Künstliche Intelligenz: „Jetzt auch Silo“ – Droht Europas KI-Szene der Ausverkauf?
Düsseldorf. Die Nachricht traf Partner der Firma am Mittwoch unerwartet und wirkte wie ein Schock. Silo AI, das sich immer als „Europas größtes privates KI-Labor“ beschrieben hat, wird amerikanisch. Für 665 Millionen Dollar (614 Millionen Euro) übernimmt der US-Chipkonzern AMD das Start-up für Künstliche Intelligenz (KI) aus Helsinki.
„Jetzt auch Silo! Ich muss das erst mal sacken lassen. Ich melde mich später“, sagte Joachim Köhler, als das Handelsblatt den Abteilungsleiter des Fraunhofer-Instituts IAIS um eine Stellungnahme anfragte.
Silo AI entwickelt unter anderem KI-Sprachmodelle, um die seit der Verbreitung des Chatbots ChatGPT ein weltweiter Hype ausgebrochen ist. Neben Mistral AI aus Paris und Aleph Alpha aus Heidelberg zählt die Firma zu den drei bekanntesten Entwicklern der Technologie in Europa.
Während Mistral jedoch inzwischen zu einem guten Teil amerikanischen Investoren gehört, hatte Silo sich stets für die digitale Souveränität Europas starkgemacht. So sagte Silo-Gründer Peter Sarlin noch vor drei Wochen auf einer Tagung in Tübingen: „Wir sind angetreten, um sicherzustellen, dass Europa ein KI-Flaggschiff hat.“
Die Firma entwickelt beispielsweise speziell auf europäische Sprachen trainierte KI-Modelle und legt den Quellcode dazu offen, sodass andere Entwickler sie nutzen und für ihre Zwecke anpassen können. Mit Joachim Köhler baut Silo im Projekt Deploy AI KI-Modelle für kleine und mittlere Unternehmen, damit sie nicht von US-Technologie abhängig sind. Jetzt stehen dieses und weitere Projekte infrage.
Nachdem Mistral im Februar den US-Konzern Microsoft ins Unternehmen geholt hat und seine Modelle seither nicht mehr offenlegt, trifft die Nachricht die europäische KI-Szene besonders empfindlich. Zumal sich Zweifel verbreiten, ob Aleph Alpha technologisch schon den Anschluss verpasst hat. Ein für die erste Jahreshälfte angekündigtes neues Sprachmodell lässt noch immer auf sich warten. Kunden und Projektpartner sind bereits ungeduldig.
Warum Europas KI-Start-ups kaum ohne US-Partner auskommen
Der AMD-Deal von Silo AI legt einmal mehr ein strukturelles Problem bei der Entwicklung leistungsfähiger KI-Modelle offen. Das Training der Modelle benötigt ungeheuer viel Rechenleistung und Zugang zu Hochleistungschips. Deshalb tun sich die meisten mit einem der US-Tech-Konzerne zusammen oder tauschen Firmenanteile gegen den Zugang zu Chips von Marktführer Nvidia ein. In Europa gibt es einen solchen Partner nicht.
Nachdem Fraunhofer-Experte Köhler sich am Mittwoch gesammelt hatte, bezeichnete er den Schritt von Silo als „strategisch sehr nachvollziehbar“. Die Firma komme jetzt an „riesige Rechenressourcen von AMD“.
Andreas Liebl, der mit der Initiative Applied AI generative KI in Unternehmen bringt, sagte dem Handelsblatt: „Es ist schon sehr bezeichnend, dass es wieder ein amerikanisches Unternehmen ist, das einen europäischen Champion aufkauft. Leider sind wir gerade dabei, als Europa den Anschluss zu verlieren.“
Eine andere Stimme aus dem Kreis der Projektpartner sagte am Mittwoch desillusioniert: „Die europäischen Start-ups schaffen es irgendwie nicht.“ Zitieren lassen wollte er sich damit aber nicht.
