Start-ups Warum die Bundesregierung junge deutsche Firmen nach Südostasien schickt

Die Herausforderungen in den aufstrebenden Märkten sind groß. In Südostasien müssen sich die Start-ups noch einmal neu erfinden.
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Gutes Sprungbrett in Südostasien. Quelle: Imago
Bankenviertel von Singapur

Gutes Sprungbrett in Südostasien.

(Foto: Imago)

SingapurIn seinem früheren Arbeitsleben hat Bastian Lossen in der Finanzmetropole Singapur komfortabler logiert. Damals, als er das internationale Marketing der Credit Suisse verantwortete, übernachtete er in den Luxushotels der Stadt.

Für sein jüngstes Abenteuer zog er am Anfang erst einmal in eine Jugendherberge. Nicht einmal ein eigenes Büro hat der Manager. Die Asien-Repräsentanz seines Start-ups Werthstein ist vorerst in einem Co-Working-Space angesiedelt. Immerhin haben Lossen und seine Mitstreiter aus Deutschland einen eigenen Raum. Der ist etwa so groß wie ein Klassenzimmer und sieht mit seiner einfachen Möblierung auch ein bisschen so aus.

Es ist ja auch eine Art Turbolehrgang, den der 43-Jährige gerade absolviert. Lossen ist Co-Gründer des deutsch-schweizerischen Fintechs. Werthstein ist eines der drei Unternehmen, die mithilfe der Bundesregierung Südostasien seit März erobern sollen. Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt mit dem sogenannten German Accelerator bereits junge Unternehmen, die in Amerika Fuß fassen wollen: im Silicon Valley, New York und Boston. Nun soll jungen Firmen auch der Weg nach Asien geebnet werden.

Auf Singapur fiel die Wahl aufgrund des besseren Schutzes geistigen Eigentums im Vergleich zu China – und aufgrund der Wachstumsaussichten der Nachbarländer. Die Millionenmetropole gilt als Tor zu einem boomenden Markt mit mehr als 600 Millionen Menschen. Die Wirtschaft wächst in Südostasien seit Jahren mit durchschnittlich rund fünf Prozent.

Doch trotz aller Chancen gilt der Markt als schwierig, vor allem, weil er divers ist: Die Kaufkraft in Singapur ist 20-mal so hoch wie in Vietnam, auch kulturell und sprachlich ist die Region vielfältig. Die Regularien sind trotz eines prinzipiell angestrebten gemeinsamen Marktes längst nicht angeglichen.

Chancen hat nur, wer optimal vorbereitet ist. „Meistens funktioniert es für Start-ups nicht, das gleiche Produkt wie in Deutschland einfach nur in Asien anzubieten“, sagt Claus Karthe, Chef des Programms German Accelerator in Südostasien. Bevor er sich in den Dienst des Wirtschaftsministeriums stellte, war er jahrelang Manager für Asien, unter anderem betreute er Markteinstiege für den finnischen Technologiekonzern Nokia. Ohne eine dezidierte Asienstrategie und gute Kontakte vor Ort sei ein Start in Asien zum Scheitern verurteilt, sagt er.

Damit die jungen Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen maßschneidern können, gibt die Bundesregierung nun jährlich eine Million Euro aus. Aus 13 Bewerbern wurden drei Unternehmen ausgewählt. Fünf Monate lang können die Start-ups einen kostenlosen Büroplatz nutzen, ihnen werden Dienstreisen finanziert, und ein Mentor vor Ort wird ihnen bereitgestellt. Vor allem hilft der Accelerator den Teilnehmern, jede Menge Kontakte zu knüpfen und Informationen zu sammeln.

B. Lossen (Werthstein), J. Kellermann (Tiramizoo) und C. Karthe (German Accelerator Southeast Asia). Quelle: Frederic Spohr
Drei Deutsche in Asien

B. Lossen (Werthstein), J. Kellermann (Tiramizoo) und C. Karthe (German Accelerator Southeast Asia).

(Foto: Frederic Spohr )

Bei Werthstein ist dieser Prozess im vollen Gange. Das fängt beim Namen an: Aus dem Roboadvisor Werthstein wird in Asien Wealthstone. Nicht nur der Name ändert sich: Der digitale Vermögensverwalter, der sich als „Economist mit Trading-Button“ bezeichnet, benötigt auf Asien ausgerichtete Texte und Videos sowie regionale Investmentangebote. Wegen der unterschiedlichen Kundschaft entwickelt Lossen außerdem verschiedene Preismodelle.

