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Urbanes Abenteuer An der Spitze wird die Luft dünn – der umkämpfte Boulderhallenmarkt

Bouldern, das Klettern ohne Absicherung, ist in den vergangenen Jahren zur Trendsportart avanciert. Da immer mehr Hallen eröffnen, wächst die Konkurrenz am Markt.
01.02.2020 - 11:10 Uhr Kommentieren
Das Klettern ohne Seil in niedriger Höhe hat sich zum Breitensport entwickelt. Quelle: Imago
Bouldern

Das Klettern ohne Seil in niedriger Höhe hat sich zum Breitensport entwickelt.

(Foto: Imago)

Düsseldorf Nervenkitzel, Freiheit, Muskelaufbau – und das alles noch schnell nach Feierabend. Das evolutionär bedingte Bedürfnis, Dinge zu erklimmen, die unerklimmbar erscheinen, lässt sich mithilfe einiger bunter Steine beim Bouldern auch im Alltag befriedigen. Es ist die ultimative Urbanisierung des Abenteuers.

Anfangs waren es noch dunkle Nischen der Kletterhallen, in denen sich nur die Profis auf anspruchsvolle Passagen ihrer nächsten Route vorbereiteten. Doch inzwischen hat sich das Bouldern, das Klettern ohne Seil in niedriger Höhe, zum Breitensport entwickelt: Gab es 1990 noch kaum Boulderhallen in Deutschland, betrug deren Gesamtfläche 2018 nach Angaben des Deutschen Alpenvereins (DAV) 180.000 Quadratmeter. Die Anzahl an Kletterhallen ist zwischen 2000 und 2018 von 180 auf 500 gestiegen. Der Zuwachs ist vor allem dem Bouldern zu verdanken.

Aus der Nische heraus hat sich der Sport zu einem riesigen Markt entwickelt. Immer mehr Anbieter wollen an dem Erfolg teilhaben und eröffnen eigene Hallen. Viele von ihnen sind selbst Boulderer und erfüllen sich ihren eigenen Traum von der Selbstständigkeit. Was sie dabei jedoch häufig übersehen: Der von kleinen Mittelständlern geprägte Markt wird zunehmend umkämpfter. Zudem sind die Eröffnung und der Betrieb einer Halle mit immensen Kosten verbunden.

„Unter einer halben Million Euro kann man keine Boulderhalle mehr aufmachen“, sagt Christian Popien, der eine Halle in Wuppertal betreibt und andere Anbieter bei der Konzeptentwicklung berät. „Die meisten Hallen kosten etwa zwei Millionen Euro, aber es gibt auch Anlagen, die noch teurer sind“, sagt Popien. Werden Hallen angemietet, sind es vor allem Kosten für Wandbau, Griffe und Innenarchitektur, die anfallen. Bei Neubauten kommen noch die Baukosten hinzu.

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Standort erkennen

    Ein großer finanzieller Faktor ist auch die Instandhaltung der meist zwischen 1000 und 2000 Quadratmeter großen Hallen. Dabei ist das sogenannte „Umschrauben“ wichtig. So wird das regelmäßige Ändern der Kletterrouten bezeichnet, um die Kundschaft nicht zu langweilen. Durch den Hype der letzten Jahre hat sich hierfür ein eigener Berufszweig entwickelt. Dabei sind Profis am Werk, die sportliche Herausforderungen im Blick haben, aber auch auf die Ästhetik achten müssen. Viele Hallen beschäftigen eigene „Schrauber“, aber auch externe Firmen bieten den Service an.

    Grafik

    Der Anspruch der Boulderer, immer neue Routen klettern zu können, von neuen Konzepten zu profitieren und gleichzeitig saubere Duschen vorzufinden, wächst mit der Zahl der Anbieter. „Der Qualitätsanspruch hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und es bedarf viel Einsatz, dem gerecht zu werden“, sagt Nadia Hoffmann vom Unternehmen Boulderwelt, das fünf Hallen in ganz Deutschland betreibt. Als es nur wenige Hallen gab, waren Kletterer bereit, weitere Wege zurückzulegen und sich mit einem kleineren Angebot zufrieden zu geben. Heute zählen im Wettbewerb um die Kunden vor allem zwei Dinge: Konzept und Standort.

