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The Family Butchers Wursthersteller Kemper und Reinert bündeln ihre Kräfte

Die Unternehmen tun sich zusammen. Die Schweinepest in China zwingt sie zur Fusion. Sie sind offen für weitere Partner.
15.12.2019 - 15:57 Uhr Kommentieren
Die beiden Unternehmer sind überzeugt, dass sie gemeinsam deutlich mehr bewegen können. Quelle: The Family Butchers
Wurstfabrikanten Hans-Ewald Reinert und Wolfgang Kühnl

Die beiden Unternehmer sind überzeugt, dass sie gemeinsam deutlich mehr bewegen können.

(Foto: The Family Butchers)

Versmold Der fleischfarbene Riesen-Stoffteddy, dessen Gesicht jedes Kind von der Bärchenwurst kennt, grinst den Besuchern von Reinert Wurstwaren in Versmold fröhlich entgegen. Doch die Stimmung von Wurstfabrikant Hans-Ewald Reinert und seinen Branchenkollegen ist derzeit gedrückt.

Seit Jahren sind die deutschen Wurst- und Schinkenhersteller in Bedrängnis. Zu viele Firmen kämpfen um einen stagnierenden Markt. „Und nun hat auch noch die Schweinepest in Asien unsere Branche wie ein Tsunami überrollt“, klagt Reinert, „Metzger mit Aktenkoffer“ in dritter Generation, wie er sich scherzhaft nennt.

Die Chinesen kaufen den Weltmarkt leer, Schweinefleisch ist extrem teuer geworden, doch der mächtige Handel zahlt den Wurstherstellern keine höheren Preise. Die Folge: Die Branche mit rund 13,6 Milliarden Euro Umsatz schreibt Verluste. „Auch wir werden dieses Jahr erstmals mit roten Zahlen abschließen“, sagt Reinerts Wettbewerber Wolfgang Kühnl, Chef der Firma Kemper in fünfter Generation.

Die beiden Familienunternehmer haben sich deshalb zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen: Zum Jahreswechsel bündeln die Konkurrenten ihre Kräfte, um schlagkräftiger zu werden. Das Bundeskartellamt hat bereits sein Placet gegeben für die Fusion von Kemper, bisher die Nummer drei, und Reinert, bisher die Nummer vier. „Es macht keinen Sinn, weiter alleine zu kämpfen. Zusammen können wir deutlich mehr bewegen“, ist Kühnl überzeugt.

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    Das neue Unternehmen mit dem bezeichnenden Namen „The Family Butchers“ (TFB) ist die neue Nummer zwei der deutschen Wurstwarenhersteller hinter der Tönnies-Gruppe. Deren Wurstproduzent Zur Mühlen schluckte eine Reihe schwächelnder Konkurrenten wie Nölke und Lutz, im Sommer auch die deutschen Werke der Schweizer Bell-Gruppe („Zimbo“).

    Grafik

    Mit 2600 Mitarbeitern kommt TFB auf 738 Millionen Euro Umsatz. Beide Inhaberstämme halten jeweils 50 Prozent der Anteile. Jede achte deutsche Wurst kommt künftig von den „Familienmetzgern“.

    Fusion ist ein Paukenschlag

    „Die Fusion von Reinert und Kemper ist ein bemerkenswerter Paukenschlag“, meint Branchenexperte Klaus-Martin Fischer, Partner der Beratung Ebner Stolz. „Es ist der absolut richtige Schritt, dass sich diese zwei Top-Unternehmen zusammentun.

    In der Wurstbranche trennt sich derzeit die Spreu vom Weizen.“ Auch die Gewerkschaft NGG begrüßt die Fusion, selbst wenn dabei Jobs wegfallen. „Es ist es sinnvoll, ein schlagkräftiges Unternehmen zu schaffen, das dem übermächtigen Handel halbwegs auf Augenhöhe begegnen kann“, sagt Thomas Bernhard, NGG-Experte für Fleischwirtschaft.

    „Liebe auf den ersten Blick war es nicht“, scherzt Reinert, 56, mit Seitenblick auf seinen künftigen Chefkollegen Kühnl, 38. „Obwohl wir vom Typ her unterschiedlich sind, denken wir aber ähnlich und ergänzen uns gut.“ Das sieht Branchenkenner Fischer genauso: „Hans-Ewald Reinert ist Profi in Sachen Marketing und Innovation, Wolfgang Kühnl fürs Operative und Technik.“

    Die Firma Kemper, 1888 als Industriebetrieb gegründet, ist hochautomatisiert. „Mein Vater hat schon 1995 selbstfahrende Fahrzeuge in der Fabrik eingeführt“, sagt der promovierte Lebensmitteltechnologe Kühnl. „Mein Urgroßvater hat 1934 das Patent für elektromagnetisches Schweben angemeldet, die Grundlage für den Transrapid.“ Deshalb steht heute ein umgebauter Transrapid-Waggon vor der Wurstfirma in Nortrup bei Osnabrück.

