Israel-Krieg: Hilfsorganisation zur Lage in Gaza: „Zurzeit ist keine humanitäre Hilfe möglich“
Schon nach wenigen Tagen wird das Essen knapp. Brot, wie hier an der Verteilstelle, gibt es nur noch wenig.
Foto: APDüsseldorf. Eine Woche nach dem Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel, spitzt sich die humanitäre Situation in dem von der Hamas regierten Gazastreifen zu. Die israelische Regierung verteidigt sich mit Bombardements auf den dicht besiedelten Landstrich und hat Wasser-, Nahrungs- und Stromlieferungen in den Gazastreifen blockiert. Zumindest in den Süden will die israelische Regierung laut eigenen Aussagen nun wieder Wasserlieferungen erlauben. Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe.
Mehr als zwei Millionen Menschen wohnen in der Region am Rande Israels. Knapp die Hälfte von ihnen sind Kinder. Seit 2006 regiert die Hamas in Gaza. Immer wieder feuern die Milizen Raketen auf Israel, kurz nach dem Angriff am 7. Oktober rief die islamistische Terrororganisation zu Attacken auf Juden und Israelis weltweit auf. Aktuell bereitet sich Israels Armee auf eine Bodenoffensive in Gaza vor. „Gaza wird es nicht mehr so geben, wie es einmal war“, hatte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kurz nach Kriegsausbruch angekündigt.
„Es gibt gerade keinen sicheren Ort in Gaza“, sagt Robert Lindner, Nahostexperte bei der Hilfsorganisation Oxfam im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Situation für die Menschen vor Ort sei lebensbedrohlich. Vorräte an Wasser, Nahrung und Energie gingen zur Neige und aufgrund der Blockade sei derzeit keine humanitäre Hilfe möglich. „Mitarbeitende von Hilfsorganisationen sind selbst im Fluchtmodus“, berichtet Lindner.
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„Kein Strom, keine Lebensmittel, kein Wasser, kein Gas“ – das waren die Worte des israelischen Verteidigungsministers Yoav Gallant nach dem Überfall der Hamas auf Israel. Wie ist die aktuelle Lage in Gaza?
Die Versorgung mit allen lebenswichtigen Gütern geht dramatisch schnell zu Ende. Dazu gehören in erster Linie Wasser und Nahrungsmittel, auch Strom gibt es nur noch sporadisch. Die Telekommunikation ist vielerorts schon zusammengebrochen und sehr unzuverlässig. Kliniken können nur noch Strom erzeugen, wenn Treibstoffvorräte vorhanden sind. Toiletten und Sanitäranlagen laufen über. Es ist also zu befürchten, dass in relativ kurzer Zeit auch Krankheiten ausbrechen werden.
Das Welternährungsprogramm berichtet, dass Essen zum Problem wird. Wie lange können die Menschen so noch überleben?
Die Wahrscheinlichkeit, dass gerade schon geschwächte Menschen überleben, wird jeden Tag geringer. Zwar hat die israelische Regierung angekündigt, die Wasserversorgung im Süden wiederherzustellen. Doch besonders im Norden ist die Situation lebensbedrohlich. Die Menschen wissen nicht, wie sie die nächsten Tage überleben sollen, wenn nicht schnell im großen Umfang humanitäre Hilfe in den Gazastreifen gelangt.
Oxfam hat sich schon vor fünf Tagen aus Gaza zurückgezogen. Ist humanitäre Hilfe in der aktuellen Situation überhaupt noch möglich?
Unsere Büros sind geschlossen, alle Projekte sind ausgesetzt. Wir können nichts machen. Zurzeit ist keine humanitäre Hilfe möglich. Dazu müssten Hilfsgüter ins Land kommen, Energie- und Stromversorgung müssten gewährleistet sein. Wie sollen die Menschen überleben, wenn die totale Blockade, die Israel seit Ausbruch des Krieges verhängt hat, nicht aufgehoben ist?
Schon jetzt ist sauberes Trinkwasser knapp.
Foto: APSeit 16 Jahren kontrolliert Israel alle Güter, die von dort in den Gazastreifen hineingehen und hinausgehen. Aber eine Blockade wie sie jetzt verhängt wurde, ist völkerrechtlich höchst fragwürdig. Der Schutz der Zivilbevölkerung muss oberste Priorität haben und das sehen wir gerade nicht – von allen Kriegsparteien nicht.
