Maike Schuh: Das sind die Pläne der neuen Evonik-Finanzchefin
Die 48-Jährige trat am 1. April den neuen Job im Vorstand des Chemiekonzerns an.
Foto: EvonikDüsseldorf. Es ist eine ungewöhnliche Konstellation: Bis Ende März hat Maike Schuh eine der drei großen Divisionen des Spezialchemieherstellers Evonik operativ geführt. Nun ist es ihre Aufgabe, diese Sparte zu besten Konditionen zu verkaufen. Als neue Finanzvorständin des Essener Konzerns hat die 49-Jährige gleich ein milliardenschweres Projekt vor der Brust.
Ein komisches Gefühl sei das nicht. Ihr sei wichtig, dass die zum Verkauf stehenden Geschäfte in gute Hände kommen, sagt Schuh am Mittwoch vor Journalisten. Die Division Performance Materials (PM) mit einem Umsatz von 3,6 Milliarden Euro passt nicht mehr in die Strategie von Evonik. Der Konzern will raus aus dem kapitalintensiven Massengeschäft und die lukrativere Spezialchemie ausbauen.
Damit soll Evonik auch deutlich profitabler werden – dieses Ziel steht bei der neuen Vorständin oben auf der Agenda. 2022 lag die bereinigte Rendite von Evonik bei 13,5 Prozent bei einem Umsatz von 18,5 Milliarden Euro. In diesem Jahr erwartet der Konzern einen Gewinnrückgang.
„Ab 2024 müssen wir bei Gewinn und Kapitalrendite wieder deutlich besser werden“, sagte Schuh. „Auf dem aktuellen Niveau entsprechen sie nicht dem, was wir uns dauerhaft vornehmen und was man von Spezialchemiegeschäften erwarten muss.“ 18 bis 20 Prozent Umsatzrendite hatte Evonik-Chef Christian Kullmann einst als Ziel ausgegeben.
Einigung über Verkauf von Superabsorbern noch in diesem Jahr
Der Konzernumbau ist ein wichtiger Schritt dahin. Den ersten Teil der Trennung von der PM-Sparte hat Evonik bereits vollzogen: Der große Standort Lülsdorf nahe Köln wurde an die International Chemical Investors Group verkauft. Die ICIG musste auch die bis 2032 geltenden Beschäftigungsgarantien für die dortige Belegschaft übernehmen. Das ist Auflage bei allen Teilverkäufen.
Das nächste und weitaus größere Projekt ist die Trennung des Geschäfts mit Superabsorbern, einem saugstarken Kunststoff, der etwa in Windeln verwendet wird. „Ich erwarte, dass wir noch in diesem Jahr zu einer Einigung über den Verkauf kommen“, sagte Schuh. Gut 900 Millionen Umsatz macht Evonik mit den Superabsorbern – ein kapitalintensives und volatiles Geschäft.
Käufer können große asiatische Konkurrenten wie LG Chem oder Nippon Shokubai sein. Details zu den erwarteten Einnahmen will Schuh nicht nennen. In Finanzkreisen heißt es, Evonik könne bei den Superabsorbern mit 500 bis 600 Millionen Euro Verkaufserlös rechnen. Auch Finanzinvestoren könnten interessiert sein, doch die seien in der aktuell unsicheren Finanzierungslage zurückhaltend, heißt es in den Kreisen weiter.
An dem Chemiestandort im nördlichen Ruhrgebiet stehen zahlreiche Anlagen, die Evonik verkaufen will.
Foto: BloombergFür den größten Brocken in den Verkaufsplänen, die C4-Chemie mit zwei Milliarden Euro Umsatz, soll Ende des Jahres zumindest die Perspektive klar sein. Schuh sieht den Konzern aber nicht unter Handlungsdruck. „Wir planen da keinen Fire-Sale“, sagte sie. Klar ist: Die Einnahmen wird Evonik in Wachstumsgeschäfte wie Nahrungszusätze, Biotech, neue Werkstoffe und Spezialzusätze stecken.
Schuh wird diesen Umbau in den nächsten Jahren im Vorstand strategisch mitsteuern. Ihr kommt zugute, dass sie Evonik lange kennt: 2015 stieg die studierte Juristin beim Konzern ein, wurde 2020 Finanzchefin des PM-Division und übernahm 2020 die Leitung der Division.
„Als Finanzchefin kann ich nur dann gute Arbeit machen, wenn ich das operative Geschäft genau kenne“, sagte Schuh. Das gelte für das Controlling insgesamt: Die Mitarbeiter sollen sich nicht mit Powerpoint-Präsentationen beschäftigen, sondern sich intensiv mit den operativen Einheiten befassen und deren strategischer Partner sein, fordert sie. „Wir brauchen klare Zahlen, aber keine Berge von Folien.“
„Mit unserem Aktienkurs bin ich natürlich nicht zufrieden“
Neben den typischen Powerpoint-Massen in Unternehmen findet die 49-Jährige auch zu viele Meetings abschreckend. „Mir ist wichtig, dass meine Teams die Ziele eigenverantwortlich umsetzen und nicht von zu vielen Meetings eingeschränkt werden“, sagt sie. Von den Mitarbeitern fordert sie offenes Feedback und Kritik – auch in ihrer neuen Rolle als Finanzvorständin.
Schuh wird aber auch in der Präsentation nach außen gefragt sein – vor allem gegenüber den Investoren. Die Aktie notiert aktuell bei 20 Euro und damit 60 Prozent unter dem Wert der Erstnotiz im Jahr 2013. Das von Analysten genannte Kursziel liegt im Schnitt aktuell bei 23,60 Euro. „Mit unserem Aktienkurs bin ich natürlich nicht zufrieden“, sagt Schuh. Der eingeleitete Konzernumbau soll Evonik auch an der Börse wieder voranbringen.