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Morning BriefingAngst vor dem Infarkt: Die schwierigen Entscheidungen der Notenbanker

Teresa Stiens 02.11.2023 - 04:57 Uhr Artikel anhören
Handelsblatt Morning Briefing

Eskalationsgefahr: Wachsende Sorge vor Flächenbrand in Nahost

02.11.2023
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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

unter europäischen Diplomaten wächst derzeit die Befürchtung, dass der Krieg im Nahen Osten sich in der Region ausweiten und auch Europa destabilisieren könnte. Die erwartete israelische Bodenoffensive scheint mittlerweile begonnen zu haben.

Für palästinensische Zivilisten gibt es kaum Möglichkeiten, dem Kriegsgeschehen zu entkommen. Die USA und auch Deutschland mahnen Israel stetig, trotz des Anspruchs auf Selbstverteidigung das Kriegsvölkerrecht zu wahren.

Dahinter steckt auch ein strategisches Kalkül. Bilder der Zerstörung aus dem Gazastreifen könnten muslimische Gesellschaften so stark gegen Israel aufbringen, dass andere Akteure in den Krieg eingreifen. Bei einer Eskalation des Konflikts könnten die Energiepreise rasant anziehen. Im schlimmsten Szenario, das heißt bei einer Ausweitung des Konflikts auf den Iran und die Golfstaaten, rechnet die Weltbank mit einem Ölpreis von bis zu 157 Dollar je Barrel. Gestern lag der Preis bei knapp 87 Dollar.

Während sich der Euroraum über positive Nachrichten in Form der niedrigeren Inflationsrate freute und daraus Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen der EZB erwuchsen, schauten gestern alle in die USA, wo die Federal Reserve (Fed) ihren nächsten Schritt verkündete. Das Ergebnis: Die US-Notenbank verzichtet darauf, die Zinsen anzuheben. Der Leitzins bleibt in der Spanne von 5,25 bis 5,50 Prozent. Sollte die Inflation erneut deutlich steigen, könnten jedoch weitere Erhöhungen nötig werden.

Janet Yellen kündigte am Mittwoch an, die Auktionen zu vergrößern, um die hohe Schuldenlast der USA in den Griff zu bekommen.

Foto: Bloomberg

Die Fed navigiert derzeit durch geldpolitisch schwieriges Terrain. Denn sie muss bei ihrer Entscheidung viele gegensätzliche Dynamiken bedenken. Einerseits hat sich das Wirtschaftswachstum im Sommerquartal trotz hoher Zinsen mehr als verdoppelt.

Gleichzeitig zeigten gestern veröffentlichte Daten, dass die Stimmung in der Industrie überraschend schlecht ist. Fed-Chef Jerome Powell zog ein Fazit, das gut zu Halloween gepasst hätte: „Es gibt viele Risiken da draußen“.

Das globale Finanzsystem leidet derzeit unter akutem Bluthochdruck. Schuld daran ist die angespannte Situation am US-Anleihenmarkt, der als Herz-Kreislauf-System der Finanzmärkte gilt.

Die Kurse der Staatsanleihen waren zuletzt stark gefallen, gleichzeitig stiegen die Renditen. Für die USA ist es also teuer geworden, an frisches Geld zu kommen. Die Gesundheit des US-Anleihenmarktes hat dabei Auswirkungen auf viele andere Märkte weltweit.

Wie jeder besorgte Patient achten derzeit auch die Finanzmärkte penibler als sonst auf die eigenen Vitalzeichen. Dazu zählten etwa die gestern vorgelegten Refinanzierungspläne des US-Finanzministeriums. Denn je mehr Staatsanleihen auf dem Markt sind, desto stärker fallen die Kurse und desto höher müssen die Renditen steigen, um Interessenten zu finden.

Die Zahlen führten zu einem leichten Aufatmen. Denn Finanzministerin Janet Yellen kündigte zwar an, Staatsanleihen im Wert von 112 Milliarden Dollar zu begeben, um die hohe Schuldenlast der USA und die steigenden Finanzierungskosten in den Griff zu bekommen.

