TOGG: Was kann das türkische Elektroauto, und wann kommt es auf den Markt?
Der ehemalige Bosch-Manager Gürcan Karakas hat das Vertrauen des türkischen Staates und großer Unternehmen.
Foto: picture alliance / AAIstanbul. Das türkische Elektroauto TOGG gehört zu den ambitioniertesten Projekten der Automobilbranche in den vergangenen Jahren. Im Schatten heftiger wirtschaftlicher Turbulenzen in der Türkei hat der ehemalige Bosch-Manager Gürcan Karakas innerhalb von zwei Jahren ein Modell entwickelt, das den türkischen Hersteller TOGG in die Liga der innovativen Automobilproduzenten katapultieren soll.
Seit diesem Wochenende ist klar: Der „türkische Tesla“ kommt. Kein Geringerer als der türkische Präsident selbst weihte am Samstag die Produktionsstätte in Gemlik südlich von Istanbul ein. „Das nationale Auto der Türkei, TOGG, wird mit all seinen Modellen auf die Straßen Europas kommen“, versprach Recep Tayyip Erdogan in seiner Eröffnungsrede und fügte hinzu: „Sie werden sagen: ‚Die verrückten Türken kommen.‘“
Das klingt für einen Spitzenpolitiker zwar etwas schräg, soll aber eine Botschaft übermitteln: Die Türkei will mit ihrem ersten selbst produzierten Elektroauto nicht nur den türkischen Markt erobern, sondern auch BMW, Volkswagen & Co. Konkurrenz machen.
Was kann der TOGG, wie sieht er aus – und vor allem: Ab wann und zu welchem Preis wird man ihn kaufen können? Hier finden Sie Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Automarke TOGG: Wer und was steckt hinter dem türkischen Elektroauto?
TOGG ist ein Akronym und steht für „Türkiye'nin Otomobili Girişim Grubu A.Ş.“, was auf Deutsch „Automobil-Entwicklungsgruppe der Türkei“ bedeutet. Die türkischen Firmen Anadolu Group, BMC, Kök Group, Turkcell und Zorlu Holding sind wesentliche Gesellschafter unter dem Dach der türkischen Industrie- und Handelskammer TOBB. Jedes Unternehmen hält 19 Prozent und TOBB 5 Prozent der Anteile.
Über drei Milliarden Euro wurden für die Entwicklung bereitgestellt. Von einer Rekordinflation in Höhe von 80 Prozent ließen sich die Geldgeber nicht abhalten – vor allem die türkische Exportindustrie verdient derzeit viel Geld. Das Design des Fahrzeugs stammt von der italienischen Firma Pininfarina.
Als Chef haben die Eigentümer der Firma Gürcan Karakas berufen. Der Automanager, der 27 Jahre lang bei Bosch Karriere gemacht hat, will sich keinen Illusionen hingeben. „Niemand rechnet mit einem Elektroauto aus der Türkei“, sagte er Ende 2020 noch dem Handelsblatt. Doch schon damals hatte er sich fest vorgenommen, die Erwartungen zu übertreffen. „Wir wollen von Beginn an weltweit konkurrenzfähig sein.“
Der Togg-Chef will 2023 die Serienproduktion starten.
Foto: ReutersGründungsvater des Projekts ist jedoch der türkische Präsident selbst. Schon vor rund einem Jahrzehnt hatte Erdogan eine Initiative für ein Automobil aus türkischer Produktion gefordert. Im Jahr 2017 kündigte er dann die Gründung von TOGG an.
Wann kommt der TOGG auf den Markt?