Vor allem aber muss sich Lossen in zahlreiche neue Regularien einarbeiten und sich um eine Lizenz in Singapur bemühen. Um seine Finanzdienstleistung anzubieten, muss Werthstein in Singapur ein neues Venture gründen und dafür auch Kapitalgeber suchen. Auch dank der Kontakte über den German Accelerator fand Lossen die Partner dafür schon nach wenigen Wochen.

Enormer Aufwand

Der Aufwand ist dennoch enorm: „Es wäre für uns sicher billiger gewesen, erst einmal Märkte in Europa zu erschließen und beispielsweise nach Frankreich zu gehen“, sagt Lossen. Aber angesichts des schnellen Wachstums in der Region entschloss sich das Start-up, den Sprung nach Asien zu wagen.

Südostasien ist längst keine Start-up-Wüste mehr. Sogar in Manila, Hauptstadt der eher armen Philippinen, gibt es laut dem Start-up-Genome-Report fast 100 Fintechs. In Singapur sind es 270. Lokale Wettbewerber haben amerikanische Tech-Unternehmen schon erfolgreich zurückgeschlagen – so hat das malaysisch-singapurische Unternehmen Grab beispielsweise den amerikanischen Rivalen Uber bezwungen.

2017 hat sich das eingesammelte Risikokapital in Südostasien im Vergleich zum Vorjahr auf fast acht Milliarden US-Dollar verdreifacht. Nicht nur die Einheimischen gründen, auch ausländische Unternehmer haben die Region entdeckt: Viele ziehen für Monate oder Jahre in Städte wie Ho-Chi-Minh-Stadt, um die günstigeren Lebenshaltungs- und Lohnkosten in den ersten Jahren zu nutzen.

Auch die lokalen Behörden haben die Bedeutung der jungen Technologieunternehmen für die Wirtschaft erkannt. Singapurs Zentralbank unterstützt die Fintechs beispielsweise mit 225 Millionen US-Dollar. Thailand lockt mit einem „Smart Visum“ für junge Start-ups. Gleichzeitig bleiben aber Infrastruktur und Bürokratie in vielen Staaten rückständig.

Doch gerade diese Defizite schaffen auch Geschäftsmöglichkeiten, glaubt man beim Logistik-Start-up Tiramizoo – ebenfalls ein Teilnehmer des Accelerator-Programms. „Die großen Verkehrsprobleme in den Megacitys bergen für uns großartige Chancen“, sagt Julian Kellermann. Er verantwortet das internationale Geschäft bei Tiramizoo und ist dafür nun erst einmal nach Singapur gezogen.

Auch Tiramizoo muss sich für den asiatischen Markt neu erfinden. Das Unternehmen hat eine Logistiksoftware entwickelt, die Transporte effizient organisiert. In Deutschland tritt es als Logistikanbieter auf, kümmert sich also auch um Fahrer und die gesamte Abwicklung der Lieferung. In Asien wird das Unternehmen dagegen erst einmal nur seine Software verkaufen, um sich so langsam vorzutasten.

Das schafft neue Herausforderungen: „Als Softwareanbieter muss ich mir ein komplett neues Pricing-Modell überlegen“, sagt der 42-Jährige. „Auch entsprechende Verträge ziehe ich nicht einfach aus der Schublade hervor.“

Immerhin hatte das Start-up schon vor der Teilnahme am German Accelerator Erfahrungen in Südostasien: Auf den Philippinen hilft die junge Firma dem Ölunternehmen Shell, die Belieferung seiner Tankstellen mit Konsumartikeln zu optimieren. Der Konzern ist sogar Teilhaber an dem jungen Münchener Unternehmen geworden.

Enormes Arbeitspensum

Nun will Tiramizoo in weiteren asiatischen Märkten Fuß fassen: Mithilfe eines vom German Accelerator gestellten Mentors hat Kellermann bereits einen Einzelhändler als Kunden gewinnen können. Zudem finde er ständig neue mögliche Einsatzgebiete für seine Software, sagt er. So könnte das Programm beispielsweise auch nützlich sein, die Belieferung der riesigen Einkaufszentren in der Region zu optimieren. Die sind in Asien teilweise so groß wie kleine Städte, die Logistik ist entsprechend kompliziert.

Sich in so jungen Jahren in einem neuen Markt aufzustellen bedeutet eine enorm hohe Belastung für die Mitarbeiter und Gründer: Sie müssen praktisch zwei Unternehmen parallel aufbauen. Wegen der Zeitverschiebung lässt sich das verwirklichen – wenn man ein entsprechendes Pensum fast rund um die Uhr schafft. In Singapur kümmert sich Lossen jetzt bis zum Nachmittag um sein Venture in Asien, dann starten die Meetings in Deutschland. „Ich fühle mich ein bisschen an die Zeit meines MBA erinnert.“

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