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InterviewWintershall-Dea-Chef: „Wir sind in einer Art kontrolliertem Ausnahmezustand“

Der Chef des Öl- und Gasproduzenten sieht die Produktion nicht gefährdet. Wirtschaftsflaute und gesunkener Ölpreis gefährden aber den Börsengang.Jürgen Flauger, Kathrin Witsch 18.03.2020 - 15:00 Uhr

Der Öl- und Gaskonzern betreibt dort rund 20 Offshore-Plattformen und ist einer der großen Erdgasproduzenten.

Foto: Wintershall

Düsseldorf. Vor knapp einem Jahr fusionierten die beiden deutschen Öl- und Gasunternehmen Wintershall und Dea zu einer Branchengröße. In diesem Jahr wird das neue Unternehmen schon vor eine Bewährungsprobe gestellt: Die Coronakrise beeinträchtigt die Arbeit, der drastische Preisrutsch am Ölmarkt dämpft die Perspektiven zusätzlich und gefährdet den eigentlich für den Herbst geplanten Börsengang.

„Wir stehen ab Sommer dieses Jahres in den Startblöcken. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass ein Börsengang immer auch von den Marktbedingungen abhängig ist“, sagte der Chef von Wintershall Dea, Mario Mehren, im Interview mit dem Handelsblatt: „Unser wirtschaftliches Umfeld ist derzeit überaus schwierig.“

Das Coronavirus schicke in vielen Ländern die Wirtschaft in einem Maße auf Talfahrt, „wie wir es seit vielen Jahren nicht erlebt haben“. Wintershall reagiert mit einer Kürzung der Investitionen und setzt „bis auf weiteres“ die Dividende aus.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Mehren, die Coronakrise hält die Welt in Atem, in Deutschland steht das öffentliche Leben praktisch still, auch Wintershall Dea hat die Jahrespressekonferenz ins Internet verlegt. Wie empfinden Sie die Situation?
Deutschland schließt Schulen, Läden und sogar Grenzen, vor vier Wochen erschien das noch undenkbar. In der Krise beweist sich der Charakter, hat der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. Wir müssen nun charakterstark, krisenfest und solidarisch handeln. Verantwortung übernehmen, für unser Unternehmen und füreinander.

Ist das alles in diesem Umfang wirklich nötig?
Die getroffenen Maßnahmen halte ich für sinnvoll und wichtig – um unser Gesundheitssystem zu stärken und das Risiko für gefährdete Personengruppen einzudämmen. Wir müssen die Infektionskurve abflachen und kostbare Zeit gewinnen.

Ihr Unternehmen ist in vielen Ländern aktiv, Sie sind viel unterwegs. Wie beeinflusst die Pandemie Ihre Arbeit?
Wir befinden uns aktuell – das merken wir alle in unserem Alltag – in einem Ausnahmezustand. Als Wintershall Dea sind wir auch in einem Ausnahmezustand, aber weiter handlungsfähig. Wir sind in einer Art „kontrolliertem Ausnahmezustand“. Wir lassen die meisten Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten. Und alle verzichten auf Dienstreisen. National wie international. Auch bei mir macht sich das vor allem mit Blick auf meine Geschäftsreisen bemerkbar. Ansonsten telefoniere ich so viel wie noch nie oder nutze Onlinetools.

Der Manager leitete seit 2015 Wintershall und übernahm im vergangenen Jahr nach der Fusion mit Dea auch die Führung des gemeinsamen Unternehmens.

Foto: Wintershall

Arbeiten Sie selbst vom Homeoffice aus?
Ja, weitestgehend bin ich jetzt im Homeoffice. Schließlich sind auch meine Frau und meine Kinder zu Hause.

Wie kommunizieren Sie mit Ihren Geschäftspartnern?
Ich bin ein großer Fan des persönlichen Gesprächs! Das ist aufgrund der aktuellen Lage natürlich stark limitiert. Allerdings gehören in einem international tätigen Unternehmen Videokonferenzen immer fest zum Alltag. Da sind wir also geübt und auch sehr gut ausgestattet. Ansonsten habe ich persönlich schon immer gern alles digital bearbeitet. Papier war nie meins. Das Tablet ist mein Lieblingswerkzeug. Zur Kommunikation machen wir in unserem Unternehmen übrigens seit einem Jahr monatlich digitale Mitarbeiterversammlungen mit dem CEO. Die werden weltweit übertragen, alle können Fragen stellen. Das hilft total. Den Rhythmus werden wir jetzt gegebenenfalls erhöhen.

