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Totensonntag Bio-Urnen und Billig-Särge – wie sich die Bestattungsbranche wandelt

Weniger Ritual, mehr Individualität und mehr Nachhaltigkeit: Die großen Trends der Gesellschaft verändern auch das Bestattergewerbe.
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Die Trends zu Nachhaltigkeit und Ökologie verändern auch die Bestatterbranche. Quelle: dpa
Biologisch abbaubare Urne

Die Trends zu Nachhaltigkeit und Ökologie verändern auch die Bestatterbranche.

(Foto: dpa)

Hamburg Es ist ein Feiertag, der schon mal stiller war: der Totensonntag. Zwar pausieren die Weihnachtsmärkte, doch die Zeiten von getragener Musik im Radio und vollen Kirchen sind längst vorüber. Stattdessen berichten die Medien bevorzugt über den gerade zurückliegenden Schnäppchen-Tag Black Friday und dessen kurz bevorstehendes Online-Pendant Cyber Monday.

Eine geringere Wertschätzung des ritualisierten Totengedenkens und eine Tendenz hin zum individuellen Erinnern bemerkt auch Jürgen Stahl. Der Unternehmer führt einen Sarghersteller im bayerischen Kleinheubach mit Wurzeln im 19. Jahrhundert. „Wir verzeichnen einen anhaltenden Trend zu kostengünstigeren Särgen“, sagt der Unterfranke.

Das geht einher mit dem Trend zur Feuerbestattung. Etwa 62 Prozent der Trauerfälle bundesweit führen inzwischen in das Krematorium. Obwohl der Sarg bei der Trauerfeier ebenso präsent ist wie bei der Erdbestattung, wählen die Hinterbliebenen meist günstigere Hölzer und Verarbeitung, wenn sie wissen, dass der Sarg verbrannt wird.

Auch die langfristigen Kosten sind geringer: Urnengräber sind meist kleiner als Bestattungsgräber; das reduziert den Aufwand für Blumen und den Friedhofsgärtner.

110.000 Särge haben die größeren deutschen Produzenten, zu denen sich mit 3,5 Millionen Euro Umsatz und 22 Mitarbeitern auch Stahl zählt, im vergangenen Jahr gefertigt. Dazu kommen Särge von kleineren Handwerksbetrieben. Drei Viertel der in Deutschland verkauften Särge stammen jedoch aus dem Ausland – vor allem von kostengünstigen Produzenten in Osteuropa.

Auf der anderen Seite steht ein Wandel des Gedenkens bei der Trauerfeier – ebenfalls weg von ritualisierten Formen hin zum individuellen Gedenken mit Lieblingsmusik des Verstorbenen oder wertgeschätzten persönlichen Gegenständen bis hin zum Motorrad in der Kapelle. Für die Branche ergeben sich so zusätzliche Erlösquellen.

Unternehmer Stahl hat etwa besondere Kerzenhalter und Bilderständer mit ins Vertriebsprogramm aufgenommen. Seine Sargverkäufer liefern zudem inzwischen auch zugekaufte Urnen. Dazu kommen neue Angebote: etwa individuell mit Bildern bedruckbare Särge. Zudem geht die Branche Trends mit, die auch anderswo erkennbar sind. Nachhaltigkeit und Ökologie gehören dazu.

Immer mehr Urnen sind „bio“

Inzwischen gibt es am Markt etwa Sargauskleidungen aus Hanf, leicht abbaubare Leichendecken und Särge mit Holz aus zertifizierter Herkunft. Innerhalb von zwei Jahren ist der Anteil von natürlich geölten Hölzern bei Eichensärgen von 25 auf 40 Prozent gestiegen.

Jede zweite Urne ist heute „bio“, zersetzt sich also in der Erde oder im Meer rückstandslos. Vor fünf Jahren war das nur bei jeder zehnten Urne der Fall. Dazu trägt bei, dass einige Bundesländer Kriterien zur biologischen Abbaubarkeit mit in ihre Bestattungsgesetze aufgenommen haben.

Die unterschiedlichen Regelungen bereiten der Branche Probleme. Sie bietet verstärkt Gegenstände an, mit denen sich Angehörige an die Toten individuell erinnern wollen – oft gefüllt mit Asche. Doch die Entnahme dieser Überreste ist nicht in jedem Bundesland erlaubt.

