Essay: Die dritte industrielle Revolution
Unsere industrielle Zivilisation steht am Scheideweg. Öl und die anderen fossilen Brennstoffe, auf denen unsere Lebensweise beruht, haben ausgedient, die durch sie entstandenen und vorangetriebenen Technologien sind antiquiert. Die auf fossilen Brennstoffen basierende industrielle Infrastruktur ist altersschwach und baufällig. Als Folge davon steigt die Arbeitslosigkeit überall auf der Welt in gefährliche Höhen. Staaten, Firmen und Verbraucher stehen die Schulden bis zum Hals. Eine Milliarde Menschen hungert - fast ein Siebtel der Weltbevölkerung, ein furchtbarer Rekord.
Schlimmer noch: Am Horizont droht infolge unserer auf fossile Energien gegründeten Industrien eine Klimakatastrophe mit möglicherweise verheerenden Auswirkungen auf unsere Ökosysteme. Befürchtungen von Klimaforschern und Biologen zufolge steht uns womöglich gegen Ende des Jahrhunderts ein Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten ins Haus, das das Überleben unserer eigenen Spezies infrage stellt. Wie zunehmend klar wird, brauchen wir ein neues ökonomisches Narrativ, das uns in eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft zu führen vermag.
Windkrafträder in Norddeutschland. Symbol für saubere Energie.
Foto: dpaDas Zusammentreffen neuer Kommunikationstechnologien mit neuen Energiesystemen haben die wirtschaftlichen Revolutionen bewirkt. Ein neues Energieregime ermöglicht nicht nur komplexere Wirtschaftsbeziehungen und einen erweiterten kommerziellen Austausch, es begünstigt auch dichtere und offenere soziale Beziehungen. Eine parallele Revolution im Kommunikationsbereich ermöglicht es, das neue Energiesystem zeitlich und räumlich zu organisieren.
Im 19. Jahrhundert bildeten dampfgetriebene Druckmaschinen das Rückgrat einer Kommunikationsinfrastruktur, die zusammen mit der ebenfalls dampfgetriebenen Eisenbahn erstmals umfassende Binnenmärkte erschloss. Dieses Zusammenspiel kennzeichnete die erste industrielle Revolution. Im 20. Jahrhundert wurden die elektronischen Kommunikationsmittel - zunächst das Telefon, später Radio und Fernsehen - die Medien, die das ölsüchtige Automobilzeitalter und den Massenkonsum der zweiten industriellen Revolution zusammenhielten.
Mitte der 1990er-Jahre zeichnete sich eine neue Konvergenz von Kommunikationstechnologie und Energie ab. Erneuerbare Energien werden mit dem Internet zur mächtigen neuen Infrastruktur einer dritten industriellen Revolutionen (DIR) fusionieren, und diese wird die ganze Welt verändern. In der neuen Ära werden Hunderte von Millionen Menschen zu Hause, in Büros und Fabriken ihre eigene grüne Energie produzieren und sie in einem "Energie-Internet" mit anderen teilen, so wie wir heute Informationen schaffen und diese online mit anderen nutzen. Die Demokratisierung der Energie wird zu einer fundamentalen Neuordnung zwischenmenschlicher Beziehungen führen; sie wird sich auf unseren geschäftlichen Umgang ebenso auswirken wie auf die Erziehung unserer Kinder, unser Leben als Staatsbürger und unsere Art zu regieren.
Bereits im Jahr 2000 erhob die Europäische Union den Anspruch, ihre CO2-Bilanz erheblich zu verbessern und zu einer Ära nachhaltiger Wirtschaft überzugehen. Die Europäer setzten sich Ziele und Benchmarks, sorgten für neue Prioritäten in Forschung und Entwicklung und schufen Gesetze, Normen und Verordnungen für den neuen ökonomischen Weg. In den Vereinigten Staaten fixierte man sich dagegen auf die neuesten technischen Kinkerlitzchen wie "Killer-Apps" aus dem Silicon Valley, und dem amerikanischen Hausbesitzer war schier schwindlig vor Freude über einen durch zweitklassige Hypothekenkredite haussierenden Immobilienmarkt.
