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Sebastian Müller und Hannah Cheney Dank geplantem Plastikverbot – Trinkhalme aus Glas finden reißenden Absatz

Das geplante Plastikverbot der EU ist für Gründer ein Konjunkturprogramm. Wiederverwendbare Trinkhalme kommen nun auch in der Gastronomie an.
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Das Plastikverbot der EU beflügelt das Geschäft des Investoren- und Gründer-Paars Sebastian Müller und Hannah Cheney. Quelle: NGIN Food
Geschäft mit dem Halm

Das Plastikverbot der EU beflügelt das Geschäft des Investoren- und Gründer-Paars Sebastian Müller und Hannah Cheney.

(Foto: NGIN Food)

DüsseldorfDas entscheidende Erlebnis hatten Hannah Cheney und Sebastian Müller bei einem Urlaub auf der thailändischen Insel Koh Phayam. Jedes Mal wenn das Paar an den traumhaften Sandstrand ging, ärgerte es sich darüber, dass täglich massenweise Plastikmüll aus dem Indischen Ozean angespült wurde. Kurzentschlossen organisierten die beiden mit Freunden ein Clean-up-Event. In nur zwei Stunden hatten sie rund 150 Liter Müll gesammelt. „Gefühlt war jedes zweite Teil ein Plastikstrohhalm“, erinnert sich Müller.

Zurück in Berlin, ließ ihnen das keine Ruhe. Es musste doch eine Alternative dazu geben, dass allein in der EU Schätzungen zufolge jedes Jahr mehr als 36 Milliarden Plastikhalme nach einmaligem Gebrauch weggeworfen werden. Doch wirklich überzeugende Lösungen, die in großem Maßstab in der Gastronomie angewendet werden konnten, schienen nicht zu existieren. Und so entstand ihre Geschäftsidee.

Zunächst experimentierten sie mit den unterschiedlichsten Materialien. Papier weichte zu schnell auf, Metall beeinflusste den Geschmack, Bambus durfte als organisches Material in der Gastronomie nicht wiederverwendet werden. Deshalb vermarkten die beiden Gründer nun Trinkhalme aus Glas unter dem schlichten, aber griffigen Namen „Halm“.

Sie gaben ihre sicheren Jobs beim Berliner E-Commerce-Anbieter für Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik Chal-Tec auf und wagten 2016 den Schritt in die Selbstständigkeit. Der studierte Wirtschaftsingenieur Müller hatte bei Chal-Tec fast zehn Jahre lang als Head of Operations gearbeitet und das Tochterunternehmen Hifi-Tower aufgebaut. Die in Australien geborene Cheney hatte nach ihrem Wirtschaftsstudium in Sydney für Chal-Tec unter anderem das Geschäft in Großbritannien geleitet.

Nur zwei Jahre nach der Gründung nutzen bereits mehr als 250 Restaurants, Cafés und Hotels die Glastrinkhalme von „Halm“. Fünf festangestellte Mitarbeiter haben sie mittlerweile. Nach eigenen Angaben ist das Geschäft bereits profitabel. Konkrete Geschäftszahlen will Müller noch nicht nennen. Nur so viel: „Rund 300 Millionen Plastikhalme haben wir mit unseren Produkten bisher schon eingespart“, rechnet der 36-Jährige nicht ohne Stolz vor.

„Wir waren von Anfang an von unserer Idee überzeugt“, sagt Müller, „aber wir hätten nicht gedacht, dass es so schnell geht.“ Hatte das Unternehmen anfangs stärker auf den Direktvertrieb an Endkunden gesetzt, macht es jetzt schon die Hälfte des Umsatzes mit Geschäftskunden aus der Gastronomie.

Doch bis dahin war es ein steiniger Weg. „Anfangs war es mühsam, die Gastronomen von einem Umstieg auf Glashalme zu überzeugen“, räumt Müller ein. Doch seit Kurzem ist das Neugeschäft fast ein Selbstläufer.

Befeuert wird das Geschäft durch die Europäische Union. Im Januar hat die Kommission eine Plastikmüllstrategie vorgelegt, nach der bis 2030 alle Kunststoffverpackungen in der EU recyclingfähig sein sollen. Schließlich bestehen rund 80 Prozent der Abfälle in den Ozeanen aus Kunststoff, der erst in Hunderten von Jahren verrottet. Im Mai dann veröffentlichte die EU ein Maßnahmenpaket mit konkreten Vorschlägen, das unter anderem vorsieht, Plastikgeschirr zu verbieten. Und dazu gehören auch Trinkhalme.

