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MilchpreisBauern setzen auf eigene Tankstellen

Der Milchpreis ist im Keller. Immer mehr Bauern wählen deswegen den direkten Weg zum Verbraucher – das kommt bei vielen Kunden gut an. Welche Chancen haben Rohmilch-Automaten im Kampf gegen die Krise? 21.08.2016 - 11:28 Uhr Artikel anhören

Milchtankstellen sind stark im Kommen. Einige Bauern sehen in den Automaten die Zukunft.

Foto: picture alliance /dpa

Oberwellenborn. An Dirk Reichelts Tankstelle bekommen Kunden weder Benzin noch Diesel – aus seinem Zapfhahn fließt frische Milch. Im April hat seine Agrargenossenschaft Kamsdorf in der Nähe von Saalfeld (Thüringen) eine Milchtankstelle eröffnet. „Unsere Erwartungen wurden mehr als übertroffen“, berichtet der 42-Jährige.

„Am Wochenende verkaufen wir mitunter mehr als 200 Liter an einem Tag. Für dasselbe Geld müssten wir 1.000 Liter Milch an die Molkerei liefern.“ Wegen ruinöser Preise, mit denen Bauern seit Monaten zu kämpfen haben, stellen immer mehr Landwirte Milchautomaten auf.

Wie viele solcher Apparate es in Deutschland inzwischen gibt, lässt sich schwer sagen. Der Deutsche Bauernverband hat dazu keine Zahlen – bestätigt aber, dass sich immer mehr Milchbauern solche Geräte zulegen. Internetportale wie „milchtankstellen.de“ oder „milchautomaten-direktvermarkter.de“ listen zwischen 164 und 244 Standorte bundesweit auf. „Es gibt locker noch 600 weitere“, sagt Dirk Hensing, der den Vertrieb für den nordrhein-westfälischen Hersteller Risto Vending in Deutschland organisiert und das Milchtankstellen-Portal betreibt. „Ich gehe davon aus, dass noch mehrere Tausend hinzukommen in den nächsten Jahren.“

Was wirklich hinter den Siegeln steckt
Das Bio-Siegel der EU wurde im Juli 2010 eingeführt. Ein Produkt, das dieses Label trägt, darf höchsten 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Material enthalten und muss zu mindestens 95 Prozent aus ökologischer Landwirtschaft kommen. Vielen Bio-Herstellern sind die Kriterien an das Bio-Siegel nicht scharf genug, deswegen haben sie eigene Siegel wie Demeter oder Naturland, die höhere Anforderungen erfüllen müssen.
Das Label steht für weltweit gültige Standards, die Kleinbauern stabile und auskömmliche Preise und möglichst direkte Handelsbeziehungen sichern. Dazu gehören auch die Vorfinanzierung der Produktion und ein garantierter Mindestpreis. Bei einem Produkt, das dieses Siegel trägt, müssen alle Zutaten, die unter Fairtrade-Bedingungen erhältlich sind, zu 100 Prozent Fairtrade-zertifiziert sein.
Die Non-Profit-Organisation Forest Stewardship Council vergibt dieses Siegel, um nachhaltige Forstwirtschaft zu zertifizieren. Die Produzenten müssen dafür zehn Kriterien erfüllen, die die ökonomischen, ökologischen und sozialen Standards bei den Forstbetrieben verbessern sollen. Umweltverbände kritisieren aber immer wieder, das Siegel würde zu leichtfertig vergeben.
Die private Organisation Marine Stewardship Council, die das Label für nachhaltigen Fischfang vergibt, wurde vom Konzern Unilever und der Naturschutzorganisation WWF gegründet. Betriebe die das Label bekommen, müssen unter anderem Überfischung vermeiden und das Ökosystem schützen. Auch hier gibt es Kritik an der Vergabe, beispielsweise rügt Greenpeace, dass nur 60 bis 80 Prozent der Standards erfüllt sein müssten, damit eine Fischerei das Gütesiegel erhält.
Auch dieses Siegel soll die nachhaltige Waldbewirtschaftung sicherstellen. Im Gegensatz zum FSC, das Betriebe zertifiziert, vergibt PEFC das Siegel an Regionen. Die Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung wird dann auf regionaler Ebene kontrolliert. Die Einhaltung der Standards wird regelmäßig stichprobenartig überprüft. Während das FSC-Siegel meist für Tropenholz verwendet wird, zertifiziert PEFC in der Regel europäische Wälder.
Mit dem Label werden nachhaltig angebaute Agrarprodukte gekennzeichnet, speziell Kaffee, Tee und Kakao. Die Produzenten müssen soziale Kriterien festlegen, Anforderungen an die Umweltverträglichkeit erfüllen und eine effiziente Bewirtschaftung sicherstellen. Ein Label für fairen Handel ist UTZ jedoch nicht.
Das V-Siegel, das vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) vergeben wird, kennzeichnet vegetarische Lebensmittel. Produzenten müssen für die Zertifizierung ihre Zutatenliste offenlegen und ihre Produktion vor Ort überprüfen lassen. Sie müssen auf jegliche Tierkörperbestandteile, also auch etwa auf Gelatine, verzichten. Es wird inzwischen von über 250 Lizenzpartnern verwendet, zum Beispiel von Alpro, Frosta, Katjes, Valensina und Voelkel.

