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Strukturwandel „Bochum ist nicht Detroit“ – Wie das Ruhrgebiet um Tech-Firmen wirbt

Start-ups statt Stahlblech: Auf dem ehemaligen Opel-Gelände in Bochum entsteht ein Zentrum für junge Firmen. Duisburg will zur „Smart City“ werden.
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Start-Ups statt Opel: Der Strukturwandel im Ruhrgebiet Quelle: AFP
Zeche Prosper-Haniel in Bottrop

Mit der Schließung am 21. Dezember endet das Kohlezeitalter im Ruhrgebiet.

(Foto: AFP)

Bochum, Duisburg „How Love Could Be“ – prangt in roten Leuchtlettern auf der verwaisten Opel-Verwaltung in Bochum. Das Backsteingebäude wurde bundesweit bekannt als Protestkulisse wütender Opelaner, die sich vergebens gegen die Schließung der Werke wehrten. Die Leuchtbuchstaben gehören zum Kunstprojekt „This is not Detroit“.

Und so lautet auch das Credo von Bochums Oberbürgermeister Thomas Eiskirch (SPD). Die verödete US-Autometropole ist für ihn ein warnendes Beispiel. „Bochum darf kein Detroit werden!“, mahnt Eiskirch in der Baubaracke auf dem Gelände.

Vor fast genau vier Jahren rollte hier in Bochum der letzte Opel Zafira vom Band. 2900 Opelaner mussten in eine ungewisse Zukunft gehen. Ein Schlag für die Stadt, die hier schon 1958 die Schließung der Zeche Dannenberg zu verkraften hatte, die seit 1724 Steinkohle förderte.

Die Erleichterung war groß, als 1962 Opel kam. Zu Hochzeiten montierten hier 20.000 Opelaner den Kadett. Doch 2014 war Schluss, wie zuvor schon bei Handybauer Nokia, der ebenfalls einmal in Bochum für viele Arbeitsplätze gesorgt hatte und dann das Werk schloss.

Um neue Arbeitsplätze anzusiedeln, haben sich Opel und die Stadt Bochum zusammengetan. 70 Millionen Euro Fördermittel sollen am Ende 700 Millionen private Investitionen bringen. Die Initiative „Bochum Perspektive 2022“ hat in kurzer Zeit schon einiges bewegt – nicht nur gewaltige Erdmassen.

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Zunächst kamen die Abrissbagger. Nur das alte Presswerk steht noch – und die rote Opel-Verwaltung, die künftig „O-Werk Innovation Campus Bochum“ heißt.

Start-ups statt Stahl

Start-ups statt Stahlblech heißt nun die Devise. Neue, zukunftsträchtige Firmen und Forschungsinstitute werden auf dem Opel-Gelände angesiedelt: vom Logistikkonzern über den Technologie-Campus der Ruhr-Uni Bochum bis zu Cybertechs. „Die alten Opelaner sind stolz darauf, was hier passiert“, meint Eiskirch.

Fast die Hälfte des Opel-Geländes ist bereits verkauft, weitere 30 Prozent so gut wie vergeben. „2025 werden hier mehr als 6000 Menschen arbeiten – doppelt so viele wie zuletzt bei Opel“, glaubt Oberbürgermeister Eiskirch. Wenn er recht behält, wäre das ein seltenes Beispiel für gelungenen Strukturwandel im Ruhrgebiet. Nicht nur in Bochum – von Duisburg bis Dortmund buhlt der krisengeplagte Ruhrpott um Industrien mit Zukunft.

Dort, wo früher Opel lackiert wurden, hat Logistiker DHL bereits ein großes Paketzentrum gebaut. Ab Herbst 2019 werden mehr als eine Million Sendungen am Tag abgefertigt. Die Prüffirma Dekra hat ebenfalls Fläche gekauft. Bosch-Tochter Escrypt baut einen Technologie-Campus für 2000 weitgehend neue Mitarbeiter. Die IT-Sicherheitsfirma entstand 2004 als Spin-off des renommierten Horst-Görtz-Instituts der Ruhr-Uni.

2012 wurde das Start-up Escrypt von Bosch-Tochter Etas übernommen. „Wir finden hier optimale Bedingungen vor und hoffen, auch andere Bosch-Abteilungen, die zum Internet der Dinge forschen und entwickeln, für den Standort Bochum begeistern zu können“, sagt Etas-Chef Friedhelm Pickhard.

Entscheidende Impulse gibt die Ruhr-Uni, die ein Zentrum für Wissenschaft, Technologie und Firmengründungen mit 3360 Stellen plant. In Makers‘ Factories (neudeutsch für Werkstätten) etwa sollen Studenten Prototypen bauen und sich fürs Gründen erwärmen. „Früher war Bochum Kohlestadt, dann Opel-Stadt, nun wird sie zur Wissensstadt“, meint Uta Hohn, Prorektorin der Ruhr-Uni. Statt 60.000 Kohlekumpeln gibt es heute 60.000 Studenten.

Wenn drei Tage vor Heiligabend die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop schließt, ist Steinkohle im Ruhrgebiet endgültig Geschichte. Auch für den Stahl sind die Glanzzeiten vorbei. Thyssen-Krupp will seine Stahlsparte in ein Joint Venture mit der indischen Tata Steel ausgliedern. Was das für Duisburg bedeutet, Europas noch größten Stahlstandort, ist ungewiss.