Wie sehr wird die Arbeit im Unternehmen von der Coronakrise beeinträchtigt? Welche Schutzmaßnahmen hat Wintershall Dea getroffen?
Wir tun aktuell alles, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und für Sicherheit und Gesundheit zu sorgen. Gleichzeitig müssen wir es schaffen, den Betrieb und unsere Geschäfte am Laufen zu halten, damit wir weiterhin die Energie produzieren und liefern können, die die Welt braucht. Wir haben an all unseren Standorten die dort jeweils erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt und Notfallpläne für die Aufrechterhaltung des Betriebs in Kraft gesetzt. Unser Corona-Krisenstab tagt schon länger täglich. An unseren Standorten in Kassel und Hamburg, in Abu Dhabi, in St. Petersburg, Norwegen und den Niederlanden, Brasilien und Argentinien arbeiten nahezu alle Mitarbeiter aus dem Homeoffice. In anderen Ländern sind Büros weiter besetzt.

Leidet in irgendeiner Form die Produktion unter Corona?
Aktuell können wir unsere Produktion weitestgehend stabil halten. Unser Vorteil: Wir produzieren viel in extrem entlegenen Gebieten wie etwa in Sibirien und Feuerland oder relativ isoliert mit Plattformen offshore auf hoher See. Einige davon werden komplett digital von Land aus per Mausklick gesteuert.

Wie sehr gefährdet die Coronakrise Ihr Geschäft? Wenn die Wirtschaft stillsteht, werden auch Öl und Gas nicht verbraucht.
Auch wir sind von den Entwicklungen betroffen, aber Wintershall Dea ist gut aufgestellt – auch in der Krise. Wir haben ein extrem robustes Portfolio, wir produzieren in 13 Ländern und das zu Produktionskosten, die fast bei der Hälfte des Durchschnitts unserer Wettbewerber liegen. Hier bewährt sich unser diversifiziertes, ausbalanciertes Portfolio, das uns in hohem Maße krisenfest macht. Und ja, unsere Fusion – Wintershall und Dea – im letzten Jahr kam genau zum richtigen Zeitpunkt!

Der Ölpreis ist aber dramatisch abgestürzt. Wird er noch weiter sinken? Welches Niveau halten Sie bis zum Jahresende für realistisch?
Das hängt von vielen ganz unterschiedlichen Faktoren ab, die kaum vorherzusagen sind. Aber es scheint klar, dass die Öl- und Gaspreise signifikant unter denen von 2019 liegen werden.

Das liegt zum einen an der Coronakrise, zum anderen an den Streitigkeiten der Opec mit Russland. Erwarten Sie, dass sich die Konkurrenten wieder einigen?
Gute Frage, wenn ich das wüsste, hätte ich einen sehr coolen Job: Hellseher!

Sie haben lange in Russland gearbeitet. Stehen Sie in der Frage auf der Seite der Russen?
Es gibt nur eine Seite, auf der man jetzt stehen kann. Auf der unserer Weltgemeinschaft. Wir müssen gemeinsam eine funktionierende Weltwirtschaft gewährleisten.

Erwarten Sie, dass die Coronakrise große Auswirkungen auf die Öl- und Gasbranche haben wird?
Unser wirtschaftliches Umfeld ist derzeit überaus schwierig. Das Coronavirus schickt in vielen Ländern die Wirtschaft in einem Maße auf Talfahrt, wie wir es seit vielen Jahren nicht erlebt haben. Die Preisentwicklung ist für unsere Branche eine extreme Herausforderung. Auch wenn wir weitestgehend stabil produzieren, sind wir von den globalen Marktpreisen abhängig.

Erwarten Sie Auswirkungen auf Umsatz und Gewinn Ihres Unternehmens in diesem Jahr durch die Coronakrise?
Die Coronakrise wird Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft haben und auch auf unsere Branche.

Können Sie Ihre Wachstums- und Investitionsziele aufrechterhalten? Müssen Sie zusätzlich die Kosten senken?
Wir sind gut aufgestellt und optimistisch. Wir haben sehr niedrige Produktionskosten und gleichzeitig sehr hohe Reserven. Aber wir haben bereits Maßnahmen getroffen, um uns auf die neuen Herausforderungen einzustellen: Gemeinsam mit unseren Shareholdern haben wir beschlossen, bis auf Weiteres die Dividende auszusetzen. Diese Flexibilität werden wir nutzen, um unsere Bilanz weiter zu stärken. Bei den Investitionen werden wir 2020 deutlich unter den bisherigen Planungen liegen, mit 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro um 20 Prozent niedriger als noch vor Kurzem vorgesehen. Auch unser Explorationsbudget wird mit zwischen 150 und 250 Millionen Euro signifikant geringer ausfallen als 2019. Wir werden weiterhin nach Möglichkeiten Ausschau halten, um unser Portfolio noch weiter zu optimieren. Das machen wir allerdings nur dort, wo wir einen angemessenen, langfristigen Nutzen sehen.

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Wintershall Dea will an die Börse. Ist das mit Blick auf den Absturz an den Börsen überhaupt noch realistisch?
Es ist kein Geheimnis, dass unsere Gesellschafter uns an die Börse bringen wollen. Wir stehen ab Sommer dieses Jahres in den Startblöcken. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass ein Börsengang immer auch von den Marktbedingungen abhängig ist.

Herr Mehren, vielen Dank für das Interview.

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