Kaum ein Amerikaner interessierte sich für die ernüchternden Prognosen über die globalen Ölvorräte, für Warnungen vor drastischen Klimaveränderungen oder die zunehmenden Hinweise darauf, dass es unserer Wirtschaft unter der Oberfläche eben doch nicht so gut ging. Das Land übte sich in Zufriedenheit, ja Selbstgefälligkeit; einmal mehr sahen die Amerikaner sich in dem Glauben bestärkt, ihre Fortüne belege ihre Überlegenheit über den Rest der Welt.
So etwas wie ein Außenseiter im eigenen Land, entschloss ich mich, das alte amerikanische Motto "Go West!" zu missachten und in die entgegengesetzte Richtung zu ziehen, über den Ozean in die alte Welt, wo man sich ernsthaft Gedanken über die Zukunft der Menschheit zu machen schien. Natürlich bin ich nicht so naiv, Europas zahlreiche Probleme, Schwächen und Widersprüche zu übersehen. Aber genauso gut ließe sich über die Unzulänglichkeiten der USA oder anderer Länder vom Leder ziehen.
2006 begann ich, mit führenden Köpfen des Europaparlaments einen Wirtschaftsplan für eine dritte industrielle Revolution zu entwickeln. Verschiedene Behörden der EU sind nun, wie auch die Mitgliedstaaten, mit der Umsetzung der dritten industriellen Revolution beschäftigt.
Wie bei jeder anderen Kommunikations- und Energieinfrastruktur der Geschichte müssen die einzelnen Säulen dieser dritten industriellen Revolution gleichzeitig gesetzt werden, weil jede nur in Verbindung mit allen anderen tragfähig ist. Die fünf Säulen der dritten industriellen Revolution sind:
- der Umstieg auf erneuerbare Energien;
- die Umwandlung von Gebäuden in Mikrokraftwerke, die die erneuerbaren Energien vor Ort erzeugen;
- der Einsatz von Energiespeichern in allen Gebäuden sowie an den Knotenpunkten der Infrastruktur zur Speicherung von unregelmäßig anfallender Energie;
- die Nutzung der Internettechnologie, um das Stromnetz auf jedem Kontinent in ein Energy-Sharing-Netz (Intergrid) zu verwandeln, über das lokale Überschüsse der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden können und - die Umstellung der Transportflotten auf Steckdosen- und Brennstoffzellenfahrzeuge, die Strom über ein intelligentes und interaktives kontinentales Stromnetz kaufen und verkaufen können.
Wie schwierig es ist, diese fünf Säulen auf jeder Ebene und in jeder Phase der Entwicklung integriert aufeinander abzustimmen, wurde der Europäischen Union im Herbst 2010 vor Augen geführt. In einem durchgesickerten Dokument der Europäischen Kommission hieß es warnend, die EU müsse zwischen 2010 und 2020 eine Billion Euro für die Modernisierung ihres Stromnetzes aufwenden, sollte das den Zufluss erneuerbarer Energie aufnehmen können: "Europa mangelt es nach wie vor an der Infrastruktur, die es erneuerbaren Energien ermöglicht, sich zu entwickeln und auf Augenhöhe mit traditionellen Quellen zu konkurrieren."
Man erwartet, dass die EU bis 2020 ein Drittel ihres Stromes aus grünen Quellen bezieht. Das bedeutet, dass das Stromnetz digitalisiert und "intelligent" gemacht werden muss, um die unregelmäßig anfallende erneuerbare Energie Tausender lokaler Erzeuger aufnehmen zu können.