Die ersten Testwagen seien bereits vom Band gelaufen, hatte Karakas bereits im Juli dem Handelsblatt verraten. Bei dem sogenannten Manufacturing Try-out werden die Betriebsprozesse der neu gebauten Fabrik nahe Istanbul getestet. „Anfang November werden wir die Prozesse perfektioniert haben und dann in dieser Form einfrieren“, hatte Karakas erklärt. „Dann haben wir die Serienreife unserer Fertigungsanlage.“
Der TOGG-Vorstandschef kündigte an, im kommenden Jahr 20.000 Fahrzeuge zu produzieren. Langfristig soll die Produktion auf 175.000 Autos pro Jahr ausgebaut werden. Bis 2030 will Karakas die Produktpalette auf fünf Modelle ausbauen und eine Million Einheiten produzieren.
Ab dem Frühjahr 2023 soll der TOGG-SUV verkauft werden, hatte der türkische Industrieminister im August vollmundig erklärt. Ganz so schnell wird es dann doch nicht gehen. Wahrscheinlicher ist das dritte Quartal 2023, erklärte Vorstandschef Karakas bei der Fabrikeröffnung Ende Oktober.
TOGG-Verkaufsstart in Deutschland: Wann Sie das Elektroauto kaufen können
Grundsätzlich kann jede und jeder das Fahrzeug ab Produktionsbeginn kaufen und nach Deutschland importieren. In der Realität dürfte das schwierig werden. Denn zunächst werden die ersten 20.000 Einheiten nur für den türkischen Markt produziert – und dort ist die Nachfrage nach dem ersten türkischen Auto groß. Allein Präsident Erdogan soll sich die ersten drei Fahrzeuge gesichert haben.
Außerdem ist vorgesehen, dass mehr und mehr öffentliche Einrichtungen ihre Fuhrparks nach und nach durch TOGG-Modelle ersetzen. Die türkische Regierung hatte vor einem Jahr angekündigt, jährlich rund 30.000 Autos abnehmen zu wollen.
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Offiziell heißt es, dass in den ersten 18 Monaten ab Produktionsbeginn vorrangig der türkische Markt bedient werden soll. Danach sei der europäische Markt an der Reihe – also auch Deutschland.
Was soll der TOGG kosten?
Über den Preis schweigen sich die Hersteller bisher aus. Nach den Worten des Industrieministers soll das Elektroauto zum gleichen Preis wie vergleichbare Verbrennermodelle angeboten werden.
Die Botschaft: Man will den großen Herstellern von Beginn an Konkurrenz machen. Auch hier gilt: Was die Politik verspricht, muss nicht der Wahrheit am Markt entsprechen. Denn dessen Angabe lässt keine konkreten Schlüsse auf den Preis zu. Ein etwa gleich großer VW Tiguan ist derzeit ab 31.545 Euro zu haben, bei Premiumfahrzeugen wie dem BMW X3 geht es ab 37.000 Euro los. Wo genau der TOGG sich preislich positionieren wird, ist nicht klar.
Optisch erinnert das Modell an den Ford Edge oder das Modell Grand Cherokee der Marke Jeep.
Foto: TOGGIn der Türkei wurde lange über den Preis für den TOGG spekuliert. Vorstandschef Karakas sah sich im September genötigt, öffentlich Stellung zu beziehen, als angebliche Preislisten veröffentlicht wurden, die von Medien und Auto-Enthusiasten frei erfunden worden waren. Ab Februar sollen Vorbestellungen möglich sein, hieß es bei der Fabrikeröffnung. Dann sollen auch die Preise veröffentlicht werden.
TOGG und Tesla: Ist das türkische E-Auto ein ernst zu nehmender Konkurrent?
Ein wichtiger Exportmarkt dürfte Deutschland sein. Dafür dürfte nicht nur die türkischstämmige Community sorgen. Insgesamt ist der Markt groß, der Absatz von Elektroautos ist zuletzt deutlich angestiegen. Doch die Kaufprämie, die aktuell noch für neue Elektroautos gezahlt wird, wird in Deutschland bald abgeschafft. Ein neuer Hersteller, der mit einem Kampfpreis in den Markt drängt, könnte da gute Chancen haben.
Mehr: Türkei produziert erste Batterien für E-Autos.
Erstpublikation: 31.08.2022, 14:53 Uhr.