Israel-Krieg: Warten auf die Bodenoffensive – Wie lange zögert Israel noch?
Eine mögliche Bodenoffensive Israels in Gaza wird immer wahrscheinlicher.
Foto: APTel Aviv. Israels Armeesprecher warnt mit düsteren Worten: „Die Bilder aus dem Gazastreifen werden schwer zu verdauen sein.“ Gemeint sind damit nicht die jüngsten Zerstörungen im Gazastreifen durch die Luftwaffe, sondern die Folgen einer bevorstehenden Bodenoffensive.
Der Montag war geprägt von Bemühungen zahlreicher Staaten, zwischen der Hamas und Israel zu vermitteln. Doch trotz aller Warnungen vor einer Ausweitung des Konflikts hält die Notstandsregierung von Premier Benjamin Netanjahu bisher an ihren Plänen fest.
350.000 Reservisten stehen bereit: Sie sollen die führenden Köpfe der Islamisten töten, deren Terrorarmee liquidieren, deren militärische Infrastruktur zerstören, deren Raketen und Waffenarsenale vernichten. Alle Fähigkeiten der Hamas sollen „neutralisiert werden“, wie es die israelische Regierung ausdrückt.
Sie hätten Gräueltaten begangen, die selbst die Brutalität der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) in den Schatten gestellt habe. Nie wieder sollten sie Israel bedrohen.
Auf die Soldaten wartet eine komplexe Aufgabe: Sie sollen nicht nur die Strukturen der Hamas zerstören, sondern auch die knapp 200 von der Organisation verschleppten Geiseln retten. „Die Freilassung der Entführten ist ein übergeordnetes Ziel“, sagt Generalmajor a. D., Amos Gilad.
Zwei ungleiche Gegner treffen aufeinander
Das alles erfordere eine Bodeninitiative, meint Amos Yadlin, ehemaliger Chef des israelischen Geheimdiensts: „Aus der Luft kann man zwar viele Ziele anvisieren. Aber die letzte Rakete lässt sich nur von Bodentruppen ausschalten.“
Beim bevorstehenden Kampf in dem dicht bebauten Gebiet werden zwei ungleiche Gegner aufeinanderstoßen. Die Terrortruppe der Hamas wurde für den Krieg in Städten geschaffen, sagt ein israelischer Militärexperte. Sie sei „in der Zivilbevölkerung eingebettet“ und missbrauche die Bürger als Schutzschilder. So liege eine der zentralen Kommandozentralen der Hamas unter dem größten Krankenhaus des Gazastreifens.
Die humanitäre Lage der Menschen in Gaza ist katastrophal, viele Menschen versuchen in den Süden zu fliehen.
Foto: APDie Terroristen selbst verstecken sich in Tunnelanlagen, die mehrere Dutzend Kilometer lang sind. Die Hamas kann schätzungsweise 30.000 Kämpfer aufbieten, sie verfügt weder über Panzer noch über Luftstreitkräfte.
Aber sie hat sich seit Langem auf einen Angriff vorbereitet und zu diesem Zweck ein ausgeklügeltes Tunnelnetz quer durch den Gazastreifen gegraben. Es soll ihren Truppen ermöglichen, Luftangriffe zu überstehen. Einige Stollen, die von Israel entdeckt wurden, weil sie unter dem Grenzzaun hindurchführten, liegen bis zu 70 Meter tief. Israel werde die Eingänge verminen, statt sie zu betreten, heißt es in Tel Aviv.
Aber ohne die vollständige Kontrolle über das unterirdische Netzwerk, in dem sich wahrscheinlich die Kommandoposten der Hamas befinden, werde der nördliche Gazastreifen nicht zu beherrschen sein.
Hamas hat sich Kriegstaktik von Russland abgeschaut
Ein weiteres Problem ist die dichte Bebauung des Gazastreifens – für ortsunkundige Angreifer ein irritierendes Labyrinth, in dem sie schnell die Orientierung verlieren können. Um jedes verbleibende Gebäude wird gekämpft werden müssen.
Und schwere Minen könnten die Israelis bei ihrem Vordringen massiv behindern. Militärexperten warnen, die Hamas werde eine solche Strategie vom russischen Militär übernehmen. Die Kremltruppen hatten so kürzlich noch die ukrainische Gegenoffensive gebremst.
Die Information, ob Israels Hightech-Armee genügend Daten über den Verlauf der Tunnels hat, will Generalmajor a. D. Gilad nicht preisgeben. Nur so viel: Die üblichen Ortungsinformationen funktionierten in der Tiefe nicht. Die Anlagen relativierten deshalb teilweise die technologische Überlegenheit Israels.
Israel hat für die mögliche Offensive 350.000 Reservisten eingezogen.
Foto: ReutersGilad erwartet, dass die Großoffensive mit einer „sehr, sehr umfangreichen und starken Luftkampagne“ beginnt. Daran werde sich eine Invasion von Bodentruppen anschließen, was man in den vorherigen Konflikten zu vermeiden suchte.
Aber da es sich jetzt um einen „umfassenden Krieg“ handle, sehe er keine Option, sich auf Fliegerangriffe zu beschränken. Nach Aussage Gilads nehmen Piloten die Kommandanten der Bodentruppen derzeit mit in ihre Flugzeuge, um ihnen aus der Luft die Ziele zu zeigen, die der Geheimdienst ausgewählt hat.
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Der Notstandsregierung sei bewusst, dass den Soldaten für ihre Invasion nur ein beschränktes Zeitfenster zur Verfügung steht, heißt es aus Regierungskreisen. Auch jene Länder, die sich jetzt nach dem Horror des Hamas-Angriffs solidarisch mit Israel zeigten, würden auf einen Waffenstillstand drängen, sollten die Bilder aus dem Gazastreifen unerträglich werden.
Spitzenpolitiker wollen Eskalation verhindern
Inzwischen bemühen sich immer mehr Spitzenpolitiker, ein Übergreifen des Kriegs auf die Region zu vermeiden. So erwägt US-Präsident Joe Biden eine Reise nach Israel als Teil eines globalen diplomatischen Vorstoßes. Bundeskanzler Olaf Scholz besucht am Dienstag ebenfalls Israel, und US-Außenminister Antony Blinken kehrte am Montag nach Tel Aviv zurück, nachdem er sich mit arabischen Führern getroffen hatte.
Selbst zum Iran nahmen die USA Kontakt auf, um Chancen einer Deeskalation auszuloten. Joe Biden sprach unterdessen in einem Interview von einem „großen Fehler“, sollte Israel den Gazastreifen besetzen.
„Die extremen Elemente der Hamas repräsentieren nicht das gesamte palästinensische Volk“, sagte der US-Präsident. Die USA würden ein solches Vorgehen nicht unterstützen. Allerdings sagte Biden mit Blick auf den Gazastreifen auch, es sei notwendig, „hineinzugehen und die Extremisten auszuschalten“.
Israel hält inzwischen nach eigenen Angaben einen sicheren Korridor für die Evakuierung des nördlichen Gazastreifens offen, aus dem bereits eine Million Menschen in den Süden geflüchtet sind. Bei den Angriffen der Hamas wurden am 7. Oktober mindestens 1400 Israelis getötet. Nach palästinensischen Angaben starben bei israelischen Luftangriffen mehr als 2750 Menschen in Gaza.