Für Silo ist der 665-Millionen-Dollar-Deal allerdings eine Erfolgsgeschichte. Start-up-Investor Andre Retterath vom Wagniskapitalgeber Earlybird sagte, es sei schade für Europa, dass ein solch spannendes Unternehmen so früh seine Eigenständigkeit in die USA abgebe, aber der Deal sei ein „starker Exit und großer Erfolg für die Unternehmer“.
Bemerkenswert ist, dass Silo für ein Start-up im Bereich der generativen KI verhältnismäßig wenig Kapital aufgenommen hat. In den gut sechs Jahren seit der Gründung belief sich die Finanzierung lediglich auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Laut der Auskunftei Creditreform liegen zum Zeitpunkt der Übernahme noch mehr als zwei Drittel der Firmenanteile bei Firmenchef Peter Sarlin. Möglich war das aufgrund des Geschäftsmodells.
Silo positionierte sich nicht nur als Entwickler, sondern als langfristiger Partner seiner Kunden und „als ganzheitliche Serviceplattform“, die Projekte von der Idee bis zum Monitoring begleitet. Nach eigenen Angaben hat die Firma mehr als 200 KI-Anwendungen bei über 100 Kunden implementiert, zu denen etwa die Allianz, Unilever und AMD-Konkurrent Intel zählen.
Im vergangenen Jahr erzielte Silo laut Creditreform derart gut 21 Millionen Euro Umsatz, nach 14,6 Millionen im Vorjahr. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen belief sich auf minus 4,2 Millionen Euro.
Das steht im Widerspruch zu einer Aussage Sarlins vom Frühjahr, dass Silo anders als Konkurrenten wie Mistral oder Aleph Alpha profitabel sei. Der Gründer sagte damals: „Wir haben unsere Größe jährlich mehr als verdoppelt, sowohl in Bezug auf den Umsatz als auch auf die Mitarbeiterzahl, und das durch profitables Wachstum.“
Fragen dazu leitete ein Sprecher von Silo am Mittwoch direkt an die Pressestelle von AMD weiter. Die will sich allerdings nicht mehr zu der Übernahme äußern, bis der Deal vollständig vollzogen ist.
Silo-AI-Chef Peter Sarlin: Zu Besuch bei dem Mann hinter Europas größtem KI-Deal
Was AMD mit Silo vorhat
Was die Firma für den Chipkonzern interessant macht, dürfte die Expertise der rund 350 Mitarbeiter sein, von denen 125 nach Unternehmensangaben einen Doktortitel haben. Anders als die meisten Sprachmodellentwickler haben sie bei Silo die Modelle nämlich nicht auf Nvidia-Chips trainiert, sondern auf AMD-Hardware. Dazu hat die Firma eine spezielle Software entwickelt.
Mit dieser Technologie könnte es möglich werden, dem scheinbar unanfechtbaren Marktführer Nvidia Konkurrenz zu machen. Dessen Stellung bezeichnete der französische KI-Forscher Yann LeCun vom Facebook-Konzern Meta jüngst als „einzig echtes Monopol“. Dabei seien die Chips nicht das Problem der Wettbewerber. Die Hardware sei gut, sagte LeCun, „aber ihre Software ist schrecklich“. Das Team von Silo könnte das bei AMD ändern.
Wie die Zusammenarbeit künftig im Detail aussehen soll, erklärten die Unternehmen nicht. Unklar blieb auch, wie es mit den Partnerschaften weitergeht, die Silo etwa mit Applied AI, Aleph Alpha, Mistral und dem Cyber Valley aus Tübingen geschlossen hat.
Experte Köhler kündigte als Koordinator von DeployAI an, er werde die Rolle von Silo „sorgfältig prüfen müssen“. Denn es sei unklar, ob Silo weiterhin die Erstellung und Verbreitung von europäischen Sprachmodellen voranbringe. Auch Mistral teilte mit, die „Details zu prüfen.“
Selbst zu Wort meldete sich Sarlin auf LinkedIn. Auf der Karriereplattform schrieb er, Silos Hauptsitz werde in Finnland bleiben. Außerdem versprach der Gründer, die Firma werde weiter ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten und „leistungsfähige mehrsprachige Open-Source-Modelle trainieren, die insbesondere europäische Sprachen abdecken“.
