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Umweltmaßnahmen Der Mittelstand kümmert sich zu wenig um den Klimaschutz

Erschreckend viele Unternehmen haben es versäumt, sich für den Klimawandel und die Debatte darüber zu rüsten. Nur jeder fünfte Mittelständler hat bisher eigene Maßnahmen ergriffen.
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Eine Massenveranstaltung war die Aktion am Freitag vor dem Reichstag in Berlin nicht. Quelle: EntrepreneursForFuture, S. Olényi/ sustentio
Entrepreneurs for Future

Eine Massenveranstaltung war die Aktion am Freitag vor dem Reichstag in Berlin nicht.

(Foto: EntrepreneursForFuture, S. Olényi/ sustentio )

Düsseldorf Am Freitag haben die „Entrepreneurs for Future“ ihre Büros für eine Stunde vor den Reichstag verlegt. Darunter auch Mittelständler wie Elobau, aber auch Start-ups wie Einhorn, der Kondomhersteller, oder Idealo. Mittlerweile haben sich rund 4200 Unternehmen mit mehr als 240.000 Mitarbeitern hinter der Initiative versammelt. Nach eigenen Angaben repräsentieren sie 32 Milliarden Euro Umsatz. Stolze Zahlen in kurzer Zeit.

Die E4F, wie sich die Initiative abkürzt, hat sich auf den Weg gemacht, allgemeine Forderungen wie die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens zu unterstützen. Zudem haben die Mitglieder Selbstverpflichtungen unterzeichnet. Darunter etwa das Ziel, mit ihrem Unternehmen bis 2025 aus eigener Kraft und ohne Kompensation klimaneutral zu werden.

Die Ambitionen sind hoch, die Teilnehmerzahlen hingegen enttäuschend. Schließlich wirtschaften deutschlandweit 3,46 Millionen Mittelständler, die weniger als 50 Millionen Euro umsetzen und weniger als 500 Mitarbeiter beschäftigen. Zählt man den industriellen Mittelstand noch hinzu, in dem größere Industrieunternehmen zusammengefasst sind, die in Familienhand liegen, reicht nicht einmal diese Zahl.

Damit wird deutlich: In Berlin demonstrierte gerade einmal ein Promille des deutschen Mittelstands. Kurzum, mit dem Klimaschutz fremdeln überraschend viele mittelständische Unternehmen. Das belegt auch eine repräsentative Umfrage der DZ Bank bei 700 kleinen und mittelständischen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis zu 125 Millionen Euro. Und zwar offenbar gleich in mehrfacher Hinsicht.

Erstens: Obwohl bereits zwei Drittel von ihnen ihre Unternehmen als unmittelbar betroffen vom Klimawandel bezeichnen, reagiert nur jedes fünfte Unternehmen mit eigenen Maßnahmen dagegen, konstatiert Uwe Berghaus, Firmenkundenvorstand der DZ Bank. „Dies zeigt, dass der Handlungsdruck noch nicht groß genug ist.“

Das könnte daran liegen, dass die bisherigen Auswirkungen noch vergleichsweise gering sind. Hinzu käme, ergänzt Berghaus, dass schon Fachkräftemangel und Digitalisierung einen großen Druck ausübten und viel Investitionskraft erforderten. Zugleich erwartet aber ein Drittel der Unternehmen, dass Klimathemen künftig die Kosten steigen lassen. Zweitens fremdeln viele Unternehmen auch mit der Klimadebatte und den Protesten, die am Freitag wieder global Hunderttausende auf die Straßen trieben.

Viele bleiben untätig

Zwar haben einige Mittelständler erkannt, dass die Themen wichtiger werden. Aber gerade einmal jedes zehnte Unternehmen hat konkrete Maßnahmen ergriffen. Jeweils rund ein Fünftel hat zumindest das Problembewusstsein geschärft oder eine höhere Aufmerksamkeit für das Thema geschaffen. Aber: 46 Prozent sehen überhaupt keinen Effekt der Debatten und Demonstrationen auf ihr Unternehmen.

