Sicherheit Krise kann Mittelständler nicht schocken

In wirtschaftlich schlechten Zeiten steigt das Sicherheitsbedürfnis. Hersteller von Sicherheitstechnik profitieren davon. Das Geschäft mit Tresoren boomt. Und auch die Schlüsseldienste erwarten keinen dramatischen Umsatzeinbruch.
  • Florian Vollmers
Fest verschlossen: In der Krise verkaufen sich Tresore besser. Quelle: dpa

Fest verschlossen: In der Krise verkaufen sich Tresore besser.

(Foto: dpa)

BREMEN. Tresore sind bei Ralf Margout derzeit der Renner. Bei dem Geschäftsführer der Zielke Sicherheits-Zentrale, einem familiengeführten Sicherheitsfachgeschäft mit zehn Mitarbeitern in Lippstadt, fragen besonders Privatkunden seit Jahresbeginn immer öfter nach Geldschränken. "Die Hersteller kommen mit den Lieferungen kaum noch hinterher", berichtet Margout. "Diese Entwicklung hängt mit der Krise zusammen, in wirtschaftlich schlechten Zeiten steigt das Sicherheitsbedürfnis." Verunsicherte Bürger haben das Vertrauen in die Banken verloren, holen ihre Wertgegenstände nach Hause und verschließen sie dort in Tresoren. "Ich rechne deshalb mit einer Renaissance der Haussicherung", sagt Margout.

Neben den großen Herstellern von Sicherheitstechnik sind es vor allem die vielen kleinen und mittelgroßen Schlüsseldienste, Errichterfirmen und Planungsbüros, die die Branche prägen - wie die Zielke Sicherheits-Zentrale. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind nach wie vor gut gefüllt. "Die Wirtschaftslage hat bislang noch keine Auswirkungen auf unsere Branche gehabt", sagt Hartmut Wöckener, Geschäftsführer des Fachverbands europäischer Sicherheits- und Schlüsselfachgeschäfte Interkey, der rund 3000 Unternehmen in Deutschland vertritt. "Die künftige Entwicklung lässt sich jedoch noch nicht absehen", sagt Wöckener.

Die Branche wird um rund sechs bis neun Monate zeitversetzt unter der Krise leiden, sich aber bereits im kommenden Jahr wieder erholen, schätzt Urban Brauer, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Hersteller- und Errichterfirmen von Sicherheitssystemen (BHE). "2008 hatten wir einen Umsatzzuwachs von 3,5 Prozent, der in diesem Jahr jedoch nicht erreicht wird", sagt Brauer. "Ich gehe aber davon aus, dass bereits im Jahr 2010 das Wachstum wieder zwischen zwei und drei Prozent liegen wird."

Stärkster Wachstumstreiber der Branche sind die mechatronischen Schließsysteme, die Elektronik und Mechanik miteinander verbinden. "Die Kunden beginnen, die enormen Kostenvorteile von Mechatronik zu erkennen", berichtet Zielke-Geschäftsführer Margout. "Müssen bei einem verloren gegangenen Schlüssel alle Schlösser kostenaufwendig ausgetauscht werden, reicht beim mechatronischen Schließsystem die Umprogrammierung des Schlüssel-Chips."

In den vergangenen Jahren konnte das Sicherheitsfachgeschäft in Lippstadt regelmäßig Umsatzsteigerungen zwischen drei und fünf Prozent erwirtschaften. Allein der Geschäftsbereich Mechatronik verbuchte dabei zweistellige Wachstumsraten. "Trotzdem kommen immer noch viele Kunden zu uns und verlangen einfach nur einen Schlüssel", sagt Margout, der in diesem Jahr keinen großen Geschäftseinbruch erwartet. "Unsere Branche muss präsenter werden und zeigen, was technisch alles möglich ist", beschreibt er einen Weg, auf die Wirtschaftskrise zu reagieren.