Außerdem ist es natürlich von entscheidender Bedeutung, so schnell wie möglich Wasserstoff- und andere Speichertechnologien zu entwickeln und zu installieren. Wenn die unregelmäßige erneuerbare Energie einen Anteil von 15 Prozent übersteigt, geht ansonsten ein Gutteil des Stroms verloren. Ähnlich wichtig ist es, im Bau- und Immobiliensektor die Umrüstung von Gebäuden zu Mikrokraftwerken voranzutreiben. Wenn die EU diese Bedingungen nicht erfüllt, wird sie nicht genügend grünen Strom für die Millionen von Steckdosen- und Brennstoffzellenautos bereitstellen können, die in absehbarer Zeit marktreif sein werden. Wenn auch nur eine dieser fünf Säulen hinter der Entwicklung zurückbleibt, ist jede andere blockiert und die Infrastruktur selbst infrage gestellt.
Der Aufbau eines neuen Energieregimes auf der Basis erneuerbarer Energien, die von Gebäuden produziert, teils als Wasserstoff gespeichert und über intelligente "Internetze" verteilt und mit emissionsfreien Steckdosenfahrzeugen gekoppelt werden, öffnet die Tür zur dritten industriellen Revolution. Das ganze System ist interaktiv, integriert und nahtlos.
Wenn diese fünf Säulen zusammenkommen, bilden sie eine unteilbare technologische Plattform, ein in Entstehung begriffenes System, dessen Eigenschaften und Funktionen sich qualitativ von denen seiner konstituierenden Teile unterscheiden. Anders gesagt, die Synergien zwischen diesen Säulen sorgen für ein neues ökonomisches Paradigma, das die Welt zu ändern vermag.
Die Vision der dritten industriellen Revolution findet auch in Asien, Afrika und Lateinamerika zunehmenden Anklang. Am 24. Mai 2011 stellte ich in einer Grundsatzrede auf der Konferenz zum 50. Jahrestag der OECD in Paris die fünf Säulen der dritten industriellen Revolution vor. Anwesend waren Regierungsvertreter der 34 Teilnehmerstaaten. Mein Vortrag flankierte eine Initiative der OECD für grünes Wirtschaftswachstum.
Die dritte industrielle Revolution ist die letzte der großen industriellen Revolutionen. Sie sorgt für die Infrastruktur des heraufziehenden Zeitalters der Zusammenarbeit. In den vierzig für den Ausbau dieser Infrastruktur veranschlagten Jahren werden Hunderttausende neuer Geschäfte und Hunderte von Millionen neuer Arbeitsplätze entstehen. Ihre Fertigstellung setzt den Schlusspunkt unter eine 200-jährige, von Fleiß, Märkten und Arbeitermassen geprägte Wirtschaftsgeschichte und markiert den Anfang einer neuen Ära der Zusammenarbeit, sozialer Netzwerke und kleiner, hochspezialisierter und hochtechnisierter Firmen.
Im kommenden halben Jahrhundert verlieren die konventionellen, zentralisierten Geschäftsbetriebe der ersten und zweiten industriellen Revolution gegenüber den dezentralisierten Geschäftsmodellen der dritten zunehmend an Bedeutung; und die traditionelle hierarchische Organisation wirtschaftlicher und politischer Macht weicht einer in - über die ganze Gesellschaft verteilten - Knotenpunkten organisierten lateralen Macht.
Auf den ersten Blick scheint "laterale Macht" schon als bloße Vorstellung allem zu widersprechen, was wir an Machtbeziehungen aus der Geschichte kennen. Immerhin organisiert sich Macht seit jeher in einer Pyramide, von oben nach unten. Heute jedoch führt die auf Zusammenarbeit basierende Macht, wie sie das Zusammentreffen von Internettechnologie und erneuerbaren Energien entfesselt, zu einer Umstrukturierung der zwischenmenschlichen Beziehungen von vertikal zu lateral. Und das mit tiefgreifenden Implikationen für die Gesellschaft.
