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Verpackungsdesign Pulsdiagnose im Supermarkt

Noch vor wenigen Jahren entwarf Dominique Braun entwarf Hüllen für Luxusartikel. Jetzt verpackt sie Toast, Unterwäsche und Sonnencreme für die indische Mittelschicht. Im Verpackungsdesign mögen es die Inder lieber uneuropäisch: Hauptsache bunt und pflegeleicht.
In indischen Supermärkten ist vor allem buntes Design gefragt. Quelle: Reuters

In indischen Supermärkten ist vor allem buntes Design gefragt.

(Foto: Reuters)

An ihren ersten Tagen in Indien schlängelte Dominique Braun sich von morgens bis abends durch riesige, überquellende Holzregale in kleinen, staubigen Supermärkten. Sie blieb mal beim Waschmittel stehen, mal bei der Milch und besonders häufig bei den Keksen - Inder lieben alles, was süß und zuckerig ist. Sie nahm jede Packung einzeln in die Hände, betrachtete sie von allen Seiten - analysierte Material, Form und Aufdruck. "Ich wollte einfach am Puls der indischen Konsumenten sein", erinnert sich Braun.

Die 32-jährige Grafik- und Kommunikationsdesignerin, die bereits im Jahr 2002 für ihre Diplomarbeit an der Fachhochschule Düsseldorf mit dem Red Dot Design Award ausgezeichnet wurde, ist seit knapp einem Jahr der kreative Kopf von Redpack in Indien. Die inhabergeführte Agentur aus Hamburg ist noch recht neu am Markt und hat sich auf die Entwicklung von Verpackungen spezialisiert: von Golden Toast über Schiesser Unterwäsche bis hin zu Ladival Sonnencreme. Das Büro im südindischen Bangalore ist die erste Niederlassung im Ausland und wurde Anfang 2008 eröffnet, um "den wachsenden Konsumgütermarkt des Landes zu erobern", erklärt Andreas Unger, einer der drei Gründer.

Die Wirtschaft auf dem Subkontinent boomt und ist in den vergangenen Jahren durchschnittlich um neun Prozent gewachsen - auch wenn die weltweite Konjunkturflaute die Entwicklung zurzeit verlangsamt. Vom wirtschaftlichen Aufschwung profitiert vor allem eine neue, aufstrebende Mittelschicht in Großstädten wie Neu Delhi und Bangalore. Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey wird sich diese Mittelschicht in den nächsten 20 Jahren von 50 Millionen auf 583 Millionen Menschen verzehnfachen.

Momentan ist sie noch relativ klein, das Gefälle zwischen reich und arm weiterhin groß. Die meisten Inder kaufen Grundnahrungsmittel wie Reis lose in der Tüte auf dem Markt und nicht in ausgefallenen Verpackungen im Supermarkt. Doch immer mehr können sich einen Einkauf im Supermarkt leisten - und sie haben ganz traditionelle, zum Teil recht uneuropäische Vorlieben. "Die Verpackung muss einfach, darf aber nicht zu puristisch sein - so wie es gerade in Deutschland in ist. Die Inder mögen es farbenfroh", weiß Braun. "Und das Produkt selbst muss abgebildet sein - oder erkennbar, wie zum Beispiel Reis durch ein eingebautes Sichtfenster." Keine leichte Aufgabe für die Designerin, die vor ihrer Station in Indien bei verschiedenen Agenturen vor allem Verpackungen für edle Kosmetikprodukte und Parfums kreierte.

Aber nicht nur die Vorlieben der Inder beeinflussen das Verpackungsdesign und die Arbeit von Dominique Braun, sondern auch die Liefer- und Lagerbedingungen. Bei gleißender Hitze oder sturzbachartigen Regenfällen - sowie der zum Teil katastrophalen Infrastruktur - kann der Transport von der Produktions- bis hin zur Verkaufsstätte mehrere Tage dauern. Die überfüllten Straßen tun ihr Übriges. "Der Verkehr ist das reinste Chaos", weiß Braun aus eigener Erfahrung. Und so werden die Produkte im LKW häufig hin und her geschleudert. Im Supermarkt angekommen werden sie in schmutzige Regale verfrachtet und wahllos übereinander gestapelt. "Da sind weiße Verpackungen keine Option - nicht mal für Waschmittel", sagt Braun.

Noch vor eineinhalb Jahren hätte die Verpackungsdesignerin nicht im Traum daran gedacht, Hamburg den Rücken zu kehren, um in Indien zu leben und zu arbeiten. Als ihr Freund jedoch entschied, beruflich für drei Jahre nach Indien zu ziehen, entschied sie sich fürs Mitgehen. Redpack lernte sie noch in Deutschland kennen. Den ersten Auftrag für einen indischen Kunden betreute Braun noch von Hamburg aus. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Büroräume wurden angemietet, PCs bestellt und Braun machte sich auf die Reise.

An das neue Arbeits- und Lebensumfeld auf dem Subkontinent musste sie sich jedoch erstmal gewöhnen, denn es ist komplett anders als in Deutschland. "Jeder Tag ist eine Überraschung - positiv wie negativ. Hier kann es passieren, dass einem die Kuh die Blumen von der Fensterbank frisst", erzählt sie lachend. Auch die Zusammenarbeit mit indischen Kollegen gestaltet sich teils schwierig. Viele sprechen kein Englisch und es dauert alles mindestens doppelt so lange wie in Deutschland. Das größte Problem für Braun sind jedoch die vielen bettelnden Kinder auf der Straße. "Dahinter stehen meist Bettlerorganisationen, deswegen darf man ihnen nichts geben. Aber das ist nicht leicht", sagt sie. Nach knapp einem Jahr in Indien ist sie sich sicher: Entweder man liebt das Land oder man hasst es. Sie selbst ist "auf dem Weg dahin, es zu lieben". Trotz der jüngsten Terroranschläge in Mumbai. "Die Bedrohung ist zwar präsent, aber ich habe keine Angst", sagt sie. "So etwas kann überall passieren."

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