Vermögensverwaltung: Wie Stiftungen unter der Coronakrise leiden
Bei Stiftungen kommt als Rendite nur noch Kleingeld an.
Foto: ReutersFrankfurt. Für risikoscheue Investoren wie Stiftungen ist dieses Jahr ein Albtraum. In einer Welt extrem niedriger Zinsen ist es ohnehin schwierig, stabile Erträge zu erzielen. Und jetzt haben die jüngsten Marktverwerfungen sogar das Kapital bedroht. Drei Prozent Rendite, die viele Stiftungen benötigen, um ihre Projekte zu finanzieren, sind in weite Ferne gerückt. Das zeigt eine Studie des Beraters Fonds Consult in München, die dem Handelsblatt vorliegt. Sie vergleicht 20 Fonds, die auf risikoscheue Investoren ausgerichtet sind.
„Die Gemengelage ist doppelt problematisch“, sagt Stephan Schrödl, Analyst bei Fonds Consult. Viele Manager konservativ ausgerichteter Fonds seien angesichts des Zinsschwunds bei Anleihen höhere Risiken eingegangen, indem sie mehr Firmenbonds schwächerer Bonität und Schwellenländerpapiere kauften. In der Coronakrise gerieten deren Kurse unter Druck. Auch bei Aktien hätten sie zu spät auf den Kurseinbruch reagiert und seien nur zögerlich wieder eingestiegen, moniert Schrödl.
Zudem lege der Großteil vor allem in Europa an, wo sich die Aktien nicht so stark erholt haben wie in den USA. Nur ein Fonds hat in den zwölf Monaten bis Ende April, dem Stichtag der Studie, den von Fonds Consult genutzten Vergleichsindex geschlagen.
Der Index besteht zu 70 Prozent aus dem IBoxx Euro overall für Anleihen und zu 30 Prozent aus dem MSCI All Countries World für Aktien. Er legte 1,8 Prozent zu. Die meisten Fonds machten dagegen einen Verlust. Auf die Rendite drücken auch die laufenden Kosten, die zwischen 0,58 und zwei Prozent liegen (Tabelle).
„Die Lage ist für viele Stiftungen zum Verzweifeln“, bestätigt Florian Brechtel, Chef des Stiftungsberaters Dragoman. Ein Fünftel der mehr als 23.000 Stiftungen in Deutschland mit einem Vermögen von rund 107 Milliarden Euro rechnete bereits für 2019 mit einer Rendite unterhalb von 1,4 Prozent, wie eine Umfrage des Bundesverbands Deutscher Stiftungen ergibt. Damit wäre kaum die Inflation ausgeglichen. Knapp zwei Drittel der Stiftungen verfügen über ein Kapital von weniger als eine Million Euro. Während sich große Stiftungen eigene Vermögensmanager leisten, suchen kleinere oft den Rat externer Fondsmanager.
Die 20 in der Studie untersuchten Fonds managen insgesamt knapp zehn Milliarden Euro. Fonds Consult prüft die risikogewichtete Rendite über ein und drei Jahre und bewertet Anlagegrundsätze, Ausschüttungen und Kosten. Teilnehmen können Fonds, die mindestens drei Jahre am Markt sind und mindestens rund 50 Millionen Euro verwalten. Große Fonds für einzelne Stiftungen werden nicht analysiert.
„Es zeigen sich einmal mehr deutliche Qualitätsunterschiede“, sagt Schrödl. Zwei Arten von Strategien funktionierten: passend bei Aktien und Renten reagieren oder aber unter dem Strich wenig tun. Es gab einige Auf- und Absteiger, insgesamt ist das Qualitätsniveau in etwa stabil geblieben. Ein neuer Fonds, der „Acatis Fair Value Modulor VV Nr.1“ des Vermögensverwalters Acatis aus Frankfurt, hat sich mit seiner flexiblen Strategie gleich weit nach oben geschoben.
Die Commerzbank ist wieder dabei und schneidet „gut“ ab. Dagegen nehmen die Bank Merck Finck und die Luxemburger Boutique Nordlux nicht mehr teil. 15 Fonds bewertet Fonds Consult mit „sehr gut“ oder „gut“, den Rest als unterdurchschnittlich.