Supermärkte steuern um

Das zeitigte rasch Folgen. So will Rewe ab nächstem Jahr auf den Verkauf von Einweghalmen aus Kunststoff verzichten. In seinen 6000 Märkten unter den Marken Rewe, Penny und Toom verkauft das Unternehmen bisher immerhin 42 Millionen solcher Halme pro Jahr. Auch Lidl will bis Ende 2019 alle Einweg-Plastikartikel wie Geschirr und Trinkhalme aus dem Sortiment nehmen. Das Verpackungsunternehmen Tetrapak plant, bis Ende des Jahres auf Strohhalme aus Papier umzustellen. Auch die Kaffeekette Starbucks hat angekündigt, auf Plastikhalme verzichten zu wollen.

„Das ist im Grunde ein Konjunkturprogramm für alle Unternehmen, die sich mit nachhaltigen Alternativen zu Plastik beschäftigen“, sagt Halm-Gründer Müller. Nun könne er zögernden Gastronomen sagen: „Demnächst musst du ohnehin umstellen. Dann kannst du es doch auch jetzt schon machen.“

Peter Gebhardt, Küchen- und Serviceleiter des Mercure Hotel Berlin-City, hatte im Mai dieses Jahres die ersten Glashalme bestellt und hat jetzt weitere nachgeordert. Er kaufte zunächst aus Gründen der Nachhaltigkeit, nun überzeugt ihn auch die Bruchsicherheit. „Das Feedback der Gäste ist grandios, die sind ganz begeistert“, sagt er.

Das Mercure hat einen Teil der Halme mit dem Logo des Hotels lasern lassen, sodass sie als Werbemittel eingesetzt werden können. Und auch finanziell rechnet sich der Umstieg offenbar. „Nach unserer Kalkulation müsste sich die Investition in die Glashalme im Vergleich zu den laufenden Kosten für Plastikhalme nach etwa einem Jahr amortisiert haben“, sagt Gebhardt.

Einer der jüngsten Kunden sind die beiden Schwesterhotels Empire Riverside Hotel und Hotel Hafen Hamburg. Bisher haben sie pro Jahr rund 600.000 Plastikhalme in ihren sieben Restaurants und Bars verbraucht.

„Gerade in unserer Branche fallen täglich erhebliche Abfallmengen an“, begründet Enrico Ungermann, Direktor der beiden Häuser, den Umstieg. „Da ist es wichtig, die Augen nach neuen Möglichkeiten offen zu halten, um Vorreiter sein zu können.“

Angetan von den neuen Halmen ist auch sein Gastronomieleiter Michael Nemecek. Sie seien ein Gewinn nicht nur für die Umwelt, erklärt er, sondern auch für den Geschmack, da keine Plastikrückstände mehr in die Getränke kämen. Und besonders wichtig für den Praktiker: Sie seien gründlich und einfach zu reinigen, auch in Stoßzeiten. In der Regel reicht die Spülmaschine.

Ein Halm hält für 1000 Getränke

Für hartnäckige Getränkerückstände haben die Halm-Gründer eine spezielle Spülbürste entwickeln lassen, die mit den Halmen geliefert wird. Außerdem geben sie der Gastronomie wegen der größeren Stückzahlen deutliche Rabatte. Für Endkunden kostet ein Set mit vier Halmen und einem Spülbürstchen immerhin knapp unter 20 Euro.

Das Glasmaterial ist besonders weich und damit relativ bruchsicher. Etwa 1000-mal soll ein Halm im Schnitt benutzt werden können. Die Trinkhalme werden aus Schott-Spezialglas in Deutschland produziert – auf Maschinen, die zum Teil fast 100 Jahre alt sind.

Da in den vergangenen Jahren immer mehr kleine Glasfabriken geschlossen haben, sind neue Maschinen kaum zu bekommen. Halm lässt jetzt eine anfertigen, die aber anderthalb Jahre Lieferzeit hat. Auch deshalb ist Halm-Gründer Müller überzeugt, dass es mögliche Konkurrenten schwer haben werden, ihnen ihr Geschäft streitig zu machen.

Trotz des raschen Wachstums haben Müller und Cheney ihr Unternehmen bisher komplett ohne Investoren selbst finanziert. Und auch die Gewinne werden nur zum Teil wieder ins Geschäft investiert. Denn die Hälfte der Erlöse spendet Halm für Initiativen, die sich dem Kampf gegen Plastikmüll verschrieben haben. Wohin das Geld genau geht, darüber entscheiden die „Fans“ auf der Facebook-Seite des Unternehmens. Die ersten 1000 Euro bekam im Juli die Schweizer Meeresschutzorganisation Ocean Care.

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