Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele: „Bei Zahlungsdiensten wird der Wettbewerb behindert“
„Ich bezahle kleinere Beträge bar, größere mit Karte.“
Foto: picture alliance / Boris RoessleAm 30. April scheidet Carl-Ludwig Thiele nach achtjähriger Amtszeit aus dem Vorstand der Bundesbank aus. Offiziell verabschiedet wird er am Freitag – auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz wird unter den Gästen sein. Im Interview mit dem Handelsblatt zieht Thiele Bilanz und blickt in die Zukunft.
Herr Thiele, Sie waren acht Jahre lang im Bundesbank-Vorstand. Was haben Sie in der Zeit erreicht?
Ich bin unter anderem für Zahlungsverkehr, Abwicklungssysteme und Bargeld zuständig. Diese Bereiche haben eine klare Struktur erhalten und sind öffentlicher geworden. In meiner Amtszeit wurde mit Sepa das europaweit einheitliche Verfahren für den bargeldlosen Zahlungsverkehr in Deutschland eingeführt. Auch beim Thema Gold ist die Bundesbank transparenter geworden. Was die Bundesbank macht, das soll die Öffentlichkeit ruhig wissen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
In der Euro-Krise waren 2013 die Banken auf Zypern für einige Tage geschlossen. Als sie wieder öffnen sollten, haben viele einen Sturm auf die Institute befürchtet. Daher hat die Bundesbank auf Bitten der EZB geholfen, Banknoten für Zypern bereitzustellen, die dann mit dem Flugzeug nach Zypern transportiert wurden. Ich habe mich damals dafür ausgesprochen, das öffentlich zu machen, da zu erwarten war, dass über den Transport berichtet wird.
Warum?
Es kursierten ja schnell Fotos davon. Wenn wir versucht hätten, das zu verheimlichen, hätte die Schlagzeile gedroht: Deutscher Euro rettet Zypern. Bei diesem Geld handelte es sich um Reserven der EZB, und so haben wir es öffentlich auch dargestellt. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gab es aber auch den umgekehrten Fall, da mussten wir auf Geheimhaltung achten.
Nach der Lehman-Pleite, als Finanzminister Steinbrück und Kanzlerin Merkel betonten, die Spareinlagen sind sicher?
Genau. Wir als Bundesbank wissen, wie viel Bargeld jeden Tag nachgefragt wird. Unser Bestand deckt die üblichen Nachfragevolumina recht großzügig ab. Wenn die Menschen aber plötzlich viel mehr Bargeld abheben, hält der Bestand nicht so lange. Bevor Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück vor die Presse traten, gab es tatsächlich sehr viel mehr und höhere Abhebungen als üblich, so dass uns sogar kurzfristig andere Notenbanken im Euro-System mit Banknoten aushelfen mussten.
Weltweit steigt nach wie vor die Nachfrage nach Bargeld – trotz der Zuwächse elektronischer Bezahlformen. Warum?
Bargeld wird vor allem zur Wertaufbewahrung genutzt – insbesondere in Gebieten mit hoher Inflation oder politischer Unsicherheit. Wir schätzen, dass sich etwa die Hälfte der von der Bundesbank ausgegebenen Euro-Banknoten außerhalb des Euro-Raums befindet. Nur etwa zehn Prozent der Scheine werden in Deutschland zum Bezahlen im Handel genutzt.
Liegt das nicht auch an den aktuellen Negativzinsen?
Die haben natürlich einen gewissen Einfluss, die inländische Hortung hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Aktuell haben die deutschen Kreditinstitute ihre Kassenbestände auf knapp 30 Milliarden Euro fast verdoppelt. Gemessen an den gut 1 100 Milliarden Euro ausgegebenen Banknoten ist die Summe aber überschaubar. Was andere institutionelle Anleger an Bargeldreserven halten, wissen wir nicht. Ich gehe aber davon aus, dass diese Bestände sinken werden, wenn die Zinsen steigen.
Die Deutschen gelten als besondere Bargeldliebhaber. Woran liegt das?
Wir wissen jetzt offiziell, dass das gar nicht stimmt. Nach einer Studie der Europäischen Zentralbank vom November 2017 liegen die Deutschen beim Anteil der Bartransaktionen europaweit nur im Mittelfeld, hinter Österreich und vielen südeuropäischen Ländern.
Kritiker werfen der Bundesbank vor, den unbaren Zahlungsverkehr stärker zu fördern als das Bargeld.
Der Gesetzgeber hat der Bundesbank den Sorgeauftrag für den baren und unbaren Zahlungsverkehr übertragen. Ob die Menschen bar oder lieber unbar zahlen möchten, beeinflussen wir nicht. Wir stellen das bereit, was nachgefragt wird. Es handelt sich schließlich um das Geld der Bürgerinnen und Bürger.
Beim Bargeld tut sich aber vergleichsweise wenig.
Auch in der Bargeldversorgung gibt es Neuerungen, wie zum Beispiel die Möglichkeit, beim Einkaufen im Supermarkt Bargeld abzuheben. Im unbaren Zahlungsverkehr gibt es aber mehr technische Veränderungen wie die Sepa-Überweisungen, das Zahlen per Smartphone oder jetzt Instant Payments. Letzteres ist aber auch eine Reaktion auf die Digitalisierung. Denn neue Einkaufssituationen bedürfen oftmals auch neuer Bezahlmethoden.