Dass Unternehmen selbst in schwierigen Zeiten weiter in Großprojekte investieren, bestätigt Heiko Lohrer, Geschäftsführer von Alarm- und Sicherheitstechnik Lohrer in Weinheim. Seit Ende Januar betreibt der Sicherheits-Dienstleister ein elektronisches Sicherheitssystem für die neue Weltzentrale der Freudenberg Haushaltsprodukte KG in Weinheim, die durch Marken wie Vileda und O-Cedar bekannt ist. "Die Sicherheitstechnik dieses Gebäudes ist innovativ und wurde dem Kunden regelrecht auf den Leib geschneidert", sagt Lohrer. Auch wegen solcher Vorzeigeprojekte ist Lohrer für das laufende Jahr optimistisch. "2009 ist der Umsatz bislang nicht rückläufig." Im vergangenen Jahr machte Lohrer mit 30 Mitarbeitern einen Umsatz von 3,5 Mio. Euro und verbuchte dabei einen Zuwachs von 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dabei verlangen Kunden Sicherheitsdienstleitungen zunehmend aus einer Hand. So wird auch Lohrer immer häufiger nicht erst zur Installation engagiert, sondern bereits in frühen Planungsstadien miteinbezogen - und soll dann von der Zutrittskontrolle über die Videoüberwachung bis zum Brandmeldesystem sämtliche Sicherheitsgewerke übernehmen. "Dadurch gewinnt auch der Service an Bedeutung", sagt Lohrer. "Bei uns sind allein acht von dreißig Mitarbeitern nur mit Wartungs- und Instandhaltungsaufträgen beschäftigt."

Von einer guten Perspektive berichtet auch Manfred Götsch, Inhaber des auf Sicherheitstechnik spezialisierten Planungsbüros PMG in Gütersloh. "Momentan sind die Auftragsbücher noch gut gefüllt, da der Sicherheitsbedarf immer noch hoch ist", sagt Götsch, dessen Büro mit drei Mitarbeitern 2008 rund 160 000 Euro erwirtschaftet hat. Derzeit realisiert PMG zwei Großprojekte für ein Pharmaunternehmen und einen öffentlichen Auftraggeber. "Dass Sicherheit immer zieht, sollte man aber nicht annehmen", sagt Ingenieur Götsch. Es komme vor, dass Kunden in wirtschaftlich schlechten Zeiten aus Kostengründen zum Beispiel auf ein Brandmeldesystem verzichten.

Viel mehr als die Wirtschaftskrise treiben die Sicherheitsunternehmen aggressive Marktstrategien großer Konzerne um: Die größten Hersteller von Sicherheitstechnik Siemens und Bosch haben ihr Direktgeschäft verstärkt und konkurrieren um die Kunden kleiner Installationsbetriebe und Schlüsseldienste.

Auch internationale Konzerne wie das schwedisch-finnische Unternehmen Assa Abloy oder das US-Unternehmen Honeywell haben in jüngster Vergangenheit nicht nur durch die Eröffnung eigener Filialen für Aufsehen gesorgt, sondern auch durch den Aufkauf mittelständischer Sicherheitsunternehmen. "Auch Anbieter von Facility Management drängen auf den Markt", berichtet Unternehmer Lohrer. Dennoch macht ihm die neue Konkurrenz keine Angst: "Kleinere Betriebe wie wir haben aber den Vorteil, dass wir schneller und flexibler auf Kundenwünsche reagieren können."

Verbände indes sehen durch den Trend zur Konzentration die mittelständische Struktur der Branche gefährdet. "Die breite Vielfalt der rund 3000 professionellen Sicherheitsfachgeschäfte in Deutschland muss gewahrt bleiben, weil diese Anbieter durch ihre Nähe zum Kunden am besten auf dessen Wünsche eingehen können", sagt Interkey-Geschäftsführer Wöckener. Auch BHE-Geschäftsführer Brauer plädiert für den Mittelstand: "Gerade in Zeiten der Krise sollte das überwiegend partnerschaftliche Verhältnis zwischen Herstellern auf der einen sowie Errichtern, Planern und Schlüsselfachgeschäften auf der anderen Seite nicht gefährdet bleiben."

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