Anlagestrategie ist meist konservativ
Den Aktienanteil kappen die Fondsmanager meist bei rund 30 Prozent. Anleihen, oft Firmenpapiere guter Qualität, bilden in der Regel den Schwerpunkt. Edelmetalle, Rohstoffe und Immobilien mischen sie regelmäßig dazu. Ethisch-ökologische Kriterien berücksichtigen alle in irgendeiner Weise.
Zum sechsten Mal an die Spitze schafft es der Kölner Vermögensverwalter Flossbach von Storch, der wieder die Bestnote 1,0 erreicht. Der „FvS Stiftung“ wird nach dem langfristigen Anlageansatz Flossbachs gemanagt. Die Investitionsquote ist auf dauerhafte Niedrigzinsen eingestellt. Sogenannte Substanzaktien von Firmen mit hohem Buchwert, guter Eigenkapitalquote und hohen Dividenden sowie Firmenanleihen gehören ebenso zum Kernportfolio wie Gold.
Das Edelmetall „hat sich zum größten Performancebringer entwickelt“, sagt Analyst Schrödl. Fondsmanager Elmar Peters habe rechtzeitig im Februar die Aktienquote reduziert, und „obwohl das Timing bei der schnellen Erholung danach nicht perfekt war, hat er eine akzeptable Rendite geliefert“. Unter dem Strich überzeugen den Analysten auch eine gute Ausschüttungsrendite von 2,96 Prozent in den vergangenen fünf Jahren und unterdurchschnittliche laufende Kosten von 0,94 Prozent.
Ebenfalls gut durch die Corona-Zeit gekommen ist Hendrik Leber mit seinem „Acatis Fair Value Modulor VV Nr.1“. Der Fondsmanager aus Frankfurt habe im Januar 80 Prozent des Aktienanteils abgesichert, nachdem die Märkte weit gestiegen waren. „Solche Strategien haben etwas für sich“, meint Schrödl. Im späteren Frühjahr ist Leber dann wieder eingestiegen.
Sein Fonds erzielte über ein und drei Jahre mit Abstand die beste Performance mit 7,2 und 3,2 Prozent pro Jahr. Eigentlich sei er mit seinem strategischen Aktienanteil von 70 Prozent und einem hohen maximalen Verlust von zuletzt knapp 16 Prozent kein defensiver Mischfonds, räumt Schrödl ein.
Doch sein beherztes Vorgehen habe sich bewährt. „Eine Garantie, dass diese aktive Strategie auch in der nächsten Krise passt“, gebe es natürlich nicht. Acatis gehört zu den besten Anbietern mit der Gesamtnote 1,7.
Mit ebenfalls 1,7 schneidet der „BKC Treuhand Portfolio“ der Bank für Kirche und Caritas etwas schlechter als 2019 ab, gehört aber weiterhin zur Spitzengruppe. Der Fonds habe unter der Schwäche der Schwellenländeranleihen gelitten und seine niedrige Aktienquote von rund zehn Prozent etwas spät abgebaut, sagt Schrödl.
Mit dem maximalen Verlust von knapp zehn Prozent im bisherigen Jahresverlauf ist Fondsmanager Bernhard Matthes von BKC „nicht zufrieden“. Sein Anleihemix mit längerer Restlaufzeit von knapp sechs Jahren, der auch in der Nullzinswelt noch 2,25 Prozent laufenden Ertrag bringe, sei mit einem etwas höheren Risiko etwa bei Schwellenländerpapieren erkauft, erklärt er.
Und bei Aktien habe sein regelbasiertes Modell nicht schnell genug reagiert, vor allem in der Erholungsphase im Mai und Juni. Aktuell justiert Matthes die Anlagestrategie etwas nach auf wertstabilere Qualitätsaktien. Auch setzt er stärker auf Edelmetalle und inflationsgeschützte Bonds, um das Portfolio „gegen einen unerwarteten Inflationsschub“ zu schützen.