Amulette oder das Angebot, Asche zu Diamanten oder Kristallen umzuwandeln, können also nicht überall verwirklicht werden. Dabei trauern Menschen in der mobileren Gesellschaft heute seltener an den Gräbern der Angehörigen, die immer öfter entfernt vom eigenen Wohnort liegen.

Die Hinterbliebenen wählen meist günstigere Hölzer und Verarbeitung, wenn sie wissen, dass der Sarg verbrannt wird. Quelle: dpa
Feuerbestattung im Krematorium

Die Hinterbliebenen wählen meist günstigere Hölzer und Verarbeitung, wenn sie wissen, dass der Sarg verbrannt wird.

(Foto: dpa)

„Was der Branche hilft, ist, dass die Sterblichkeit zunimmt“, sagt Stahl – ein Effekt der Demografie. 2017 starben 930.000 Menschen in Deutschland. Daher nimmt die Zahl der Bestattungsunternehmen sogar leicht zu, wie Stephan Neuser vom Bundesverband der Bestatter berichtet.

3.100 Mitglieder hat der Verband. Sie entwickeln neue Dienstleistungen – von der Regelung des digitalen Nachlasses über die Abmeldung bei der Rentenversicherung bis zur individuellen Trauerfeier. Der Verband hat zudem eine treuhänderische Gesellschaft eingerichtet, über die die Bestatter älteren Menschen anbieten, Geld für die Beerdigung zurückzulegen – ohne dass die Sozialversicherung darauf Zugriff hätte, wenn etwa hohe Kosten für Pflegeheime anfallen sollten.

Im Schnitt 3.500 bis 6.000 Euro legten die Kunden zweckgebunden zur Seite, sagt Neuser. So könnten sie zu Lebzeiten festlegen, in welchen Sarg sie gebettet werden und wer zur Trauerfeier kommen soll. Mehrere Hundert Millionen Euro verwalte die Treuhand inzwischen – auch eine Folge der Abschaffung des Sterbegelds im Jahr 2004.

Platzbedarf auf Friedhöfen sinkt

An Nachwuchs mangelt es den Bestattern nicht. 500 Azubis lernen derzeit in dem Beruf, der erst seit Kurzem eine eigene Ausbildung hat. „Der Wandel des Berufsbilds zu mehr Dienstleistung führt dazu, dass wir deutlich mehr Bewerber als Stellen haben“, sagt Neuser.

Dieser Wandel ändert auch das Aussehen der Friedhöfe – vor allem dort, wo Feuerbestattung inzwischen die Regel geworden ist. Das betrifft besonders städtische Gebiete in Nord- und Ostdeutschland.

So hat sich auf dem größten Parkfriedhof der Welt, dem Hamburger Ohlsdorfer Friedhof, in den vergangenen beiden Jahrzehnten der Anteil der Erdbestattungen auf nur noch 20 Prozent halbiert. Entsprechend sinkt der Platzbedarf für Gräber. Derzeit erarbeitet die Stadt ein Konzept, um mehr Flächen in reine Parkflächen umzuwandeln.

Zugleich entwickeln die Friedhöfe neue Angebote. Auf immer mehr großen Anlagen entstehen Flächen, auf denen neben Menschen auch deren Haustriere beerdigt werden dürfen. Auch der Anteil muslimischer Gräber steigt – nach Mekka ausgerichtet, mit Anlagen für Waschungen in der Nähe.

Die Bestatter verzeichnen mehr Menschen muslimischen Glaubens, die nach dem Tod nicht in ein Land ihrer Vorväter überführt werden wollen, sondern in Deutschland ihre letzte Ruhe finden wollen. Dazu gewinnen Sonderformen der Feuerbestattung an Popularität: etwa die Seebestattung und Friedwälder.

Eine kleine Renaissance erfährt jedoch auch eine zwischenzeitlich fast verloschene Tradition: Mausoleen. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof etwa sind seit 2005 zehn neue Mausoleen gebaut worden. In den 79 Jahren davor ist kein einziges der privaten Grab-Häuser dazugekommen. Diese Form des familiären Gedenkens ist auch eine Kostenfrage: Die begehbaren Monumente können einige Hunderttausend Euro kosten.

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