Das war jedoch weniger als die Märkte befürchtet hatten. Der globale Herzinfarkt blieb gestern also erstmal aus.

In Deutschland biegt das Börsenjahr so langsam auf die Zielgerade ein. Es ist ein Jahr, das ziemlich optimistisch bis geradezu furios begann und im Juli noch auf dem Weg war, eines der besten Jahre der Geschichte zu werden. Doch dann folgten drei Verlustmonate und so liegt 2023 mittlerweile nur noch auf Platz 20 der besten Jahre seit 1988.

Generell schaut man am Aktienmarkt ungern zurück, sondern lieber in die Zukunft. Doch lassen sich durch historische Betrachtungen einige Vorhersagen treffen, die für Anleger interessant sein können. So zeigt die Vergangenheit: Je mehr Zeit zwischen Hoch und Tief verstreicht, desto größer ist die Gefahr eines Bärenmarktes mit anhaltend sinkenden Kursen. Was der Blick ins Geschichtsbuch noch verrät, lesen Sie in der Analyse meiner Kollegen Andreas Neuhaus und Jürgen Röder.

Welche rechtlichen Schranken braucht Künstliche Intelligenz? Wer glaubt, dass diese Frage einfach zu beantworten sei, sollte sich mal in Brüssel umhören. Dort will die EU seit 2019 eine Regulierung für KI schaffen und muss dabei nicht nur rechtliche, ethische und philosophische Fragen beantworten, sondern gleichzeitig auch noch in die Zukunft schauen.

Gestern trafen sich im englischen Bletchley Park rund 100 Vertreter aus 28 Ländern, um über eben diese drängende Frage der KI-Regulierung zu sprechen. Zwar waren sich die Teilnehmer einig, dass die KI „ernsthaften, sogar katastrophalen Schaden“ anrichten könne, wie es im Abschlusskommuniqué heißt. Die Positionen dazu, welche Regeln es braucht, gingen allerdings weit auseinander. Auf konkrete globale Maßnahmen können sich die Staaten bisher nicht einigen.

Der Vorstoß spiegelt die Bemühungen der US-Politik wider, die rasant wachsende KI-Industrie zumindest in Teilen zu regulieren.

Foto: AP

Noch während das Treffen in Bletchley Park lief, preschten die USA mit der Ankündigung vor, ein neues Bundesinstitut zu gründen, um die Entwicklung von KI zu überwachen. Das „U.S. Artificial Intelligence Safety Institute“ (USAISI) ist am Nationalen Institut für Standards und Technologie angesiedelt, das dem US-Handelsministerium untersteht.

Die Gründung des Sicherheitsinstituts diene dazu, „den nationalen und internationalen technologischen Fortschritt zum Wohle der Allgemeinheit zu fördern“, erklärte US-Handelsministerin Gina Raimondo gestern. Die Gründung des Instituts steht im Zusammenhang mit dem KI-Erlass, den Biden am Montag unterzeichnet hatte. Demnach soll geprüft werden, ob potenziell kritische KI-Tools „sicher sind, bevor sie veröffentlicht werden.“

Zum Abschluss noch ein Blick auf aktuelle Entwicklungen in Sachen Weihnachtsmusik. Freuen Sie sich auch schon auf „Last Christmas“, „Feliz Navidad“ und „Santa Claus is coming to town“? Eher nicht so? Vielleicht spricht aus Ihnen dann der Neid, nicht selbst zu den Komponisten dieser Gassenhauer zu gehören. Schließlich winkt mit einem weihnachtlichen Geniestreich ein ganzes Leben in Reichtum.

Kein Wunder also, dass Mariah Carey für den Hit „All I want for Christmas is you“ jetzt auf Urheberrechtsverletzungen von dem Songwriter Andy Stone verklagt wird. Sollte Stone am Ende Recht bekommen, dürften ihm die Zimtsterne unterm Baum ab jetzt wohl ganz besonders gut schmecken.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Tag ohne Sand im Getriebe.

Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt

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