 220 000 Mark Jahresumsatz, und den wollte der 24-jährige Perger steigern.

Nur wie, war die Frage. Doch im Entwickeln neuer Ideen war Perger junior als gelernter Werkzeugmacher schon vorher gut: Neben seinem Job bei Siemens verkaufte er schon mit 23 Jahren selbst gebastelte Surfbretter an die Dorfjugend. Und während seiner Lehre als Gärtner an der Fachhochschule Weihenstephan wurde ihm sein Ziel klar: nämlich "Geschmacksqualität im Einklang mit der Natur herzustellen", erzählt er. Nachdem ihm sein Vater den Betrieb übergeben hatte, trat er dem Bioanbauverband Bioland bei, stellte auf ökologischen Landbau um und produzierte ausschließlich Biosäfte mit "sortentypisch etwas herberen Aromen, nicht so süß, blumig und angepasst wie die unserer Mitbewerber", schildert Johannes Perger.

Doch der Handel blockte ihn ab, man wollte Pergers Bionaden nur gegen Bares listen. Doch Perger ließ nicht locker: Er gründete kurzerhand einen Ökogetränkegroßhandel. Ein Vehikel, auf das er heute nicht mehr angewiesen ist, so dass er den Großhandel im Herbst 2008 verkaufte. Seine Hartnäckigkeit hat sich gelohnt: Mittlerweile experimentieren erste Kochschulen und Spitzenköche mit seinen Produkten, führen zwei Dutzend Toprestaurants Perger-Säfte auf ihrer Getränkekarte. Beliefert von Pachmayer - "dem Münchener Platzhirsch für Gastro-Getränkebelieferung", wie Perger stolz erklärt, während drei neue Außendienstmitarbeiter die Märkte Berlin, Hamburg und das Rhein-Main-Gebiet erschließen.

"Apfelsaft werden wir nicht nach Berlin karren, aber unsere Spezialitäten - Sirupe, Limonaden oder die neuen Lukullus-Säfte schon", stellt sich Perger vor. Die fünf Weinsaftkreationen sind Pergers ganzer Stolz, schließlich war der Weg dorthin steinig. Auf die Idee kam er bei der Feier seines zehnten Hochzeitstags - doch bis zur Marktreife sollte es noch sechs Jahre dauern: "Ich habe viele Fruchtaromen probiert, sinnierte in der Badewanne oder sonntags im Bett darüber", erinnert sich Perger. Ob die Säfte auch dem Gaumen der Masse gefielen, fand Perger bei einem Krimifestival heraus, wo der gesponserte und als "Leichenblutsaft" titulierte Burgundersaft großen Anklang fand. Letzte Bedenken räumte ein Feldversuch aus, als Perger den Weinsaft an seine 600 Kunden zu Weihnachten versandte - die Lukullus-Säfte konnten in Serie gehen.

Heute entfallen 30 Prozent von Pergers Umsatz auf die Spezialitäten, 70 Prozent auf die Säfte. Das sind 30 Prozent vom Marktanteil in Münchener Naturkostläden und deutschlandweit etwa vier Prozent. Dafür verarbeitet der bayerische Safthersteller 1 200 Tonnen Früchte im Jahr. 600 Tonnen Äpfel, Holunder und schwarze Johannisbeeren stammen von den eigenen 50 Hektar Fläche, den Rest kauft er zu, zum Beispiel Kirschen aus Freiburg, Zitronen, Mandarinen und Blutorangen aus Sizilien, Mango aus Peru oder Ananas aus Ghana. Jahrelange Beziehungen verbinden ihn mit seinen Lieferanten: "Das hat den Vorteil, dass ich weiß, welche Ware ich bekomme. Beim Feinjustieren kann ich dann das Optimum herausholen, indem ich gezielt süßeren oder herberen Saft aus bestimmten Regionen einkaufe", erklärt Perger. Schließlich ist Qualität das A und O seines Handwerks. Und die wird ihm inzwischen auch bescheinigt: "Mit qualitativ hochwertigen Biosäften, Biolimonaden und Biosirupen bedient Perger eine Nische und besitzt im Vergleich zu Mitbewerbern wie Voelkel oder Beutelsbacher statt einer breiten eine tiefe, stark innovative Produktpalette", bestätigt Bioexperte und Berater der Kölnmesse Erich Margrander.

Und damit die Früchte bestens verarbeitet werden und den Erntehelfern sowie Saisonarbeitern nicht die Puste ausgeht, wird täglich für sie gekocht. Ein Erbe aus den Gutshofzeiten seiner Großeltern, das Perger-Spross Johannes fortführt. Ab 12.30 Uhr essen bis zu 20 Personen mit der Unternehmerfamilie in der großen Küche des Wohnhauses zu Mittag. Bekocht von Ehefrau Paula von Perger oder einer Köchin aus dem Ort.

