Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Textilreinigung Warum deutsche Start-ups auf schmutzige Wäsche stehen

Gleich mehrere Jungunternehmen bringen die Plattform-Ökonomie in die Textilreinigungsbranche. Hinter ihnen stehen oft mächtige Familienunternehmen.
16.02.2020 - 14:06 Uhr Kommentieren
Buchungsplattformen für die Wäschereinigung arbeiten meist mit lokalen Wäschereibetrieben zusammen. Quelle: The Image Bank/Getty Images
Waschmaschinen

Buchungsplattformen für die Wäschereinigung arbeiten meist mit lokalen Wäschereibetrieben zusammen.

(Foto: The Image Bank/Getty Images)

Düsseldorf Seine Geschäftsidee hat Stefan Büssemaker aus eigener Betroffenheit entwickelt. Als E-Commerce-Berater war er beruflich viel unterwegs und hatte entsprechend wenig Zeit, sich um seine Wäsche zu kümmern. „In jeder Stadt kann ich mir eine Pizza liefern lassen, aber wer reinigt mir meinen Anzug?“, fragte er sich.

Zunächst als „Feierabendprojekt“, wie er es selbst nannte, entwickelte der Diplom-Informatiker eine digitale Buchungsplattform, die selbstständige Reinigungen mit Kunden verbindet. Er stellte das Projekt seiner lokalen Reinigung vor – der Besitzer war begeistert. Sie gingen mit der Plattform „Waschmal“ live, weitere Reinigungen kamen dazu und die Idee gewann rasch an Fahrt.

Während die Zahl der Reinigungen und Wäschereien in den vergangenen Jahren stetig gesunken ist, hat sich nicht nur Waschmal auf den Weg gemacht, das Uber der Textilreinigungsbranche zu werden. Waschmal betreibt die Plattform und vermittelt die Kunden, die Abholung und Reinigung der Wäsche erledigen selbstständige lokale Wäschereien.

Das hat den Vorteil, dass sich das Geschäft rasch und mit überschaubaren Investitionen skalieren lässt. Innerhalb nur eines Jahres wuchs das Netz der angeschlossenen Städte fast um das Fünffache: von 150 auf 700.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Konkurrent Jonny Fresh ist sogar noch länger am Markt. Das von Sebastian Schmidt und Stefan Michaelis 2013 gegründete Start-up bietet eine mobile Wäscherei und Textilreinigung mit Abhol- und Lieferservice für Privat- und Geschäftskunden an. Rund 50 Unternehmen nutzen den Dienst bereits.

    Auch Jonny Fresh arbeitet mit lokalen Reinigungen zusammen, die auch für die Logistik sorgen und ist in 13 bundesdeutschen Städten sowie in der österreichischen Hauptstadt Wien aktiv. Nach eigenen Angaben sind es rund 12.000 Wäscheabholungen und -lieferungen pro Monat, die Jonny Fresh über eine mobile App abwickelt.

    Persil Service ist der dritte Anbieter der bundesweit aktiv ist. 2015 als Gemeinschaftsunternehmen des Konsumgüterkonzerns Henkel mit der Reinigungskette Stichweh und DHL gestartet, gehört der Dienst inzwischen mehrheitlich Henkel, die Partner sind aber noch mit dabei. Die Wäsche wird von Persil Service allerdings per Mehrweg-Paketen vornehmlich zu einer zentralen Wäscherei geschickt und wieder zurückgesendet.

    Immer weniger Wäschereibetriebe

    Was die drei Spieler in der Plattform-Textilreinigungsbranche verbindet: Sie alle sind auf Handelsketten zugegangen. Büssemaker kooperiert mit dem Lebensmittelhändler Rewe, Persil Service mit der Drogeriemarktkette dm und auch Jonny Fresh arbeitet gerade an einem Pilotprojekt zur Kooperation mit dem Handel, erklärt Mitgründer Stefan Michaelis dem Handelsblatt. Genaueres verrät er noch nicht.

    Doch egal, ob mit oder ohne Plattform – die Reinigungs- und Wäschereibranche, sie ändert sich. Waren es 2002 noch knapp 8000 Wäschereien und Reinigungen, sind es heute Schätzungen zufolge rund 4000 Betriebe. Die Branche hat sich auch so schon konsolidiert, größere Betriebe mit mehreren Filialen nahmen zu. Und: einzelne Spieler versuchten es bereits mit eigenen Apps.

