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Wirtschaftsbuch-Klassiker Hat uns Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“ heute noch etwas zu sagen?

Econ gibt zum 70. Verlagsjubiläum seinen alten Blockbuster „Wohlstand für alle“ neu heraus. Eine kritische Einordnung des Werks lässt die Ausgabe vermissen.
20.11.2020 - 16:37 Uhr Kommentieren
Sein Ghostwriter war Handelsblatt-Redakteur Wolfram Langer. Quelle: dpa
Ludwig Erhard (1897-1977)

Sein Ghostwriter war Handelsblatt-Redakteur Wolfram Langer.

(Foto: dpa)

Bonn Zeitweise drohte der scheidende Vorsitzende Roland Tichy die Fundamente der Ludwig-Erhard-Stiftung ins Wanken zu bringen. Sein stramm rechter Kurs mit Hang zum Herrenwitz schockierte Mitglieder wie Bundesbankpräsident Jens Weidmann oder Digitalstaatsministerin Dorothee Bähr.

Erhards Denkmal indes konnten Tichys Eskapaden nicht beschädigen: Bis heute steht der „Dicke mit der Zigarre“, 1897 geboren und 1977 gestorben, wie kein anderer für die rauchenden Fabrikschlote des D-Mark-Wiederaufbaus.

Seine Geburtsstadt Fürth feiert im „Ludwig Erhard Zentrum“ die Ikone des „Wirtschaftswunders“, den einzigen Wirtschaftsminister, der es zum Bundeskanzler brachte. Beeindruckt vom historischen Vorbild ließ Peter Altmaier am 70. Jahrestag der Währungsreform 2018 die Aula des Wirtschaftsministeriums in „Ludwig-Erhard-Saal“ umbenennen.

Jetzt hat der Econ-Verlag zum 70. Unternehmensjubiläum am 25. November Erhards Klassiker „Wohlstand für alle“ neu aufgelegt – im alten schwarz-gelben Umschlag mit dem charakteristischen „R“ des Illustrators Werner Rebhuhn.

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    Für Econ, 1950 mithilfe des damaligen Handelsblatt-Verlegers Friedrich Vogel gegründet, war das im Februar 1957 erschienene Buch „einer der ersten Blockbuster, der über Jahrzehnte einen großen Beitrag zu unserem wirtschaftlichen Erfolg geleistet hat“, sagt Verlagsleiter Jürgen Diessl.

    250.000 verkaufte Exemplare sind tatsächlich sensationell. Das Buch wurde in 14 Sprachen übersetzt, sogar ins Arabische, Japanische und Chinesische. Politiker von Friedrich Merz bis Sarah Wagenknecht zitieren aus „Wohlstand für alle“, ein Titel, der zum geflügelten Wort geworden ist.

    Dabei sind eigentlich nur die Passagen über den Kampf zwischen Plan- und Marktwirtschaftlern heute noch lesenswert. Ansonsten lässt der Inhalt des Buchs sich in einem Satz bündeln: Wohlstand wächst von allein, wenn der Staat den Wettbewerb schützt und keine Umverteilungspolitik betreibt.

    Erhard polemisiert gegen den „modernen Wahn“ eines Versorgungstaats, der das Individuum zum „sozialen Untertan“ mache, und sagt voraus, seine „Marktwirtschaft moderner Prägung“ werde das Auf und Ab des Konjunkturzyklus überwinden. Dann sei „Entscheidendes für die Mehrung des Wohlstandes aller gewonnen“.

    Ludwig Erhard: Wohlstand für alle.
    Econ
    Berlin 2020
    400 Seiten
    20 Euro

    Es kam bekanntlich anders, Konjunkturzyklen gehören nun mal zum Kern des Kapitalismus. Der frühere Chef der „Wirtschaftsweisen“ und heutige Präsident des Handelsblatt Research Institute, Bert Rürup, spricht von einem „meinungsstarken, aber inhaltlich biederen Buch, mit dem Erhard den Wirtschaftsaufschwung seit der Währungsreform für sich und im Wahljahr 1957 auch für die Union reklamieren wollte“. Anders als Alfred Müller-Armacks 1947 erschienene Schrift „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ liefere „Wohlstand für alle“ „keinen Ansatz für eine theoretische Fundierung der Sozialen Marktwirtschaft“. Der Bucherfolg, so Rürup, „erklärt sich allein aus dem wirtschaftlichen Erfolg der Bunderepublik Deutschland“.