Täglich würden im Schnitt zwei neue Milchtankstellen von Risto eröffnet. Auch andere Hersteller sprechen von einer stark gestiegenen Nachfrage. „Seit Anfang 2016 hat das extrem angezogen“, sagt Alfred Bruni. Sein Unternehmen Brunimat in der Schweiz stellt nach eigenen Angaben seit 22 Jahren Milchautomaten her – in der einfachsten Ausführung ab etwa 5.000 Euro. Die Produktion sei nun stark erhöht worden, dieses Jahr dürften es über 500 verkaufte Automaten werden.

Die Milch direkt vom Hof trifft offensichtlich den Wunsch vieler Verbraucher nach frischen Lebensmitteln aus der Region. Manfred Conrad aus Landshut hat sich an diesem Morgen zwei Flaschen bei Reichelt gezapft. Der 67-Jährige macht Urlaub am nahegelegenen Stausee. „Meine Frau trinkt die frische Milch so gern.“ Dass er mit einem Euro je Liter viel mehr zahlen muss als beim Discounter, stört ihn nicht: „Das ist ein fairer Preis für die Bauern.“

Denn die bekommen derzeit nach Angaben des Bauernverbandes im Schnitt nur etwa 20 bis 25 Cent je Liter von den Molkereien ausgezahlt – viel zu wenig, um überhaupt ihre Produktionskosten decken zu können, sagen die Landwirte. Der Auszahlungspreis schwankt je nach Region, in Süddeutschland ist er den Angaben zufolge traditionell höher als im Norden. Bei Discountern kostet der Liter derzeit weniger als 50 Cent.

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Rettet „Premium“-Milch die Molkereien?

Dennoch: Der Verkauf von Rohmilch direkt an Verbraucher wird die Misere am Milchmarkt wohl nicht lösen. „Das rettet uns Bauern nicht“, meint Udo Folgart, Chef des Fachausschusses Milch beim Deutschen Bauernverband. Der Boom solcher Automaten sei angeheizt worden durch den anhaltenden Preisverfall. Deswegen hätten sich Bauern vielerorts Gedanken gemacht, wie sie dem begegnen können. „Das wird eine Nische bleiben.“ Denn richtig lohnen würde sich ein Automat nur an stark frequentierten Standorten – etwa mit Pendler- und Urlauber-Verkehr.

Eine Nische ist der Direktverkauf auch für Reichelts Betrieb. Dort geben rund 1.400 Kühe jährlich etwa 13 Millionen Liter Milch. Zudem sind der Direktvermarktung aus hygienischen Gründen enge Grenzen gesetzt, weil Rohmilch das Risiko von Krankheitserregern birgt. Am Automat warnt ein Schild: „Rohmilch vor dem Verzehr abkochen“.

Um dennoch mehr Milch unmittelbar an die Kunden zu bringen, wollte Reichelt den Automat ursprünglich an einer nahegelegenen Bäckerei an der Bundesstraße 281 aufstellen. Doch Rohmilch darf laut Gesetz nur im Erzeugerbetrieb abgegeben werden. Der Landwirt kann das nicht verstehen: „Wenn ich gewährleisten kann, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird, warum kann ich dann nicht auch außerhalb meines Betriebes eine Milchtankstelle einrichten?“, fragt er. „Da muss die Politik überlegen, ob das nicht anders zu regeln ist.“

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Das Problem wird auch im Bauernverband diskutiert, ist aber noch nicht abschließend bewertet, wie Folgart berichtet. Aus seiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn die bisherigen Regelungen gelockert würden. Gerade in Ballungsräumen ergäben sich so für Bauern bessere Chancen der Direktvermarktung – zumindest wenn es technisch und logistisch möglich ist, die Frische und hygienische Unbedenklichkeit zu garantieren. „Milch ist ein hochsensibles Produkt.“

Die Hersteller von Automaten unterdessen warten nicht auf die Politik – sie bieten vermehrt Lösungen an, um den Boom voranzutreiben und daran zu verdienen. So will Risto Vending im Herbst einen „Pasteur“ vorstellen. Damit können Bauern ihre Milch selbst pasteurisieren – also gegen Keime schützen – und dann außerhalb ihres Hofes verkaufen.

Auf diesen Weg setzt auch die Firma Milch-Concept aus Bayern. „Die Milch muss dahin, wo die Kunden sind“, sagt Geschäftsführer Peter Fograscher – etwa direkt vor Supermärkte. Bauern könnten Automaten dann dort selbst aufstellen oder Supermärkte Automaten an Landwirte verpachten. „Das ist die einzige Lösung, mit Milch-Direktvermarktung wirklich Geld zu verdienen.“ Der Bauernverband ist da skeptisch: Die Milch selbst zu pasteurisieren, bedeute zusätzlichen Aufwand, betont Folgart. Auch die Investitionskosten seien um ein Vielfaches höher.

dpa
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