Dabei ist das Unternehmerische höchst politisch geworden. Mitarbeitern ist es wichtig, dass sie bei einem Unternehmen arbeiten, das sich in jeglicher Hinsicht korrekt verhält. Dazu zählt, korrekt gegenüber nachfolgenden Generationen zu sein. Da ist das Thema Klimaschutz nicht weit. Gedanklich sind aber viele Unternehmer in der lang geübten Rhetorik verhaftet. Beim Thema Klimaschutz verwahren sie sich gegen zusätzliche Regeln, mehr Bürokratie und höhere Kosten. Das belegt die Studie.

Viele Unternehmer unterschätzen dabei das Risiko, von Schwierigkeiten überrascht zu werden, weil man nicht klimafreundlich wirtschaftet. So fordern die Autohersteller aktuell ultimativ, dass sich ihre Zulieferer doch bitte schnellstmöglich als klimaneutral zertifizieren lassen. Die Umsetzung aber ist alles andere als schnell, klar, trivial oder günstig. Hinzu kommt, dass es zwar noch keine Rezession gibt, aber die zehn langen Jahre des Aufschwungs nun in jedem Fall vorüber zu sein scheinen.

Für die Autozulieferer kommt noch hinzu, dass sie sich mitten im größten Umbruch der Branche befinden: vom Verbrennungsmotor zu alternativen Antrieben. Hinzu kommt der Trend zum (halb-)autonomen Fahren.

Dabei gibt es nicht einmal genaue Zahlen, wie viele der Autozulieferer überhaupt schon klimaneutral wirtschaften. Schaut man in die DZ-Bank-Studie, sind es von den befragten Unternehmen bislang 14 Prozent, die von sich behaupten, klimaneutral zu sein. Doch dazu gehören auch Dienstleister, denen Klimafreundlichkeit naturgemäß leichter fällt. Die Firma Scherzer-Gemüse aus Franken ist bereits seit zwölf Jahren CO2-neutral.

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Das Unternehmen, das vor allem Tomaten in Gewächshäusern züchtet, hat viele Schritte unternommen, um das Klima zu schützen, Insekten anzusiedeln oder Ökostrom zu nutzen. Trotzdem versteht Geschäftsführer Stefan Scherzer auch die demonstrierenden Bauern, die am vergangenen Dienstag mit ihren Treckern nach Berlin fuhren, um gegen die Dünger- und Pestizid-Auflagen der Bundesregierung zu demonstrieren.

Scherzers Betrieb verzichtet auf vieles davon, doch der Unternehmer erklärt, dass viele kleinere Betriebe einfach nicht die Möglichkeiten haben, sich aufwendig um neue Heizmöglichkeiten zu kümmern. Andererseits sind die landwirtschaftlichen Betriebe vom Klimawandel besonders betroffen. Denn ihr Energiebedarf steigt. Wegen der heißen Sommer haben sie nun für zusätzliche Bewässerung zu sorgen, müssen ihre Anlagen stärker kühlen.

Im Klima-Monitoringbericht, den die Bundesregierung am Dienstag vorgelegt hat, gehen die Wissenschaftler von einer Erwärmung der mittleren Lufttemperatur um 1,5 Grad Celsius seit 1881 aus. Allein in den vergangenen fünf Jahren sei die Temperatur um 0,3 Grad im Schnitt gestiegen. Hinzu kommt, dass die Zahl der Hitzetage in den vergangenen Jahren angestiegen ist: Während es 1951 noch drei pro Jahr im Schnitt waren, seien es nun bereits zehn.

Durch den fehlenden Regen einerseits und die starken Unwetter andererseits mussten auch die Unternehmen Einbußen hinnehmen. Zum Beispiel dadurch, dass die Binnenschifffahrt eingestellt werden muss, Straßen überflutet werden und Oberleitungen reißen. Auch die Vereinten Nationen haben zu Beginn der Woche angemahnt, dass die bisherigen Anstrengungen gegen den Klimawandel nicht ausreichten. Selbst wenn alle Nationen ihre Versprechen erfüllen würden, wäre es noch zu wenig.

