Arbeitsmarkt: Wie Geringqualifizierte den Fachkräftemangel abfedern könnten
Berlin. Der Fachkräftemangel könnte deutlich gemildert werden, wenn die Wirtschaft das vielfach ungenutzte Potenzial der Geringqualifizierten besser nutzen würde. Darauf weisen die Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hin.
Als „gering qualifiziert“ gilt, wer keinen beruflichen oder Hochschulabschluss mitbringt. In dieser Gruppe seien aber sehr viele, die schon jetzt auf einem deutlich höheren Niveau eingesetzt werden könnten – oder dafür qualifiziert werden könnten, heißt es in einer Analyse des IAB.
Das Potenzial sei enorm: Geringqualifizierte stellen knapp elf Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. In einem Helferberuf sind 43 Prozent davon tätig. 44 Prozent hingegen arbeiten – ohne die sonst üblichen oder nötigen Abschlüsse – auf höherem Niveau.
Ohne formelle Zertifikate sei aber vor allem ein Wechsel in einen anderen Betrieb schwierig – weil fremde Arbeitgeber die tatsächlichen Fähigkeiten der Geringqualifizierten nicht einschätzen können.
Bisher werden Geringqualifizierte auch nur unzureichend von Weiterbildungsangeboten erreicht, kritisiert das IAB – obwohl ihr Interesse daran ebenso hoch sei wie das anderer Arbeitnehmer. Ein Lösungsansatz seien modulare Qualifizierungskonzepte, von denen es viel zu wenige gebe.
» Lesen Sie auch: Die große Ernüchterung – der sichere Job war gestern
Die Notwendigkeit, Geringqualifizierte besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sehen Experten im gespaltenen Arbeitsmarkt: Einerseits beträgt die Zahl der Arbeitslosen mittlerweile fast drei Millionen. Und die Arbeitslosenquote von Geringqualifizierten liegt bei gut einem Fünftel – etwa sechsmal so hoch wie bei Akademikern und Menschen mit Berufsausbildung, sagte BA-Chefin Andrea Nahles zu Jahresbeginn.
Andererseits klagt die Wirtschaft trotz Konjunkturflaute über Fachkräftemangel. Nach Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) konnten Ende 2025 mehr als 260.000 Stellen nicht mit entsprechend qualifizierten Arbeitskräften besetzt werden. Die größten Lücken gibt es im Gesundheitswesen, am Bau, in der öffentlichen Verwaltung und im Sozialbereich.
Und das ist erst der Anfang: Weil nun die Boomer in Rente gehen, rechnen Experten damit, dass ab diesem Jahr erstmals das Erwerbspersonenpotenzial sinkt. „Der künftige Bedarf an Fachkräften kann ohne die Weiterbildung von Geringqualifizierten nicht gedeckt werden“, mahnt daher das IAB.
Auch die Qualifizierungsexpertin des IW, Lydia Malin, warnt: „Da es ein enormes Überangebot an arbeitslosen An- und Ungelernten gibt, während zeitgleich Fachkräftemangel herrscht, sind Qualifizierungen – gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels – dringend geboten.“
Ungelernte zu einem formalen Abschluss führen
Sie verweist auf die vom Bund finanzierte Servicestelle „Valikom“, die informell erworbene Kompetenzen, also solche, für die es keine Bescheinigung gibt, zertifiziert. „Hierbei könnten Unternehmen noch häufiger unterstützen, auch um anschließend durch betriebliche Weiterbildung und Teilqualifikationen An- und Ungelernte schrittweise bis zum formalen Abschluss zu führen“, sagt Malin.
Eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) habe zudem gezeigt, „dass insbesondere unter nicht-deutschen Frauen der Anteil derer, die lediglich Helfertätigkeiten ausüben, obwohl sogar ein formaler Abschluss vorliegt, besonders hoch ist“.
Ein Grund hierfür dürfte vielfach eine noch nicht erfolgte Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen sein. „Auch hier können sich Unternehmen engagieren und bei der Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen unterstützen“, fordert die IW-Expertin.