    Während sich Waschmal mit möglichst vielen lokalen Reinigungen vernetzt, fokussiert sich Jonny Fresh auf die etwas größeren Betriebe am Stadtrand, deren Fahrer auch den Lieferservice übernehmen. „Diese Reinigungen sehen uns als Partner und expandieren mit uns“, sagt Michaelis. Und, fügt er hinzu: „Viele unserer Partner wissen, dass der Markt in der alten Form nicht zukunftsfähig ist.“

    Grafik

    Grundsätzlich verschwimmen die Grenzen zwischen stationärem Geschäft und Onlinehandel in der Branche. Im stationären Geschäft gibt es nun, neben dem klassischen Filialgeschäft der Reinigung um die Ecke, die Handelsketten und den Büroservice als Annahme- und Abholstellen, bei denen die Kunden in den Läden oder die Mitarbeiter der Unternehmen ihre Wäsche an einem Servicepunkt abliefern und später wieder abholen – unabhängig von den Öffnungszeiten der Reinigungen.

    Im Onlinesegment gibt es sozusagen die Abholung und Lieferung bis nach Hause, darauf haben sich Jonny Fresh und Waschmal fokussiert und dann gibt es noch das Modell mit dem Paketversand, auf den sich Persil Service spezialisiert hat.

    Der Deutsche Textilreinigungs-Verband e. V. (DTV) sieht die beiden Start-ups Waschmal und Jonny Fresh nicht so kritisch, weil sie ja mit lokalen Betrieben kooperieren. Persil Service dagegen wird nicht nur von der deutschen Umwelthilfe (DUH) kritisiert, weil die Klimaneutralität nur durch Kompensation erreicht würde, und die Pakete zu einer zentralen Wäscherei gesendet werden müssten, sondern auch vom Branchenverband DTV, der der Argumentation der DUH folgt.

    Konfrontiert mit der Kritik äußert sich Henkel so, dass man aktuell mit über 35 lokalen Partnerbetrieben zusammenarbeite. Um die Nachhaltigkeit zu verbessern, würden Wäschebeutel und Kartons wiederverwendbar sein. Die Kompensation bei DHL Go Green sei aber richtig, und schaffe Klimaneutralität.

    Für neue Kundengruppen sichtbar

    Im Rahmen der Kooperation mit Handelsunternehmen wie Rewe oder dm werden die Start-ups sichtbarer für eine größere Kundengruppe. Das empfindet auch der Branchenverband DTV als positiv. Denn bislang hatte der große Durchbruch im Onlinegeschäft der Textilreinigungen auf sich warten lassen. Mit Rewe und dm steigt die Visibilität. „Durch den Markteintritt der beiden neuen Player könnte sich die Dynamik nun ändern“, heißt es im Verband.

    Inzwischen ist es in vielen Rewe-Supermärkten in der Region Köln, Bonn, Düsseldorf möglich, via Waschmal schmutzige Wäsche abzugeben und frühmorgens oder spätabends wieder abzuholen. Büssemaker gibt sich optimistisch, was die Kooperationen mit den jeweiligen Handelsfirmen betrifft.
    Über den Waschmal-Firmenservice sei man in Kontakt mit Rewe gekommen und so entstand die Idee, auch Rewe-Märkte zur Annahmestelle für Waschmal zu machen. Zunächst testeten die Unternehmen in drei Märkten, weiteten das aber rasch aus.
    „Das Feedback der Kunden aus der Kooperation mit Rewe ist überragend gut. Wir sehen, es funktioniert“, so Büssemaker. Die Kunden schätzten insbesondere die langen Öffnungszeiten, die es ihnen erlauben, auch nach Dienstschluss noch Wäsche wegzubringen oder abzuholen.

    Für den Mitgründer und Geschäftsführer von Jonny Fresh ist die Kooperation mit dem Handel erst mal nur ein Spielfeld der Start-ups. Es sei nicht klar, ob das langfristig der richtige Weg ist. Quelle: Jonny Fresh
    Stefan Michaelis

    Für den Mitgründer und Geschäftsführer von Jonny Fresh ist die Kooperation mit dem Handel erst mal nur ein Spielfeld der Start-ups. Es sei nicht klar, ob das langfristig der richtige Weg ist.

    (Foto: Jonny Fresh)

    Rewe zieht ebenfalls ein positives Zwischenfazit: „Die Zusammenarbeit mit Waschmal ist unkompliziert und gut“, bemerkt ein Rewe-Sprecher. „Im Zuge unserer ,One-Stop-Shopping‘-Strategie wollen wir in den nächsten Monaten testen, wie dieser zusätzliche Service in unseren Märkten angenommen wird“, erklärt er.

    Die Partner haben gerade erst 20 weitere Läden angeschlossen und damit das Netz in der Region Bonn, Köln, Düsseldorf auf 46 Märkte ausgebaut. Zehn weitere Standorte sind in der Planung. Jedem Geschäft ist eine feste Wäscherei zugeordnet, die sich um Logistik und Reinigung kümmert.