    Eine einfache Wand zu bezwingen reicht der Kundschaft heute nicht mehr. Das Stuntwerk in Köln-Mülheim betreibt einen Abenteuerspielplatz für Erwachsene. Dort stehen allerlei ausgefallene Anlagen, in denen man auf unterschiedliche Weise irgendwo hochklettern kann. Es gibt Vertikaltücher, von der Decke hängende Treppen und einen Ninja-Warrior-Parkour – eine Stahlkonstruktion, in der man sich von einer Seite auf die andere hangeln muss.

    Das Stuntwerk steht in den Startlöchern, der einzige Franchise-Geber des Boulderhallenmarktes zu werden. Drei neue Hallen in Krefeld, Kirchheim und Rosenheim sind derzeit im Bau. „Momentan gibt es noch viele Einzelbetreiber, aber der Markt wird in Zukunft unter Ketten ausgemacht werden“, sagt Florian Schiffer, Geschäftsführer des Stuntwerks.

    Er will das Kölner Erlebnis-Konzept auch in anderen Städten etablieren. „Wir haben mehr Argumente und somit auch eine breitere Zielgruppe“. Er sieht den Fitness-Markt als Blaupause für Boulderhallen. „Da haben sich auch die Studios gehalten, die ein gutes Gesamtkonzept hatten“, sagt Schiffer – und die überall ansässigen Ketten. „Die kleinen Kletterhallen ohne Blick für den Markt werden es in Zukunft schwer haben“, prophezeit Schiffer. Er setzt darauf, dass bald auch große Investoren das Potenzial des Boulderns erkennen und einsteigen werden.

    Kletterer steigen Routen in der Kletterhalle des Alpenvereins Sektion Weimar hinauf. Quelle: dpa
    Hallenklettern

    Kletterer steigen Routen in der Kletterhalle des Alpenvereins Sektion Weimar hinauf.

    (Foto: dpa)

    Der zweite Faktor, der Standort, ist in zweierlei Hinsicht wichtig: Erstens geht es um Zentralität und Erreichbarkeit. Als es noch wenig Auswahl gab, waren die Kunden bereit, für ihr Klettererlebnis große Entfernungen auf sich zu nehmen. Mit dem gestiegenen Angebot hat sich das geändert. „Früher sind Abokunden regelmäßig 100 Kilometer weit gefahren“, sagt Herbert Büttgen, Geschäftsführer der Firma On-Top-Klettern, die Boulder- und Kletterhallen ausrüstet. „Heute sind das vielleicht noch zehn bis fünfzehn Kilometer“.

    Hallen, die zum Beispiel in Industriegebieten liegen, konkurrieren mit Sportstätten, die im zentralen Innenstadtbereich ansässig sind und viel mehr Kunden in der direkten Umgebung haben. Das wirkt sich wiederum auf die Mietkosten aus, die gerade in ohnehin schon teuren Städten in zentralen Lagen sehr hoch sind. „Wenn man 50 000 Euro Miete im Monat zahlt, muss man auch sehr viel umsetzen“, sagt Elias Hitthaler vom DAV.

    Regionale Unterschiede

    Als zweiten Aspekt müssen Boulderhallenbetreiber auch immer die Region im Blick haben, in der sie aktiv sind. Nadia Hoffmann von der Boulderwelt sagt: „Je südlicher man ist, desto bekannter ist der Bouldersport bereits“. Die Boulderwelt hat ihre erste Halle 2010 in München aufgemacht, mittlerweile ist die dritte Halle in der Stadt in Planung. Aber auch in Frankfurt und Dortmund hat das Unternehmen Anlagen eröffnet. In München ist die kulturelle Verankerung des Sports durch die Nähe zu den Bergen viel größer, darum haben es die Boulderhallen leichter. „Dort ist unsere Bekanntheit sehr groß, in Dortmund wissen viele noch gar nicht, was Bouldern ist“, sagt Hoffmann.

    Gerade das Ruhrgebiet wurde in den letzten Jahren zum Markt der Zukunft erkoren. Die vielen Industrieanlagen und die hohe Bevölkerungsdichte schienen sehr verlockend. In den letzten Jahren haben dort zehn Boulderhallen aufgemacht – in Duisburg 2018 gleich zwei große Hallen gleichzeitig.