Der ebenfalls mit 1,7 benotete „Salytic Stiftungsfonds“ (vorher: Landert Stiftungsfonds), der im Zuge der kompletten Übernahme des Landert Family Office durch den Vermögensverwalter Salytic Invest umbenannt wurde, setzt auch gewichtiger auf Hochzins- und Schwellenländerpapiere. Fonds Consult lobt hier eine „dynamische Anlagestrategie“. Fondsmanager Thomas Pethofer hat den Aktienanteil im Februar von über 30 auf unter 20 Prozent reduziert.
Vorsicht nicht immer belohnt
Ebenfalls ein „gut plus“ erhalten der „Bethmann Stiftungsfonds“ des gleichnamigen Bankhauses mit einer laut Fonds Consult „klassisch defensiven Strategie“, der „Prisma Aktiv“ der gleichnamigen Boutique mit „aktivem Renten- und Aktienmanagement mit Europa- und Asien-Fokus“ und der flexibel anlegende „FOS Rendite und Nachhaltigkeit“ des Deutschen Oppenheim Family Office, das zur Deutschen Bank gehört.
Um zwei Noten verbessert hat sich der „Deka Stiftungen Balance“, der nun ein „noch gut“ erhält. Fondsmanager Markus Spory von der Sparkassenfondstochter Deka hat die „taktische Asset-Allocation gut hinbekommen“, lobt Schrödl: im Februar die Aktienquote reduziert und Liquidität erhöht. Der Fonds weise die besten Risikokennzahlen vor, die Rendite sei allerdings „unauffällig“.
Von „sehr gut“ auf „noch gut“ abgerutscht ist der „Stiftungsfonds Spiekermann“, der einen Fokus auf Unternehmensanleihen hat. Diese Gewichtung sei während der Coronakrise nachteilig gewesen, da Firmenbonds unter mangelnder Liquidität litten, erklärt Fondsmanager Mirko Kohlbrecher. Seit Ende April hätten sich die Bewertungen aber verbessert.
Schwächer schnitt der „Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen“ des Frankfurter Hauses Shareholder Value Management (SV) ab mit der Note „befriedigend plus“. Seit einigen Jahren moniert Fonds Consult die Ausrichtung des Fonds auf Aktien-Nebenwerte „als nicht geeignet für konservative Investoren und Stiftungen“: Der Fonds richte sich nicht auf Dividendenzahlungen aus und setze auf Kleinstunternehmen mit geringer regionaler Streuung. Den Kursverlust von 12,8 Prozent über ein Jahr sieht Schrödl als „kleinen Gau“.
SV-Vorstand Philipp Prömm findet dagegen, „dass Stiftungen und Aktienanlage aufgrund ihrer langfristigen Ausrichtung hervorragend zusammenpassen“, weil es immer schwieriger werde, im aktuellen Zinsumfeld eine auskömmliche Rendite zu erzielen. Um die Risiken einer Aktienanlage zu kontrollieren, setzt Fondsmanager Frank Fischer stärker auf Firmen mit einer hohen Kapitalrendite.
Das Schlusslicht bildet der „Allianz Stiftungsfonds Nachhaltigkeit“ mit der Note „befriedigend“. Der Fonds der Versicherungstochter Allianz Global Investors (AllianzGI) setzt bei Renten auf Staatsanleihen, bei Aktien vor allem auf Europa und „nutzt seine Spielräume bei beiden Anlageklassen nicht aus“, kritisiert Schrödl.
Die nachweislich große Expertise des Hauses auf der Aktien- und auf der Rentenseite werde „offenbar für den Fonds nicht eingesetzt“. Dazu kommen hohe Gebühren von 1,2 Prozent. Bei AllianzGI betont man die „sehr defensive Anlagestrategie“: Angesichts drohender Marktverwerfungen und der Rezessionsängste sei der Fonds im ersten Halbjahr 2020 mit einer durchschnittlichen Gewichtung von 16 Prozent in europäischen Aktien und einem Anteil von einem Fünftel in Liquidität seit Ende Februar bewusst vorsichtig aufgestellt worden.
Der Fonds verlor dennoch maximal sieben Prozent. Mit einer Verbesserung der Marktaussichten will Fondsmanager Jan Bernhard den Anteil der Risikotitel wieder erhöhen.