    Der hat tatsächlich seine Wurzeln in der Liberalisierungsoffensive, die Erhard als Direktor der bizonalen Verwaltung für Wirtschaft, des Vorläufers des Bundeswirtschaftsministeriums, im Juni 1948 zeitgleich mit der Währungsreform startete. Per Gesetz hob er das System der Bewirtschaftung weitgehend auf und führte gegen heftigen Widerstand von SPD und KPD die Marktwirtschaft wieder ein.

    In den damaligen politischen Kämpfen erscheint der Protagonist im Buch derart als strahlender Held, dass man unwillkürlich fragen möchte, ob sich ihm bei so viel Selbstlob gelegentlich wohl die eigene Feder gesträubt hat. Doch die Frage stellt sich nicht, denn Erhard hat das Buch gar nicht geschrieben. „Gleichsam sich selbst schenkte Erhard ein Buch zum 60. Geburtstag“, merkt sein Biograph Volker Hentschel leicht süffisant an, „das der Redakteur des ,Handelsblatts‘ Wolfram Langer unter seinem Namen schrieb: ,Wohlstand für alle‘“. Bald darauf beförderte Erhard Langer zum Leiter der Grundsatzabteilung im Bundeswirtschaftsministerium.

    Im Stil des Hagiografen blendet Langer alles aus, was Erhards Nimbus trüben könnte. So verurteilt er etwa den Generalstreik vom November 1948, der sich gegen die massiven Preissteigerungen nach der Währungsreform richtete – lässt aber unerwähnt, dass die Gewerkschaften nur deshalb zum Generalstreik aufriefen, weil Erhard jede Kritik an seinem Kurs als „hysterisches Gekeife der Kollektivisten aller Sorten“ zurückgewiesen hatte.

    Zweifelhaftes Vermächtnis

    Auf heikles Terrain begibt sich Langer, wenn er das „tragische Verhängnis“ der jüngsten Vergangenheit, gemeint ist der Nationalsozialismus, auf die „Charakterschwäche“ des deutschen Volks zurückführt. Denn gerade Erhard überzeugte in der NS-Zeit nicht durch Charakterstärke. Protegiert von seinem Schwager Karl Guth, Hauptgeschäftsführer der Reichsgruppe Industrie, schrieb er beispielsweise 1942 eine Expertise über Aspekte, die bei der „Verwertung des volksfeindlichen Vermögens“ zu beachten seien.

    1944, als Deutschland auf den Staatsbankrott zusteuerte, stützte er in seiner Denkschrift „Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung“ die NS-Propaganda von der Stabilität der Reichsmark: „Aufgeklärtheit und Skepsis“, so Erhard, würden „nur zur Auflösung jeglicher Ordnung führen“.

    Die Denkschrift verfasste er für die Reichsgruppe Industrie und das Reichswirtschaftsministerium – meinte sich aber später zu erinnern, sie für den Widerstandskämpfer Karl Goerdeler geschrieben zu haben. Obwohl Erhard mit seinem von der Reichsgruppe finanzierten Institut für Industrieforschung ein Profiteur des NS-Regimes war, gelang es ihm, in den Mythos des Widerstands einzutauchen. Sein Adlatus Langer etwa schrieb 1988 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Erhard habe in dunklen Zeiten „Kopf und Kragen riskiert“.

    Von diesem zweifelhaften Vermächtnis erfahren die Leser der Neuausgabe nichts, weder im Vor- noch im Nachwort. Stattdessen erscheint am Ende des Buchs auf 46 Seiten die Regierungserklärung des 1963 zum Bundeskanzler gewählten Erhard. Diese Seiten hätte der Verlag besser für eine nüchterne Einordnung seines Protagonisten in den historischen Kontext nutzen sollen.

    Allein: Econ besitzt gar nicht die Buchrechte, die liegen bei der Erhard-Stiftung. Und deren scheidender Vorsitzender poliert weiter fleißig an Erhards Heiligenschein. Für Tichys Nachfolger Roland Koch wäre es lohnend, bei der nächsten Auflage Erhard endlich aus dem Mythos des „Wirtschaftswunders“ in die Realität der Zeitgeschichte zurückzuholen.

    Mehr: Ludwig-Erhard-Stiftung: Auf Roland Tichy folgt Roland Koch

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