Die Musikkonzerne hatten keine Ahnung von dezentraler Macht, bis Millionen von jungen Leuten online Musik miteinander zu tauschen begannen, und es dauerte kein Jahrzehnt, da brachen ihre Einnahmen ein. Die Encyclopedia Britannica hatte kein Verständnis für die Macht der Zusammenarbeit, die Wikipedia zur führenden Informationsquelle der Welt werden ließ. Und die Zeitungen belächelten die dezentrale Macht der Blogosphäre - heute gehen viele Publikationen entweder ein oder mit einem Gutteil ihrer Aktivitäten online.
Die Implikationen von Menschen, die dezentral Energie in einer Art moderner Allmende miteinander teilen, sind noch weitreichender.
Um sich klarzumachen, welchen Bruch mit unserer bisherigen Organisation des Wirtschaftslebens die dritte industrielle Revolution vollzieht, denken Sie an die tiefgreifenden Veränderungen, die allein während der letzten zwanzig Jahre mit der Einführung des Internets stattgefunden haben. Die Demokratisierung von Information und Kommunikation hat den weltweiten Handel und gesellschaftliche Beziehungen genauso grundlegend verändert wie die Revolution des Druckgewerbes am Anfang der modernen Zeit. Nun stellen Sie sich die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen vor, die die Demokratisierung von Energie mit sich bringen dürfte, wenn sie von der Internettechnologie verwaltet wird!
Vor allem die ärmeren Länder in der Dritten Welt dürften enorm davon profitieren. Wir müssen uns vor Augen halten, dass 40 Prozent der Menschheit immer noch mit zwei Dollar oder weniger täglich auskommen müssen, also in äußerster Armut leben, und die überwiegende Mehrheit nicht über Elektrizität verfügt. Ohne Zugang zu Strom bleiben diese Menschen machtlos. Die wichtigste Voraussetzung dafür, Hunderte Millionen Menschen aus der Armut zu holen, ist der verlässliche und erschwingliche Zugang zu grünem Strom. Ist dieser nicht gegeben, ist jede wirtschaftliche Entwicklung unmöglich.
Die Demokratisierung der Energie und der allgemeine Zugang zur Elektrizität sind der unerlässliche Ausgangspunkt für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Ärmsten der Welt. Die Vergabe von Mikrokrediten zur Erzeugung von Mikrostrom beginnt das Leben in den Entwicklungsländern bereits jetzt zu verändern und gibt möglicherweise Millionen von Menschen die Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation.
Nichts am Aufenthalt des Menschen auf der Erde ist vorgeschrieben. Die Geschichte ist gespickt mit Beispielen großer Kulturen, die untergegangen, vielversprechender gesellschaftlicher Experimente, die gescheitert sind, von Zukunftsvisionen, die nie das Licht der Welt erblickt haben. Diesmal jedoch sehen wir uns in einer anderen Situation. Es steht mehr auf dem Spiel. Nie zuvor sah sich die Menschheit mit der reellen Möglichkeit ihres totalen Aussterbens konfrontiert; das gibt es erst seit einem halben Jahrhundert. Angesichts der Aussicht auf eine ungehinderte Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen, mittlerweile gekoppelt mit einer drohenden Klimakrise, sind wir der "Endrunde" näher denn je - nicht nur die Zivilisation, wie wir sie kennen, sondern unsere Spezies an sich.
Die dritte industrielle Revolution verheißt eine kohlenstofffreie Ära der Nachhaltigkeit bis zur Jahrhundertmitte und damit die Abwendung der Klimakatastrophe. Wir haben das Wissen, die Technik und den Schlachtplan dazu. Jetzt kommt es darauf an, die wirtschaftlichen Möglichkeiten zu erkennen, die vor uns liegen, und den Willen aufzubringen, rechtzeitig ans Ziel zu kommen.
Jeremy Rifkin
Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011
303 Seiten
Jeremy Rifkin
Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein.
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010
468 Seiten