Asia Techonomics: Wie ist das Flugerlebnis mit dem Mittelstreckenjet aus China?
Jeder Flug mit dem in China gefertigten Jet C919 ist Industriepolitik zum Anfassen. Schon beim Einsteigen auf der Strecke von Shanghai nach Chengdu wird mir klar, dass ich gerade Teil eines Prestigeprojekts bin. Auf den Papierdeckchen an den Kopfstützen der Sitze prangt der Hinweis: eine chinesische Eigenproduktion. Auch die Sicherheits- und Begrüßungsansage hebt die heimische Entwicklung hervor. Im Inneren wirkt die Kabine vertraut – vom Layout eher Airbus als Boeing.
Der industriepolitische Anspruch ähnelt dem europäischen Gemeinschaftswerk Airbus. Airbus hat im vergangenen Jahr allerdings 766 (kommerziell betriebene) Flugzeuge an 86 Kunden ausgeliefert. Der chinesische staatliche Hersteller Comac hat bisher nur einige Dutzend C919 produziert. Die Volksrepublik betreibt das Projekt jedoch mit derselben Ernsthaftigkeit, mit der sie auch Hochgeschwindigkeitszüge oder Elektroautos in Rekordzeit zur Serienreife brachte.
Noch ist die C919 vor allem ein Inlandsprojekt
Mit viel Geld und Ambition wird die Regierung wohl dafür sorgen, dass auch der chinesische Jet zum Erfolg wird. Noch ist das Mittelstreckenmodell in erster Linie ein Inlandsprojekt. Die drei großen Staatsairlines Air China, China Southern und China Eastern setzen die C919 ein. Die Nachfrage ist groß. Der chinesische Luftverkehrsmarkt ist riesig, jede der drei Gesellschaften betreibt mehr als 450 Flugzeuge.
Doch Peking denkt über die eigenen Grenzen hinaus. Die C919 fliegt auch zwischen Shanghai und Hongkong – streng genommen ein Inlandsflug, doch auch im Luftverkehr wird die Sonderverwaltungszone als Quasi-Ausland behandelt.
Nach Angaben der „South China Morning Post“ prüft auch die in Südostasien allgegenwärtige malaysische Billigairline Air Asia eine Großbestellung. Kleinere Regionaljets vom Typ C909 (früher als ARJ21 vermarktet) sind bereits im Grenzflugverkehr mit Laos, Vietnam und Kambodscha unterwegs. China beginnt mit dem Export der selbst produzierten Flugzeuge.
Airbus und Boeing müssen dennoch nicht fürchten, dass Comac ihnen zeitnah größere Marktanteile abnimmt. Beide erhalten weiterhin Großaufträge von Chinas Airlines, in Absprache mit der Regierung in Peking. Außerdem kann Comac die C919 nicht unabhängig herstellen. Den Jet haben die Chinesen selbst entwickelt, doch wesentliche Systeme und Triebwerksteile stammen aus dem Westen, auch aus Deutschland.
Auch fehlt den chinesischen Flugzeugen die Wartungsinfrastruktur. Airbus und Boeing haben dafür weltweit Zentren, Ersatzteillager und Trainingssysteme. Comac muss all das erst aufbauen. Das könnte das Staatsunternehmen in südostasiatischen Ländern wie Indonesien und vor allem Malaysia testen. Die Länder bieten besonders viele Flugverbindungen an und sind auch politisch und wirtschaftlich eng mit China verbunden.
Eine weitere Hürde könnte die internationale Zertifizierung werden. Die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA zeigt sich zwar nach mehreren Inspektionsrunden offen. „Die EASA wird die Zulassung nicht aus politischen Gründen verwehren wollen und können“, sagte Luftfahrtexperte Dieter Scholz, Professor für Flugzeugentwurf und -systeme an der HAW Hamburg, dem Handelsblatt. In den USA hingegen sei Zurückhaltung zu erwarten: „Die dortige Behörde dürfte sich kaum beeilen, einem direkten Konkurrenten von Boeing Starthilfe zu leisten“, sagt Scholz.
Es könnten noch weitere Hindernisse hinzukommen, schließlich befinden sich die USA und China im Dauer-Zollstreit und sind geopolitisch selten einer Meinung. Erst im Sommer stockten die Lieferungen wichtiger Triebwerkskomponenten, ehe sie wieder freigegeben wurden. Für Peking ist das ein strategisches Risiko. Die Regierung steckt Milliarden in die Entwicklung eigener Triebwerke für die zivile Luftfahrt und militärische Zwecke.
Für die Fluggäste besonders wichtig ist das Gefühl an Bord. Dieses ist so sicher, wie man sich in einem Flugzeug eben fühlt. Als wir über Sichuan in gewittriger Wetterlage durch Turbulenzen fliegen, denke ich kurz über die Qualität der verwendeten Materialien nach. Doch die chinesische Luftfahrt ist in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich sicherer und verlässlicher geworden. Unfälle sind sehr selten.
Also widme ich mich dem Bordessen: einem violetten Reiskuchen.
Erstpublikation: 17.09.2025, 13:19 Uhr.