Anfragen häufen sich

Klar ist daher: Ohne die größte Unternehmensgruppe Deutschlands, die Mittelständler, wird der Klimawandel nicht zu stemmen sein. Andererseits, so mahnt es Gemüsebauer Scherzer an, sind die aktuellen Auflagen zu schnell gekommen. „Wir können ja gar nicht schauen, was sie bringen und was sie kosten, da kommt dann schon die nächste Auflage“, klagt er.

Zugleich muss er zugeben, dass sich das große Engagement seines Unternehmens bislang kaum bemerkbar gemacht hat: „Der Handel macht nach wie vor enormen Druck“, stellt Scherzer fest. „Wir bekommen schon viele positive E-Mails mancher Verbraucher, aber wir haben keinen großen Vorteil dadurch, dass wir inzwischen auch auf die Verpackung draufschreiben, was wir alles in Sachen Umwelt- und Klimaschutz tun.“ Man müsse einfach wettbewerbsfähig bleiben gegenüber der ausländischen Konkurrenz.

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Die Verbraucher könnten mit ihrem Kaufverhalten am meisten tun, meint der Gemüsebauer. Hinzu kommt, dass ähnlich wie bei der Digitalisierung erst dann das Thema richtig angekommen ist, wenn die Unternehmer beginnen, ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen. Die Studie zeigt, dass knapp 30 Prozent Produkte und Geschäftsstrategien anpassen. Viele fürchten das Reputationsrisiko dabei sogar mehr als die Auswirkungen des Klimawandels.

Diese Furcht gilt offenbar nicht nur für die aktuelle Situation, sondern auch für die Zukunft. Es gibt aber auch Unternehmen, die die Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen als Chance begreifen. Das bestätigt auch Berghaus von der DZ Bank. „Mittelständische Unternehmen“, sagt er, „bieten Technologien und Innovationen, die helfen können, dem Klimawandel zu begegnen“.

Der Wärme- und Klimaspezialist Viessmann zum Beispiel verfolgt die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit schon seit Langem. Bereits nach dem ersten Energiegipfel der Bundesregierung im Jahr 2006 hat das Familienunternehmen ein Modellprojekt gestartet, um die damaligen Klimaziele für 2050 mit marktverfügbaren Technologien zu erreichen.

Konkret wurde der Einsatz regenerativer Energien um 70 Prozent erhöht, während fossile Energien um 60 Prozent und CO2-Emissionen um 80 Prozent reduziert wurden. Auch Michael Hetzer hat sich mit seinem Sensorikspezialisten Elobau aus Leutkirch vor zehn Jahren auf den Weg gemacht, fortan nur noch klimaneutrale Produkte zu liefern. „Als Unternehmen hat man einen großen Hebel, positiv gegen den Klimawandel zu wirken“, ist er überzeugt.

Allerdings hat er sich tatsächlich bis vor einem Jahr ziemlich allein gefühlt, erinnert er sich. Doch seine Hoffnung steigt gerade. Seit einem Jahr bekommt er immer häufiger Anfragen, von seinem Weg zum Klimaschutz zu berichten. Er will andere inspirieren, auch etwas gegen den Klimawandel umzusetzen. „Daher ist meine Hoffnung, dass nun eine Veränderungsbewegung einsetzt.“ Er war auf jeden Fall dabei am Freitag, bei den „Entrepreneurs for Future“ in Berlin.

Was kostet Deutschland der Klimawandel? – „Das wird existenzbedrohend“

Mehr: Von der Weltklimakonferenz in Madrid muss ein eindeutiges Signal für mehr Klimaschutz ausgehen. Wer diesen vernachlässigt, zahlt am Ende einen hohen Preis, kommentiert Silke Kersting.

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