    Gründer Büssemaker, der mittlerweile 15 Mitarbeiter beschäftigt, denkt aber längst über die Rewe-Kooperation hinaus. „Wir sind voll auf Wachstumskurs und sind deshalb offen für weitere Investoren“, sagt der 33-Jährige. „Wir checken gerade den Kapitalbedarf für unsere Wachstumsziele.“

    Dass die Start-ups ganz gute Chancen haben, liegt nicht nur an den neuen Kooperationspartnern aus dem Handel, sondern auch an den finanzstarken Familienunternehmen die hinter den Start-ups stehen. Schließlich ist das Potenzial des Marktes nicht klein. Insgesamt auf 4,5 Milliarden Euro schätzt der DTV den Jahresumsatz der gesamten Textil-Dienstleistungsbranche.

    So kam bei Stefan Büssemaker von Waschmal der entscheidende Moment im Winter 2017, als der Investor Miele Ventures ihn ansprach. Inzwischen hält Miele Ventures 53 Prozent an Waschmal und gibt sich sehr zufrieden. Das Ziel, so heißt es bei Miele, sei, dass Waschmal in allen Städten ab 20.000 Einwohner aktiv werden würde.

    Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung

    Jonny Fresh kommt wie Waschmal aus dem Privatkundengeschäft. Kernkompetenz ist besonders die flexible Logistik und dynamische Routenoptimierung. Weil die Kunden vor allem frühmorgens und nachmittags angefahren werden wollten, entdeckte Jonny Fresh Firmenkunden, Arztpraxen, Labore und Gaststätten als zusätzliches Geschäft, dann kam der Büroservice dazu. Der Grund: Die Auslieferungsfahrer waren zwar früh morgens und nachmittags gut ausgelastet, aber in der Zwischenzeit gab es Leerlauf, erklärt Michaelis.

    Bei Jonny fresh arbeiten 40 Mitarbeiter, die rund 70 Fahrer sind bei den meist etwas größeren Reinigungen und Wäschereien angestellt. „In vielen Städten arbeiten wir schon profitabel, das gesamte Netzwerk wird in den nächsten 24 Monaten folgen“ sagt Michaelis. Jonny Fresh konnte ebenfalls prominente Investoren anlocken. Engelhardt Kaupp Kiefer war der erste Investor, dann stieg Lightfield Equity von Jan Philippiak ein, der als Gesellschafter im Beirat des Ventilatorenherstellers EBM Papst sitzt.

    Auch das Familienunternehmen Haniel hat sich über die Hygiene-Tochter CWS an Jonny Fresh mit inzwischen 16 Prozent beteiligt. Adriana Nuneva, Digitalchefin von CWS sieht Jonny Fresh auf „einem guten Weg, vor allem nachdem Jonny Fresh den Konkurrenten ZipJet übernommen hat“.

    Jonny Fresh kooperiert darüber hinaus seit Ende 2019 deutschlandweit mit dem Volkswagen Dienst „We Deliver”. Bei CWS wolle man vor allem von Jonny Fresh Einblicke in die Mechanismen der Plattformökonomie gewinnen. CWS ist selbst im Markt für die Aufbereitung von Arbeitskleidung aktiv und so kooperieren Jonny Fresh und CWS in dem Bereich.

    Die Drogeriemarktkette dm testet derzeit das Angebot von Persil Service in 17 Filialen in Essen und München, wie es da weitergeht, dazu schweigen die Beteiligten bisher. Denn wie bei Waschmal handelt es sich auch hier um eine Pilotphase.

    Für Jonny-Fresh-Mitgründer Michaelis, ist die Kooperation mit dem Handel daher nur ein Spielfeld der Start-ups. „Noch ist nicht klar, ob das langfristig der richtige Weg ist.“

    Klar ist aber, dass das Geschäftsmodell mit einer Verzahnung von stationärem lokalen Geschäft und den Plattformanbietern weitergehen wird und die Reinigungen um die Ecke irgendwann mehrheitlich wohl mit einer Plattform zusammenarbeiten werden, zumal vor allem die jüngeren Kunden, zahlungswillig, experimentierfreudig und umweltbewusst sind.

    Daher ist das nächste große Thema für die Plattformbetreiber die Nachhaltigkeit. „Die Frage der Wasseraufbereitung wird für Reinigungen immer wichtiger“, beobachtet Büssemaker von Waschmal. „Da Wasser immer knapper wird, brauchen wir Lösungen, wie wir das Wasser effizient in den Kreislauf zurückführen.“

    Mehr: Digitalkonferenz – Die Digitalisierung braucht mehr Umdrehungen

    Startseite
    Mehr zu: Textilreinigung - Warum deutsche Start-ups auf schmutzige Wäsche stehen
    0 Kommentare zu "Textilreinigung: Warum deutsche Start-ups auf schmutzige Wäsche stehen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%