Automatisierte Knöllchen: So soll die KI bald Falschparker kontrollieren
Heidelberg. Die deutsche Behördensprache kennt schöne Vokabeln. Vom Gemeindevollzugsdienst zum Beispiel ist da zu lesen, und wer sich darunter wenig vorstellen kann, der denkt einfach, aber politisch wenig korrekt an Politessen und Hilfssheriffs mit Strafzetteln am Abreißblock.
Die sind naturgemäß wenig beliebt und obendrein notorisch überlastet. Deshalb sinnt Heidelberg als erste Großstadt im Land jetzt auf Abhilfe und will die Schlagkraft seiner 30 Köpfe starken Knöllchenbrigade mit einem schlauen und zugleich genügsamen, weil elektronischen Kollegen stärken.
Cityscanner heißt der Kleinwagen, der jetzt – so nennen es die Stadtvorderen euphemistischer – das „Parkraummanagement“ digitalisieren und automatisieren soll. Mit Kameras auf dem Dach liest er die Kennzeichen, mit einem Laser bestimmt er die Position und fragt in Echtzeit die Datenbanken ab, ob ein Parkticket gebucht wurde.
Entwickelt hat das System die Regensburger Firma DCX Innovations, die damit in Polen schon fast zwei Dutzend Autos ausgerüstet hat. In Nachbarländern wie Frankreich oder den Niederlanden sind solche Scanner auch schon am Start, doch in Deutschland gibt es dafür keine Regelung.
Oder gab es zumindest nicht. Seit März aber ist Baden-Württemberg mit einem eigenen Landesmobilitätsgesetz vorausgeprescht und hat damit die Voraussetzungen für den Cityscanner geschaffen. Und nachdem der über den Sommer erst in kleinem Maßstab rund um die Universität Hohenheim getestet wurde, muss er sich nun in der verwinkelten Altstadt von Heidelberg und im neuen Bahnstation-Viertel im Großstadtrevier bewähren.
25 Bilder pro Sekunde
Technisch ist das Verfahren vergleichsweise simpel, erläutert DCX-Chef Andreas Fleischmann: Bei Tag mit einer Farbkamera und bei Nacht schwarz-weiß mit Infrarotbeleuchtung nimmt der Cityscanner 25 Bilder pro Sekunde auf, die mit den beiden Rechnungen auf der Rückbank sofort analysiert werden. Dort filtert die Software die Kennzeichen der abgestellten Autos heraus und prüft deren Parkberechtigung.
Deshalb funktioniert das System bislang nur, wo man mit Apps wie Easypark oder Parkster parken kann, wo der Parkscheinautomat nach dem Nummernschild fragt und wo die Anwohnerparkausweise ebenfalls digital vergeben werden.
Außerdem bestimmt die Elektronik mit einem Lidarsensor wie beim autonomen Fahren zentimetergenau den Standort und kann deshalb nicht nur Schwarzparker überführen, die einfach nur kein Ticket gelöst haben, sondern auch Falschparker, die an verbotenen Stellen stehen.
Um auf Nummer sicher zu gehen, und um zwischen dem erlaubten Halten und dem verbotenen Parken ohne Ticket zu unterscheiden, hat Fleischmann einen doppelten Boden eingezogen: Jede Runde wird zweimal gefahren, dazwischen liegen immer mindestens die drei Minuten, die zwischen Halten und Parken entscheiden. Erst wenn ein Auto also zum zweiten Mal in flagranti erwischt wird, wird daraus ein Verkehrssünder und die Knöllchen-Maschine beginnt zu laufen.
Parkberechtigungen müssen händisch nachgeprüft werden
Während das technische Verfahren vergleichsweise simpel ist, ist die Sache mit dem Datenschutz schwieriger. Und die hat in Deutschland natürlich höchste Priorität, sagt Fleischmann. Obwohl es für den Scanner ein Leichtes wäre, schaut es deshalb weder nach dem HU- oder AU-Stempel, noch nach dem Aufkleber für die Umweltzone.
Und erst recht speichert die Software keine Gesichter von Passanten oder Kennzeichen von legal abgestellten Autos. Selbst die Delinquenten genießen zumindest in Scan-Fahrzeug absolute Anonymität: Ihre Kennzeichen werden auf dem Kontrollbildschirm ausgegraut und in den Listen daneben erscheint nur Buchstaben- und Zahlensalat. Erst auf dem Amt sehen die Sachbearbeiter klar.
Und noch etwas gilt es zu berücksichtigen. Weil der Scanner wirklich nur die Kennzeichen liest und online deren Parkberechtigung abfragt, nicht aber hinter die Scheibe oder aufs Armaturenbrett schauen kann, ist er zum Beispiel für Behindertenausweise oder andere Sondergenehmigungen, etwa für Handwerker im Einsatz, blind.
Deshalb wird das Ticket nicht automatisch auf den Weg gebracht. Sondern der Computer ruft nach einem Kollegen aus der Fußtruppe, der jetzt aber nur noch die Verdächtigen kontrollieren muss, statt alle Autos – und deshalb viel effizienter werden kann.
In Hohenheim haben sie so schon eine Effizienzsteigerung von 600 Prozent erreicht, sagt Staatssekretärin Elke Zimmer, und im weitläufigeren Heidelberg rechnen sie mit deutlich mehr. Schließlich kann der Cityscanner 1.000 bis 1.500 Autos pro Stunde kontrollieren, während der GVD in dieser Zeit auf bestenfalls 50 bis 80 Fahrzeuge kommt.
Montiert in vier Stunden
Natürlich geht es dabei auch ums Geld. Denn wenn die Zahl der jährlich bislang knapp 80.000 Parkknöllchen in Heidelberg steigt, steigt auch der Stand in der maroden Stadtkasse. Und es refinanzieren sich die Kosten für den Scanner, der für rund 130.000 Euro binnen vier Stunden auf fast jeden städtischen Dienstwagen montiert werden kann und dann nochmal ähnlich viel an Lizenzgebühren für die Software kostet.
Doch mindestens genauso wichtig, vor allem, wenn es um die Akzeptanz der Robocops geht, ist den Stadtvorderen das Thema Sicherheit. Weil der Cityscanner eben auch Falschparker überführt, die Feuerwehrzufahrten blockieren, auf Radwegen stehen, oder die Übersicht an Kreuzungen behindern, profitieren davon alle.
Und weil man dem Auto seine Kontrollfunktion ansieht und es obendrein entsprechend beschriftet ist, hoffen sie zugleich auf eine abschreckende Wirkung und eine vorauseilende Verbesserung der Verkehrs- oder zumindest der Parkmoral.
Zwar hat Heidelberg besprochen, dass es während des Probelaufs noch keine Computer-Knöllchen geben wird. Doch sorglos parken ist deshalb trotzdem nicht. Denn die 30 Kollegen aus der GVD-Truppe bleiben weiterhin im Dienst. Und auch andernorts wird’s eng für die Parksünder: In Mannheim, Waldshut-Tiengen und Freiburg starten bald die nächsten Pilotprojekte und viele weitere Städte warten nur darauf, dass es auch in ihren Bundesländern entsprechende Regelungen gibt.