    Doch das Geschäft läuft schleppend, der Sport hat keine kulturelle Verankerung und passt nicht so richtig in das Selbstverständnis der Region. „Die Hallen kämpfen um die Besucher“, sagt Fabian Ludwig, der mit der Ikarus Berlin mehrere Hallen in Deutschland betreibt und auch an einer Halle im Ruhrgebiet beteiligt ist. Die Erwartungen hätten sich nicht erfüllt. Ludwig ist der Meinung, die Betreiber müssten mehr darauf achten, wer in ihrem Umfeld ansässig ist, anstatt Konzepte zu kopieren: „Ich muss mich fragen: wie hole ich meinen Ruhrgebietler ab?“, sagt Ludwig.

    Die anderen Hallen, die Ikarus Berlin betreibt, liegen in der Hauptstadt. Zwar sind auch dort keine größeren Gebirge in der Nähe, doch die Hauptstädter scheinen auf das hippe Image des Sports anzuspringen.
    „In Berlin ist noch keinerlei Sättigung in Sicht“, sagt Ludwig – und fügt hinzu: „Unsere Zahlen stagnieren zwar gerade, aber das liegt daran, dass unsere Hallen an der Belastungsgrenze sind“. 400 bis 500 Kunden pro Tag seien in einer Halle von 1 250 Quadratmetern unterwegs. „Mit einer Halle machen wir im Jahr knapp eine Million Euro Umsatz“, sagt Ludwig.

    Er und andere Betreiber in Berlin profitieren auch von dem Multisportanbieter Urban Sports, der mit einem einzigen Abonnement den Zugang zu unterschiedlichen Sportstätten ermöglicht: Dazu gehören Fitnessstudios ebenso wie Schwimmbäder und Boulderhallen. „Aus Berliner Sicht ist das phänomenal“, sagt Ludwig, „50 Prozent der Kunden in unserer länger bestehenden Halle kommen über Urban Sports“.

    Andere Betreiber sind da kritischer: „Wir sind bewusst kein Mitglied bei Urban Sports“, sagt Nadia Hoffmann von der Boulderwelt. „Wir sehen das Problem, dass man sich langfristig von einem Drittanbieter abhängig macht“. Sie hat die Sorge, dass Urban Sports über die große Marktmacht langfristig die Preisstruktur mitbestimmen könnte. Für die Boulderwelt ist Urban Sports auch ein Argument gegen den Betrieb einer Halle in Berlin. Dort könne es jetzt schon ein Todesstoß für Anbieter sein, nicht mit Urban Sports zusammenzuarbeiten, sagt Hoffmann.

    Urban Sports teilt dazu mit, an einer „Win-Win-Win-Situation mit Partnern, Privat- und Firmenkunden“ interessiert zu sein. Die Abwanderungsquote der Anbieter liege bei unter einem Prozent.

    Die Klage der Privaten

    Ein weiterer Konflikt, der den Markt beschäftigt, tobt seit Jahren zwischen dem Dachverband privater Kletterhallenanbieter KLEVER und dem DAV. Der Alpenverein betätige sich wirtschaftlich am Markt, so der Vorwurf, und werde gleichzeitig durch seine Gemeinnützigkeit steuerlich begünstigt. So entstehe eine Wettbewerbsverzerrung.

    Der Streit beschäftigte bereits das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg und den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Die wirtschaftliche Tätigkeit des DAV wurde dadurch juristisch nachgewiesen. Ob nun daraus folgt, dass der DAV seine Kletterhallen wie gefordert in Gesellschaften mit beschränkter Haftung ausgliedern soll, darüber wird weiter gestritten.

    In diesem Jahr erhält der Bouldersport auch medial viel Aufmerksamkeit, denn in Tokio wird Klettern zum ersten Mal olympisch. Die aufregenden Bilder von Profikletterern sollen noch mehr Leute in die Hallen locken und dafür sorgen, dass es für den Sport nur eine Richtung gibt: nach oben. Auch dem Markt sollen die Olympischen Spiele weiteren Auftrieb verleihen.

    Mehr: „Bouldern“ ist in - deutschlandweit wird inzwischen geklettert. Doch kann der Trendsport auch gegen Depressionen helfen? Forscher aus Franken wollen das beweisen.

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