    Die Firma Kemper hat sich auf die Belieferung von Supermärkten und Discountern mit Handelsmarken spezialisiert. Mit 1444 Mitarbeitern erwirtschaftete Kemper 2018 rund 386 Millionen Euro im Preiseinstiegssegment. Die Firma Reinert dagegen, gegründet 1931, setzt auf Marken wie Bärchen- und Sommerwurst. Reinert setzte mit 1200 Angestellten 2018 rund 320 Millionen Euro um. 40 Prozent der Produktion wird exportiert.

    Doch das Geschäft mit Wurst und Schinken ist immer härter geworden. „Die deutsche Branche hat Überkapazitäten und ist zersplittert“, konstatiert Experte Fischer. Wegen der Afrikanischen Schweinepest, die seit einem Jahr in Asien wütet, kauft China weltweit große Mengen Schweinefleisch auf.

    Zwölf deutsche Schlacht-betriebe haben die Lizenz, nach China zu exportieren. Ein lukratives Geschäft. „In China ist der Schweinefleischpreis aktuell mehr als zweieinhalb Mal so hoch wie in Deutschland“, so Reinert. Einzig die begrenzten Gefrierhauskapazitäten hinderten daran, noch mehr zu exportieren.

    Bald unter dem Dach von The Family Butchers, der neuen Nummer zwei. Quelle: Reinert
    Bärchen-Wurst von Reinert

    Bald unter dem Dach von The Family Butchers, der neuen Nummer zwei.

    (Foto: Reinert)

    „Schlachtereien lassen uns Wurstverarbeiter ausbluten und liefern lieber nach China“, wettert Reinert. Eine Ausfuhrbeschränkung für deutsches Schweinefleisch wäre für ihn eine mögliche Lösung. Schlachter Tönnies hingegen lehnt das ab und weist solche Vorwürfe zurück.

    Infolge der Schweinepest in China sind die Preise für Schweinefleisch auch hierzulande explodiert. Eine Unterschale für Kochschinken kostete zu Jahresanfang 2,55 Euro das Kilo, heute sind es 4,25 Euro, rechnet Kühnl vor.

    Die höheren Preise können die Fleischverarbeiter aber nicht an den Handel weitergeben. Die mächtigen Einzelhandelsketten spielen auf Zeit und wollen nicht neu über die Preise verhandeln. „Die Einkäufer gehen nicht mal mehr ans Telefon“, erzählt Kühnl frustriert. „Sie versuchen, uns Wursthersteller gegeneinander auszuspielen.“

    Ein Drittel des Marktes beliefert der Lebensmittelhandel mit eigenen Wurstwerken. Für den Rest des Marktes stehen rund 150 Hersteller. „Diese meist familiengeführten Unternehmen befinden sich in einer Sandwichposition“, erklärt Fischer. „Auf der einen Seite eine Handvoll mächtiger Schlachtkonzerne, auf der anderen Seite vier große Handelsketten, die den Markt bestimmen und die Preise diktieren.“

    „Jeder in der Lieferkette verdient derzeit prächtig – nur wir Wursthersteller nicht“, ärgert sich Reinert. Er überlegt sogar, notfalls lieber Vertragsstrafen an den Handel zu zahlen, als weiter seine Wurst mit Verlust zu produzieren.

    Der Preisdruck führte zu Auswüchsen wie den Skandal um die Firma Wilke. Drei Menschen starben an listerienverseuchter Wurst des nordhessischen Herstellers, der die ganze Branche in Verruf brachte. „Die aktuelle Situation ist existenzgefährdend für viele Betriebe“, bestätigt Sarah Dhem vom Bundesverband der deutscher Fleischwarenindustrie.

    „Die finanziellen Schieflagen und Pleiten werden rapide zunehmen“, warnt Experte Fischer. „Schlagen die Entwicklungen voll durch, werden von mehr als 150 Wurstherstellern hierzulande nur 35 überleben.“ Aus der Konsolidierung gehe die Branche dann aber gestärkt hervor gegenüber Lieferanten und Handel.

    In drei Jahren profitabel
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