Messe: So schön bunt hier – gute Kunst muss nicht teuer sein
London. Die „London Original Print Fair“ kämpft seit der Coronakrise und nach dem Brexit um internationale Aussteller (bis 24. März). Daher ist die Londoner Messe zwar nicht international bekannt, aber lokal zeigt sie, dass der Londoner Sammlermarkt für Druckgrafik quicklebendig ist.
In den 39 Jahren ihres Bestehens hat sich die Messe eine loyale Ausstellerbasis aufgebaut, die dem Auf und Ab von Zeit und Markt standhält. Das Besondere an Grafikmessen: Das Preisniveau ist sehr gemischt. Für jeden ist etwas dabei.
Die Messe präsentiert verjüngt mit rund 45 Ausstellern in den historischen Räumen des Somerset House, das seit einigen Jahren etliche Kunstmessen beherbergt. Architektonisch passen die kleinteiligen parkett- und stuckbestückten Räume des Gebäudes gut zur Grafik Alter als auch zeitgenössischer Kunst.
Keiner anderen Messe stehen die historische Atmosphäre, das von Tageslicht geprägte Ambiente und die Ausblicke auf die Themse so gut wie dieser. Hier kommen die oftmals klein- und mittelgroßen Grafiken zum Atmen – in sparsam kuratierter Hängung ebenso wie in den Salonhängungen, wo Händler alter Grafik die Wände reihenweise bestücken.
Und in fast jedem Stand finden sich sorgsam arrangierte Blumenbouquets. Der Geist des Hauses, das im 18. Jahrhundert die ursprüngliche Königliche Akademie beherbergte, wird in den weitläufigen Gängen spürbar.
Qualitativ kann die Messe den Vergleich mit anderen Messen für Editeure ohne Probleme standhalten. Der Bereich der Alten Meister ist seit einigen Jahren rückläufig, was am Aussterben vieler Londoner Galerien liegt, wie die Messedirektorin Helen Rosslyn dem Handelsblatt gegenüber betont. Dennoch gibt es auch hier Neuzugänge.
Isaac und Ede zeigt einen Stand mit Grafik vor allem aus dem 18. Jahrhundert. Darunter ein seltenes Set von vier Radierungen von Francisco Baretta nach Pietro Mainoto aus der Zeit um 1750. Dargestellt wird eine Reihe von lokalen Handwerken, Kostenpunkt: 6500 Pfund.
David Isaac nimmt an der Messe zum ersten Mal teil. Er ist nicht der einzige Aussteller, den man auf keiner anderen Messe findet, was die Messe umso besonderer macht.
Auch die Japan Print Gallery konzentriert sich auf Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts, hier vor allem auf japanische Holzschnitte. Hier liegen die Preise zwischen 500 Pfund und 36.000 für einen Holzschnitt des berühmten Hokusai.
Das Hochpreissegment ist mit Händlern der britischen Moderne wie Cristea Roberts, Bernard Jacobson oder auch Marlborough Graphics und Namen wie David Hockney, Bridget Riley, Barbara Hepworth oder Lucian Freud vertreten. Bei Marlborough Graphics stechen vor allem die Radierungen von Frank Auerbach hervor, dem die im gleichen Haus angesiedelte Courtauld Art Gallery gerade eine Ausstellung von Papierarbeiten widmet.
Für den weniger betuchten Sammler
Aber auch Marlborough bietet für den kleinen Geldbeutel etwas an. Neben den im sechsstelligen Bereich liegenden Klassikern stellt sie Monotypien der jungen jüdischen Künstlerin Liorah Tchiprout für unter 1000 Pfund an. Tchiprout hatte vor Kurzem ihre erste Einzelausstellung in der Galerie.
Neben den etablierten Namen, die sowohl Galerien wie Hauser & Wirth oder auch Enitharmon Editions präsentieren, liegt die Stärke dieser Messe in den Entdeckungen junger Künstler, die sich verstärkt dem Medium der Druckgrafik zuwenden. Diese werden auf der Messe von vielfältigen Galerien, Händlern und auch Verlegern unterstützt.
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Der Grafik- und Kunstbuchverlag Enitharmon Editions zeigt neue Lithografien der angesagten Caroline Walker – in einer 35er-Auflage für 3000 Pfund –, aber auch faszinierend altmeisterliche Arbeiten des unbekannteren Londoners Robert Clear. Für das Unikat werden 900 Pfund erwartet.
Aus Schottland reist seit Jahren das Glasgow Print Studio an, eine gemeinnützige Galerie und Druckgrafikwerkstatt, die vor allem schottische Künstler mit technischer Expertise unterstützt. Neu ist die Zusammenarbeit der Glasgower Galerie The Modern Institute mit der Onlineplattform The Wrong Shop.
Concept-Store auch mit günstigen Objekten
Designer Sebastian Wrong versucht einen Spagat zwischen Design und Kunst, Massenware und Kunstobjekten. Ein globaler Kundenstamm in Japan, Korea, Frankreich, den USA zeigt den Erfolg des Geschäftsmodells, das auf preisgünstigen Editionen und Postern liegt. Ein effizientes Distributionssystem per Online-Shop.
The Modern Institute, ein regelmäßiger Aussteller auf der „Art Basel“, ist an einer breiteren Reichweite für seine Künstlerinnen und Künstler interessiert. Lindsey Ingram hat für die Messe einen wunderbar blumigen Concept-Store entworfen, an dem man alles von Postkarten über Kunstbüchern bis zu Editionen kaufen kann – einschließlich der Möbel.
Wrong und Ingram setzen auf junge Käufer, die an den strikten Hierarchien im Kunstmarkt – was ist Kunst, was Handwerk, was Design, was Gebrauchsobjekt? – nicht mehr interessiert sind.
Einer der wenigen internationalen Aussteller ist die norwegische Kunstverket Galleri aus Oslo. Sie stellen zum sechsten Mal aus und bringen ihre eigene Mischung von Kunst mit, die die skandinavische Landschaft und deren Mythos mit dem Handwerk der Druckgrafik verbindet.
Kunstverket Galleri zeigt in Norwegen so etablierte Künstler wie Tore Hansen oder auch Annette Kierulf, deren nur scheinbar einfache Holzschnitte auf das Verhältnis zwischen Mensch und Natur anspielen, was in Zeiten der Klimakatastrophe eine neue Dringlichkeit entfaltet. Die Professorin an der Kunsthochschule in Bergen wurde mit ihrer Schwester Caroline erst 2023 mit einer großen Ausstellung im Kode Kunstmuseum in Bergen bedacht.
Gute Kunst muss nicht teuer sein
Ein Besuch der Messe macht Freude und regt zum Nachdenken an: Die Print Fair zeigt, dass gute Kunst nicht teuer sein muss. Innovative Verkaufsmodelle, sowohl online als auch analog. zeigen, dass auch traditionelle Medien eine Zukunft haben werden. Gerade junge Künstler entdecken das Medium für sich.
Die große Anzahl junger und älterer Besucher an der gut besuchten Preview zeigt, dass diese Mischung ankommt. All dies überwiegend lokal. Daran kann sich manche globale Großmesse ein Beispiel nehmen. Das olympische Motto „schneller, höher, weiter“, das so oft auch den Kunstmarkt beherrscht, ist nicht immer besser.
„London Original Print Fair“ bis Sonntag 24. März im Somerset House, London.
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