Aber auch Firmenchef Perger nutzt die Küche, um neue Geschmackskreationen auszuhecken. Me-too-Produkte und mittelmäßige Ideen, die lehnt er strikt ab. Perger: "Ich bin heute strategischer, nicht mehr so verrückt und draufgängerisch wie früher." So wie damals, als er als Jugendlicher mit dem Motorrad nach Italien fuhr - oder als Juniorchef schnell die eine oder andere Idee auf den Markt brachte.

Ähnlich kühn wie sein Urururgroßvater, der vor über 200 Jahren einen Krieg mit Serbien verhindert hat und dafür vom österreichischen Kaiser Titel und Wappen verliehen bekam. Perger junior ist bedachter geworden, da er gelernt hat, dass übereilte Projekte unnötig Geld kosten. Bevor er heute eine Innovation umsetzt, diskutiert er sie mit Zulieferern, Händlern, Kunden, Hofbesuchern und seiner Familie.

Nur mit einem nicht: mit Bankern. Von denen will er nämlich "total unabhängig sein und sich auf gar keinen Fall reinquatschen lassen". Und als er vor zwei Jahren Geld brauchte, um die Abfüllanlage zu modernisieren und zu optimieren, verfiel er auf eine ungewöhnliche Idee. Er legte für 190 000 Euro eigene Genussscheine auf. Und das organisierte er so: Er ließ Prospekte drucken und legte sie aus in den Geschäften, in denen er seine Säfte verkauft, und im eignen Hofladen. Darin informierte er interessierte Saftkunden über die Anlagemöglichkeit. Interessenten, die sich daraufhin bei ihm meldeten, erhielten Infomaterial. Obendrein hielt er am Ammersee eine Informationsveranstaltung ab - zusammen mit einem Rechtsanwalt, der das Projekt betreut.

Nach der Veranstaltung zeichneten fünf Leute. Der Rest der insgesamt 20 Genussscheine - die Minimum-Tranche war 10 000 Euro - fand seine Käufer über Mundpropaganda. Das Kapital liegt sieben Jahre bei der Saftmanufaktur fest, danach erhalten die Anleger ihre 10 000 Euro wieder zurück. Die jährlichen Zinsen belaufen sich auf vier Prozent Grundverzinsung - die ist garantiert und wird den Investoren jeweils zum Jahresende überwiesen - plus einer Bonusverzinsung von weiteren vier Prozent, wenn nach Abzug des Unternehmerlohns Gewinn übrig bleibt. Kauft ein Investor mit diesem Geld aus den Zinsen nun in einem der Naturkostläden, die Pergersäfte im Programm haben, ein, bekommt er dann noch mal 20 Prozent Rabatt auf seinen Einkauf. Perger schwärmt: "Dieses Modell gibt Sicherheit und ein gutes Gefühl." Und dass er in einer Notsituation diese Investoren - darunter sind Geschäftsführer anderer Unternehmen wie auch Manager - auch mal schnell um Unterstützung bitten könne. Und dass diese nicht immer finanzieller Natur sein muss: "Es ist ja auch hilfreich, wenn jemand eine Aufgabe übernehmen, sich um etwas kümmern kann", so der Saftprofi. Wer seine Ideen und die Tradition des Saftkelterns fortsetzen wird, darüber zerbricht sich der Vater von vier Kindern noch nicht den Kopf. Sicher wäre sein Ältester, der 15-jährige Lukas, ein Typ wie er: "Ein Werkler, der die Maschinen liebt, maximalen Speed fährt und nach der Schule so viel Schlepperstunden ableistet wie der Lehrling", charakterisiert ihn der Vater. Und er würdigt im gleichen Atemzug die Vorzüge seiner Tochter Magdalena und der anderen Buben, Jakob und Benjamin. Er kann sich vorstellen, dass vielleicht zwei seiner Kinder die Firma eines Tages als Team leiten. Greift er doch selbst gerne auf die Talente seiner Schwester Mechthild zurück, die als Kirchenmalerin die Etiketten für seine Saftflaschen entwirft. Selbst der Vater Maximilian arbeitet noch im Familienbetrieb mit: So errechnete der 86-jährige Tüftler, ob beim Einbau der neuen Abfüllanlage die Wärmeproduktion der alten Heizkessel ausreicht. Schließlich soll die Expansion auf stabilem Fundament stehen.

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