Bain-Chef Walter Sinn: „It’s the strategy, stupid!“ – Beratung Bain legt zweistellig zu
München. Die international drittgrößte Strategieberatung Bain & Company ist zurück auf ihrem Wachstumskurs. So erklärte der langjährige Bain-Chef für Deutschland, Österreich und die Schweiz, Walter Sinn, bei einem Pressegespräch in München: „2024 ist ein sehr gutes Jahr. Wir legen wieder zweistellig zu, und zwar hierzulande wie international.“
Die Zeiten, so Sinn weiter, seien für Unternehmer und Manager so herausfordernd wie nie. Die Fragen seien dabei grundlegend und umfassend. Entsprechend hoch sei die Nachfrage nach Strategieberatung. Frei nach Ex-US-Präsident Bill Clinton formulierte Sinn: „It’s the strategy, stupid!“
Das Beratungsgeschäft bei Bain treibt dabei eine bei der Gesellschaft traditionell starke Kundengruppe: die Finanzinvestoren. Seit Mitte 2022 hätte sich diese Kundengruppe wegen der höheren Zinsen und geopolitischer Risiken zurückgehalten, berichtete Sinn. Nun sei Private Equity wieder voll da.
„Das erste Halbjahr 2024 war Rekord. Nie hatten wir mehr Anfragen und Aufträge von Finanzinvestoren“, sagte Sinn. Die Zahl der Deals sei zwar noch nicht so hoch wie in den Niedrigzinsphasen. Das Geschäft mit Wirtschaftlichkeitsprüfungen von Unternehmen, sogenannten Due Dilligences, der Vor- und Nachbereitung von Verkäufen sowie der Beratung von Portfoliofirmen laufe aber wieder.
Eigenen Angaben zufolge ist Bain die Beratung mit dem größten Geschäft bei Finanzinvestoren. Wie wichtig dieses Geschäft für die Gesellschaft ist, zeigt sich auch daran, dass im Juli dieses Jahres Christophe De Vusser neuer CEO der Beratung wurde. Der Belgier verantwortete bis dato das Geschäft mit Private-Equity-Kunden in Europa, dem Nahen Osten und Afrika. Seinen bisherigen Posten übernahm Alexander Schmitz aus dem Bain-Büro in Düsseldorf.
„Künstliche Intelligenz verändert alles“
Ein weiteres Topthema bei Bain ist Sinn zufolge Künstliche Intelligenz: „Diese Technologie wirkt wie ein Erdbeben. Sie verändert alles – den Einkauf, die Produktion, das Marketing, die Zusammenarbeit der Mitarbeiter, ganze Geschäftsmodelle“, so der Berater. Und das gelte nicht nur für die Kunden, sondern auch für die Berater selbst. „KI ist auch herausfordernd für unsere Industrie.“
Die Zeiten, so Sinn weiter, des Experimentierens mit Künstlicher Intelligenz und der ersten schnellen Erfolge seien dabei jetzt vorbei. Nun müsste die Technologie strategisch und grundsätzlich eingebunden werden.
Denn: „Das Potenzial ist riesig.“ Allerdings sei es so wie einst von Bill Gates formuliert: Kurzfristig neige man dazu, neue Technologien zu überschätzen, langfristig dazu, sie zu unterschätzen.
Mit dem neuen, alten Selbstbewusstsein setzt Bain-Partner Sinn ein Ausrufezeichen. Die mit rund 16 und 12 Milliarden Dollar Umsatz mehr als doppelt so großen Konkurrenten McKinsey und Boston Consulting hatten zuletzt international nur einstelliges Wachstum vorzuweisen. Wie die jüngsten Jahreszahlen und Prognosen zeigen, läuft es für die Berater weltweit gut, aber nicht mehr auf Rekordniveau.
Gerade auch die Berater der weltweiten Nummer eins McKinsey erleben schwierige Zeiten. 2023 war das Wachstum international erneut wieder nur noch einstellig, die Zahl der Mitarbeiter stagnierte, die Gewinnmargen gingen zurück. Die weltgrößte Strategieberatung entließ zudem zum ersten Mal in ihrer Geschichte Mitarbeiter – auch in Deutschland.
Zuletzt erreichte die Krise auch das Topmanagement von McKinsey. Nach Recherchen des Handelsblatts wurde dieses Jahr nur ein einziger Partner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Senior-Partner befördert. In den Jahren zuvor gab es wie etwa 2020 bis zu zehn neue Senior-Partner in der Region. Und auch international gab es deutlich weniger interne Aufstiege.
Der starke Fokus der Beratungsgesellschaften auf Wachstum hat einen guten Grund. Ein durchschnittliches Umsatzplus von mindestens zehn Prozent ist für die Beratungen aufgrund ihrer pyramidenförmigen Struktur von vielen jungen und wenigen Senior-Beratern wichtig.
Das Rekrutieren und Einarbeiten von Nachwuchskräften und Quereinsteigern ist zudem aufwendig und teuer. Und die Fluktuationsrate – ob freiwillig oder unfreiwillig – ist im Verhältnis zu anderen Branchen hoch. Sie liegt traditionell bei rund 15 Prozent.