Von der Ruhrpott-Romantik, wie sie Herbert Grönemeyer mit „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt ... ist es viel besser, als man glaubt“ besingt, ist wenig übrig. Das Ruhrgebiet kämpft nicht nur mit einem Imageproblem. Das einstige Herz der deutschen Industrie ist wirtschaftlich abgehängt. Nach einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kommt das Ruhrgebiet bei der Bewältigung des Strukturwandels bisher kaum voran.

Es „hat am Boom der deutschen Städte seit der Jahrtausendwende nicht teilgenommen“, so das ernüchternde Fazit von IW-Direktor Michael Hüther. In vielen Feldern hinke das Revier hinterher. Der größte Ballungsraum Deutschlands leidet.

In keiner anderen Metropolregion ist die Arbeitslosigkeit so hoch, obwohl sie bereits zurückging. Trauriges Schlusslicht ist Gelsenkirchen mit einer Quote von zuletzt 12,5 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie im Bundesschnitt von 4,9 Prozent. Nirgendwo sind die Kommunen so verschuldet, die Straßen so marode wie an der Ruhr.

Das Ruhrgebiet kann eine wirtschaftliche Renaissance erleben, wenn gezielt umgesteuert wird. Klaus-Heiner Röhl, Wirtschaftsforscher IW

Und nun bedroht auch noch das Diesel-Urteil die „Schlagader des Reviers“. Fahrverbote auf der A40 mitten durch Essen dürften gravierende Folgen für die regionale Wirtschaft haben. „Die Mischung aus schlechter Infrastruktur, Problemen in der Bildung und fehlendem Geld ist fatal“, so Klaus-Heiner Röhl vom IW.

Zwar gibt es fünf Universitäten und 15 Fachhochschulen, die gezielt angesiedelt wurden. Aber nur knapp 3,5 von 1000 Beschäftigten arbeiten laut IW in der Forschung und Entwicklung – halb so viele wie im Bundesschnitt. Denn viele gut Ausgebildete wandern nach dem Studium ab.

Kirchturmdenken schadet

Davon kann auch Andreas Lüning, Mitgründer von G Data in Bochum, berichten. Als Student entdeckte er 1985 auf seinem Atari-Computer zwei Viren. Daraufhin entwickelte er das weltweit erste Anti-Viren-Programm. „Wir hatten damals keinen Businessplan und keine Investoren.“ Heute hat G Data weltweit fast 500 Mitarbeiter – und ist Bochum treu geblieben.

Obwohl es heute in Bochum einen Lehrstuhl für IT-Sicherheit von Weltruf gibt, ist es für G Data herausfordernd, Absolventen anzuwerben. „IT-Sicherheitsexperten steht die Welt offen. Berlin ist cool, München zahlt viel. Die können zu Google oder Microsoft gehen“, so Lüning. Die Leute von den Vorzügen Bochums zu überzeugen sei nicht leicht. Dabei sei das Ruhrgebiet grün, günstig und habe von Oper bis Musical viel zu bieten.

Was der IT-Unternehmer bedauert: „Viele Städte im Ruhrgebiet treten im Wettbewerb um die Ansiedlung von Arbeitsplätzen gegeneinander an. Jeder kocht sein eigenes Süppchen.“ Das Ruhrgebiet besteht aus 53 eigenständigen Kommunen. Das „Kirchturmdenken“ kritisieren auch viele Gründer.

„Die Förderung von Start-ups im Ruhrgebiet ist viel zu lokal“, moniert Philipp Preuss, Mitgründer von Icho. Das Start-up bringt seine Aktivkugel für Demenzkranke im Duisburger Fraunhofer Institut für Mikroelektronik zur Marktreife. „Gute Gründer müssen nach Berlin, hieß es bisher“, so Preuss. Die Denke ändere sich gerade. „Wir sind Pottkinder.“ Gefördert wurde Icho anfangs im Social Impact Lab des Haniel-Konzerns.

Von der räumlichen Nähe zu Industriegrößen profitieren bisher jedoch nur wenige Ruhr-Start-ups. 2017 war laut Start-up-Studie des Vereins ProRuhr nur ein Viertel der Gründer zufrieden mit der Zusammenarbeit. Die auf Großunternehmen ausgerichtete Mentalität stand Neugründungen im Ruhrgebiet lange im Wege, konstatiert das IW.

Das ändert sich, auch wenn immer noch viel Wagniskapital nach Berlin fließt. „Das Ruhrgebiet entwickelt sich immer stärker zu einem attraktiven Standort für Gründer“, meint Lutz Granderath von der Beratung PWC.

Auch Duisburg soll zu einem Start-up-Center werden, betont Oberbürgermeister Sören Link (SPD). Der Start-Port etwa im größten Binnenhafen der Welt will Start-ups für Logistik und selbstfahrende Binnenschiffe anziehen.

Ein Gründerwettbewerb für Chinesen, von denen immerhin 2000 in Duisburg studieren, soll findige Köpfe im Ruhrgebiet halten. Mit dem chinesischen Telekomriesen Huawei hat Oberbürgermeister Link zudem gerade vereinbart, die Industriestadt Duisburg in eine „Smart City“-Modellstadt zu verwandeln.

Wirtschaftsforscher Röhl ist überzeugt: „Das Ruhrgebiet kann eine wirtschaftliche Renaissance erleben, wenn gezielt umgesteuert wird.“

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