Israel hat die Zivilbevölkerung aufgefordert, Gaza über einen sicheren Korridor zu verlassen. Hilfsorganisationen verurteilen diese Aufforderung. Warum?
Es ist nicht möglich in dieser kurzen Zeit, unter diesen Bedingungen 1,1 Millionen Menschen die im nördlichen Teil des Gazastreifens leben, sicher in den südlichen Teil zu transferieren. Viele Menschen sind alt, eingeschränkt in der Mobilität und brauchen medizinische Versorgung.
Wenn diese Patienten aus Krankenhäusern rausgenommen werden und unter diesen Bedingungen, große Hitze, verstopfte Straßen, laufende Angriffe rundherum, in den Süden transportiert werden sollen, werden das viele nicht überleben. Andere weigern sich, ihr Zuhause zu verlassen, weil sie Angst haben, niemals zurückkehren zu dürfen.
Die EU hat eine Verdreifachung der humanitären Hilfen für Gaza angekündigt – wie schnell kann dieses Geld eingesetzt werden, um den Menschen vor Ort zu helfen?
Im Moment bringt das nichts, weil nichts rein- und rauskommt. Aber wir hoffen, dass der Krieg möglichst schnell gestoppt und ein Waffenstillstand erreicht wird und humanitäre Hilfe geleistet werden kann. Das ist also Geld, das mit Sicherheit noch gebraucht wird. Deshalb begrüßen wir die Ankündigung.
Derzeit wird über einen Versorgungskorridor am Grenzübergang Rafah verhandelt – wie wichtig ist dieser Korridor für die Menschen in Gaza?
Es gibt keinen sicheren Ort in Gaza. Alle Maßnahmen wie Fluchtkorridore oder sogenannte sichere Zonen sind hochriskante Maßnahmen und sollten sehr gut überlegt sein. Natürlich wäre es gut, wenn zumindest schutzbedürftige Menschen den Gazastreifen schnell verlassen könnten. Es bringt nichts, solche Korridore zu schaffen, aber die Gewalt so weiterlaufen zu lassen.
Es geht als Erstes darum, dass die Kampfhandlungen eingestellt werden. Dann muss die Versorgungsblockade aufgehoben und ein Zugang für humanitäre Hilfen geschafft werden. In jedem Fall müssen alle Kriegsparteien ihren Verpflichtungen aus dem humanitären Völkerrecht nachkommen.
Im Süden von Gaza gibt es schon erste Flüchtlingscamps. Wie ist die Lage in diesen Notunterkünften (von UNRWA)?
Die Schulen, das sind solche Schutzräume größtenteils, sind völlig überfüllt. Räume für 20 Leute, sind teilweise mit 70 Leuten oder mehr belegt. Das wenige, was es gibt, wird so gut es geht geteilt. Aber auch in den Unterkünften gibt es kaum noch etwas. Die Vorräte gehen überall zur Neige und je mehr Menschen in den Süden gehen, desto schneller werden auch dort die Vorräte zur Neige gehen.
Viele Palästinenser fliehen aktuell aus dem Norden des Gazastreifens in den Süden.
Foto: Getty ImagesWelche Organisationen sind noch in Gaza vor Ort und wie lange können sie das durchhalten?
Die Mitarbeitenden der Hilfsorganisationen sind selber im Fluchtmodus, sie können nicht mehr arbeiten. Was sie machen können, ist nur noch Botschaften absetzen, damit zum Beispiel ich Ihnen jetzt ein Interview zur Situation vor Ort geben kann. 90 Prozent unserer Kolleginnen und Kollegen haben den Norden des Gazastreifens verlassen und versuchen gerade, in den Süden zu kommen. Wir hatten 33 Personen vor Ort, einige sind noch im Norden. Niemand weiß, wo es sicher ist, und wo man überhaupt weiterkommt.
UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths sagte am Samstag: „Die vergangene Woche war eine Prüfung für die Menschheit, und die Menschheit versagt.“ Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich habe mit vielen Krisen und Konflikten zu tun und bin immer vorsichtig damit zu sagen, das ist eine nie da gewesene humanitäre Katastrophe. Aber ich muss ehrlich sein, dass ich persönlich so etwas in dieser Form, eine sich derartig rapide entwickelnde humanitäre Katastrophe im Kontext eines Krieges, noch nicht erlebt habe.
Herr Lindner, vielen Dank für das Gespräch.