Schering Stiftung: Blick über den Tellerrand
Haroon Mirza: "AcidReign", 2012.
Foto: Schering Stiftung, BerlinBerlin. Es knattert, es blitzt. Die Sinne sind überfordert. Erst nach und nach sortieren sich die Eindrücke. Blau, rot, grün leuchten Leuchtstreifen am Fuß der Wand und entlang einer Säule, die mitten im Raum steht. Wenn sie aufleuchten, ertönt jeweils ein knarrender, dröhnender Laut, wenn sie erlöschen, verschwindet auch der Ton. In der Raummitte steht ein nackter Lautsprecher auf dem Boden in einem rot leuchtenden Quadrat; in seiner Muschel springen Aspirin-Tabletten im Rhythmus der Klänge und erzeugen ein rasselndes Geräusch.
Je länger man sich in diesem, auf den ersten Blick unübersichtlichen Werk des britischen Künstlers Haroon Mirza aufhält, desto deutlicher erscheint dessen Struktur. Die lauten Klänge sind an die Leuchtstreifen gekoppelt, das Ein und Aus der Lichter erzeugt einen regelmäßigen Beat, der an Technosound erinnert. Klang, Licht und Raum agieren in Wechselwirkung, wie in einem Musikclub.
Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst
Doch nicht in einem der vielen Clubs von Berlin ist dieses ohrenbetäubende Klang- und Raumerlebnis zu bewundern, sondern am seriösen Boulevard Unter den Linden, im Projektraum der Schering Stiftung www.scheringstiftung.de , in deren Auftrag Haroon Mirza diese Installation geschaffen hat. 2011 erhielt der Künstler bei der Biennale in Venedig den Silbernen Löwen als „Most Promising Artist“. Die Stiftung feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Seit 2009 zeigt sie in ihrem Schauraum am prominenten Ort drei bis vier Ausstellungen pro Jahr mit eigens für den Raum konzipierten Arbeiten.
Den „Dialog zwischen Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft“ zu fördern – mit dieser Devise ist die Stiftung 2002 angetreten, gegründet vom damaligen Berliner Pharmahersteller Schering, der 2006 von der Bayer AG geschluckt wurde. 2010 wurde aus der Bayer Schering Pharma AG schließlich die Bayer HealthCare Pharmaceuticals.
So ist die mit 35 Millionen Euro Stiftungskapital ausgestattete Schering Stiftung heute der einzige Träger dieses traditionsreichen Namens. Für die Berliner Kunst- und Wissenschaftslandschaft ist die Schering Stiftung ein wichtiger Faktor, wie ein rascher Blick auf die aktuellen Förderprojekte zeigt. So ist sie wesentlich an der Finanzierung der großen „Weltausstellung“ unter dem Titel „The World is not fair“ beteiligt, die das „Hebbel am Ufer“ www.hebbel-am-ufer.de zum Abschied ihres langjährigen Intendanten Matthias Lilienthal bis Ende Juni auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof zeigt – ein Kunst- und Theaterkraftakt mit zahlreichen Pavillons unter anderem von Willem de Rooij, RabihMroué und Harun Farocki.
Li Hui: "Cage", 2011.
Foto: Schering Stiftung, Berlin
Die Schering Stiftung steht ebenfalls auf der Sponsorenliste der Ausstellung „The Future Archive“, die bis zum 29. Juli im Neuen Berliner Kunstverein künstlerische Forschungsprojekte aus den 1970er und 1980er Jahren aus dem Umfeld des MIT in Chicago präsentiert und dies mit neueren Projekten verknüpft, wobei unter anderem Olafur Eliasson und Nader Tehrani mit von der Partie sind.
„Unser Ziel ist es, dass künstlerische Forschungsansätze in einen Austausch mit wissenschaftlichen Arbeiten gebracht werden und die Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt“, erklärt Heike Catherina Mertens, Vorstand Kultur bei der Schering-Stiftung. In diesem Kontext stand auch die Fachtagung „On Research“, die im Mai im Berliner Haus der Kulturen der Welt Künstler und Wissenschaftler an einen Tisch brachte – ebenfalls mit Unterstützung der Schering-Stiftung.
Stipendien und Basisarbeit im Kiez
Mehr als eine Million Euro kann die Stiftung jährlich verteilen. Ein Schwerpunkt sind Stipendien im Bereich der Lebenswissenschaften, der zweite Schwerpunkt die zeitgenössische Kunst und Kultur. Avancierte Projekte an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft finden sich hier ebenso wie einige ausgewählte Projekte der kulturellen Bildung. Und da betreibt die Stiftung Basisarbeit in kulturfernen Kiezen, unterstützt das Atelier Bunter Jakob für Kinder und Jugendliche in der Berlinischen Galerie und ein langfristiges Jugendtheaterprojekt, das das freie Theater o. N. im Plattenbaubezirk Hellersdorf betreibt.
„Wir möchten experimentelle Projekte unterstützen, bei denen die Akteure über den Tellerrand hinausschauen“, erklärt Heike Catharina Mertens. „Das können freie Veranstalter sein, aber wir arbeiten auch mit den großen Institutionen zusammen – aber immer unter der Bedingung, dass deren öffentliche Mittel nicht wegen unserer Förderung gekürzt werden.“
Sorge bereiten die niedrigen Zinsen
So zählt auch das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin zu den Begünstigten der Stiftung. Durch Ankäufe von Grafiken und Zeichnungen zeitgenössischer Künstler unterstützt die Schering-Stiftung seit Jahren diese Sammlung, deren Ankaufsetat es ansonsten kaum möglich machen würde, mit der Kunst der Gegenwart Schritt zu halten.
Dass die Stiftung vor zehn Jahren als selbstständige Stiftung gegründet wurde, hat sich inzwischen als Glücksfall erwiesen. So konnte sie den Untergang des namengebenden Unternehmens überstehen. Sorge bereitet der Stiftung aber die gegenwärtige Niedrigzinsphase. Das Kapital wirft derzeit nur wenige Erlöse ab. „Da unser Fördervolumen nicht steigen kann, setzen wir verstärkt auf inhaltliche Zusammenarbeit“, sagt Heike Catharina Mertens. „Durch unser großes Netzwerk können wir nicht nur mit Geld, sondern auch mit Rat und Tat zur Verfügung stehen.“
Haroon Mirza bis 21.7. im Projektraum der Schering Stiftung, Unter den Linden 32-24, Berlin-Mitte, montags bis samstags 11-18 Uhr.
The Future Archive bis 29.7. im Neuen Berliner Kulturverein, Chausseestr. 128/129, Berlin-Mitte, dienstags bis sonntags 12-18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.
The World is not fair – Die große Weltausstellung 2012 bis 24.6. im Tempelhofer Park, Berlin, Do/Fr 16-21 Uhr, Sa/So 14-21 Uhr.