Herausforderung Expansion Investieren im Niemandsland

Es erfordert unternehmerischen Mut, ins Ausland zu gehen. Noch mutiger muss sein, wer in völlig unerschlossenen Märkten aktiv werden will. Die Vorreiterrolle kann sich allerdings auszahlen.
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Namibische Wüste: Investoren in entlegenen Regionen brauchen besonderes Durchhaltevermögen. Quelle: mauritius images

Namibische Wüste: Investoren in entlegenen Regionen brauchen besonderes Durchhaltevermögen.

(Foto: mauritius images)

KölnZuerst war dort einfach gar nichts, erinnert sich Gerhard Hirth. „Nur Busch.“ Zuerst, das ist das Jahr 2006. Dort, das ist Namibia. Genauer gesagt der Nordosten des Landes, halbe Strecke zwischen der Kleinstadt Otavi und dem nächstgrößeren Ort Tsumeb. Heute steht in diesem Nichts Namibias einzige Zementfabrik. Gerhard Hirth und sein Unternehmen, der Ulmer Zementhersteller Schwenk, haben sie dorthin gebaut.

Geplant im Sinne einer ausgeklügelten Expansionsstrategie war das Abenteuer Namibia nicht: Alles begann mit dem Telefonanruf eines Gebrauchtmaschinenhändlers bei Hirth. Eine staatliche Kupfermine in Namibia besitze Erkundungsrechte für eine kalksteinhaltige Gegend und suche nun nach einem Unternehmen, von dem es eine Zementfabrik kaufen könnte. Hirth konnte damit nicht dienen – doch selber machen, dachte der Geschäftsführer, das ginge.
Welch ein Aufwand dahinterstecken würde, hat er nicht kommen sehen. Heute, da das Werk steht und Namibia praktisch exklusiv mit Zement versorgt, kann er es sich leisten zu sagen: „Die Strategie folgte damals der Aktion.“

Pionierinvestments wie jenes von Schwenk, also Unternehmensgründungen nicht nur auf der sprichwörtlichen grünen Wiese, sondern auch noch in bislang weitgehend unerschlossenen Märkten, erfordern Mut. Es gehöre viel Selbstvertrauen und Herzblut dazu zu sagen: „Ich mache jetzt was in Afrika“, erläutert Martin Kalhöfer, Afrika- und Nahostexperte der Wirtschaftsförderung Germany Trade and Invest (GTAI). Ein Grund dafür sei das klischeehafte Bild, das auch in deutschen Unternehmen von Afrika vorherrsche. „Sicher, das Risiko ist höher als in Deutschland – aber Afrika ist nicht der Krieg- und-Katastrophen-Kontinent, als der er oft dargestellt wird“, sagt Kalhöfer.

Das sind die 15 attraktivsten Wachstumsmärkte
Container im Hamburger Hafen
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Dass sich mittelständische Unternehmen, die im Ausland neue Absatzmärkte erschließen möchten, nicht alleine auf die derzeitige Schwäche des Euro verlassen sollten, zeigt eine Studie des Kreditversicherers Euler Hermes. Demnach können die deutschen Unternehmen zwar in diesem Jahr mit zusätzlichen Ausfuhren im Wert von 36 Milliarden Euro rechnen (+2,7 Prozent), im letzten Jahr konnte die Exportbranche jedoch noch um 45 Milliarden Euro wachsen. Unter anderem die schwere Russland-Krise wird die Exporte bremsen, so die Experten von Euler Hermes. Sie raten deshalb dazu, gezielt wachstumsstarke Länder zu erschließen, in denen die hiesige Wirtschaft bislang unterrepräsentiert ist.

15. Südafrika
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In Südafrika wird für das Jahr 2015 eine Wachstumsrate von 2,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erwartet. Zum Vergleicht: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) prognostiziert für Deutschland im selben Jahr ein Wachstum von 1,3 Prozent.

14. Estland
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Mit einer prognostizierten Wachstumsrate von 2,5 Prozent steht Estland noch ein wenig besser da. Der seit 1991 unabhängige Staat mit der malerischen Hauptstadt Tallinn (Bild) ist seit 2011 Mitglied der Eurozone.

13. Slowakei
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Auch die Slowakei ist Euro-Mitglied und dies schon seit 2009. Das Bild zeigt die Hauptstadt Bratislava. Für die Slowakei prognostizieren die Experten von Euler Hermes ein Wachstum von 2,7 Prozent des BIP.

12. Uruguay
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Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Wirtschaftszweig in Uruguay. Bei ausländischen Investoren ist das Land bisher eher unbekannt. Das prognostizierte Wachstum beträgt 2015 2,8 Prozent.

11. Lettland
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Lettlands Bruttoinlandsprodukt soll voraussichtlich um 3,2 Prozent wachsen. Seit 2004 ist das baltische Land in der Europäischen Union, seit 2014 in der Euro-Zone. Diese verliert für die deutschen Exporteure zunehmend an Gewicht. 2014 machten sie nur noch 36,6 Prozent ihres Auslandsumsatzes in den Ländern der Währungsgemeinschaft, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Im Jahr 2005 hatte der Anteil noch 44,7 Prozent betragen. Grund für den Rückgang ist die Finanz- und Wirtschaftskrise.

10. Polen
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Gleichzeitig werden die EU-Mitgliedsstaaten, die nicht der Währungsunion angehören, immer wichtiger. Deren Anteil an den deutschen Exporten erhöhte sich von 2013 auf 2014 von 20,1 auf 21,4 Prozent. 1993 lag er bei nur 16,2 Prozent. Zu diesen Staaten gehört auch Polen, welches einen Aufschwung erlebt. Das Bruttoinlandsprodukt wird voraussichtlich um 3,3 Prozent wachsen.

Das Wissen über die einzelnen Märkte sei hierzulande sehr begrenzt. Dass deutsche Unternehmen abseits der Großkonzerne sich zu Gründungen entschlössen, sei entsprechend selten. Sie konzentrierten sich stattdessen auf den klassischen Außenhandel. „Deutsche Unternehmen verpassen so Marktanteile“, sagt Kalhöfer. Die Chancen, die der Kontinent biete, seien groß: Schon im Jahr 2050 werde Westafrika mehr Einwohner als ganz Europa haben, rechnet er vor.

Um die Wachstumsmöglichkeiten zu nutzen, musste Schwenk-Chef Hirth viel Energie aufwenden. Er musste Geldgeber für das 280-Millionen-Euro-Projekt gewinnen, bei Ministerien vorstellig werden, um Abbaugenehmigungen zu erhalten, bändeweise Vertragswerke verfassen – und Vorurteile abbauen. Denn das Grundstück, auf dem die Fabrik entstehen sollte, gehörte einem Herero, einem Angehörigen derjenigen Volksgruppe, die unter den Deutschen während ihrer Zeit als Kolonialmacht Namibias besonders zu leiden hatte. „Es ging für uns darum, Vertrauen zu erzeugen“, sagt Hirth. Mehrmals besuchte er den Grundbesitzer, lud ihn nach Deutschland ein und machte ihm deutlich, dass sein Land von der Investition profitieren würde. Insgesamt seien durch den Bau in der Region 2 500 Arbeitsplätze entstanden, sagt Hirth. 350 im Werk direkt, der Rest durch Zulieferer und andere Unternehmen im Schlepptau. Einundfünfzigmal ist Hirth seit 2006 nach Namibia geflogen. „Der persönliche Einsatz ist wichtig, den kann man nicht delegieren“, sagt er.

Unwahrscheinlich hart: der Zoll.
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