Für diese Überweisungen in Echtzeit gibt es seit vergangenem November einen europaweit einheitlichen Standard. Aber bisher bietet nur die Hypo-Vereinsbank das an. Das Interesse scheint sich ja in Grenzen zu halten.
Eine solche Neuerung muss zunächst eingerichtet werden und erfordert Investitionen. Die HVB als Tochter einer italienischen Bank war hierzulande der erste Anbieter. Die Sparkassen wollen Mitte des Jahres mit einer App-basierten Lösung auf den Markt kommen, und danach werden andere sicher schnell folgen.
Gibt es denn überhaupt eine Nachfrage für Echtzeitüberweisungen?
Davon bin ich überzeugt, denn in einer Echtzeitwelt erwarten die Verbraucher auch Echtzeitzahlungen. Solche Verfahren laufen bereits in Dänemark und Schweden. Sie werden App-basiert zumeist per Smartphone genutzt und sind sehr beliebt. Für die Wirtschaft bedeutet die Beschleunigung des Zahlungsverkehrs ein einfacheres Liquiditätsmanagement und eine Verminderung von Risiken. Für den Handel vor Ort und im Onlinegeschäft können sich neue Zahlmethoden entwickeln. Dies führt zu mehr Wettbewerb zwischen baren und bargeldlosen Zahlungsverfahren – wie Karten und anderen Onlinezahlverfahren. Insgesamt erwarte ich, dass Echtzeitüberweisungen die Basis für weitere Innovationen rund um das Bezahlen legen.
Schon heute kann man teilweise per Smartphone oder kontaktlos bezahlen. Machen Sie selbst das eigentlich auch?
Ich probiere viele Apps aus. Kontaktlos aber zahle ich eher selten. Ich bezahle kleinere Beträge bar, größere mit Karte.
Und im Internet? Haben Sie schon Paydirekt, den Onlinezahldienst der Banken, ausprobiert?
Ich persönlich kaufe kaum im Internet ein. Insgesamt aber nimmt der E-Commerce zu. Hier hat Paypal eine hohe Verbreitung, und die deutsche Kreditwirtschaft versucht, ein eigenes Verfahren zu etablieren. Aber auch die Internetgiganten Google, Apple, Facebook, Amazon oder Alibaba und Tencent haben schon erste Schritte im europäischen Zahlungsverkehr gemacht.
Im Internet gibt es die Tendenz zu Monopolen. Besteht auch im Zahlungsverkehr die Gefahr, dass irgendwann ein Anbieter den Markt dominiert?
Das sollte vermieden werden. In der Tat besteht eine Tendenz bei den Gafa (Google, Amazon, Facebook, Apple), die von Timothy Gordon Ash als „private Supermächte“ bezeichnet werden, ihre Plattformen so auszubauen, dass alle Services inklusive den Bezahldiensten aus ihren Häusern kommen. Dies ist eine Herausforderung für die Wettbewerbsbehörden.
In Apple-Geräten ist die Schnittstelle für kontaktloses Bezahlen nur für Apple Pay freigegeben und nicht für andere Bezahlverfahren.
Ich halte es beispielsweise für nicht akzeptabel, wenn manche Anbieter von Smartphones ihre Schnittstellen nicht für andere Anbieter öffnen. Dies gilt ebenso für die Hersteller von Sprachassistenten. Hier wird von großen Online-Plattformen der Wettbewerb im Markt für Zahlungsdienste behindert.
Apple Pay ist bislang in Deutschland noch nicht verfügbar. Warum machen Sie sich Sorgen?
Der relevante Markt im Zahlungsverkehr wächst durch die Digitalisierung weltweit zusammen. Er ist nicht mehr national abgrenzbar, sondern global ausgerichtet. Außerhalb Deutschlands agieren Weltfirmen mit enormen Finanzmöglichkeiten, die auch in Deutschland tätig werden könnten. Das könnte die Struktur komplett verändern. Daher mein Appell an die Kreditwirtschaft: Wir müssen vorne mitspielen.
Noch gibt es im Zahlungsverkehr Wettbewerb.
Deutschland ist für Anbieter von Zahlungsdiensten ein attraktiver Markt. Die Frage ist aber auch, auf welche Struktur potenzielle Anbieter stoßen. Nehmen Sie etwa die Internetbezahlverfahren. Wenn Paypal dort schon einen Marktanteil von 60 Prozent hat, ist es schwer, zu Veränderungen zu kommen. Beim mobilen Bezahlen ist das Rennen noch offen.
Sie scheiden Ende April aus dem Vorstand der Bundesbank aus. Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach?
Ich bin als Abgeordneter des Deutschen Bundestages 20 Jahre lang von Osnabrück nach Bonn und Berlin und dann als Vorstand der Bundesbank acht Jahre nach Frankfurt gependelt. Da freue ich mich jetzt vor allem darauf, mehr Zeit mit meiner Frau und meiner Familie in Osnabrück zu verbringen.
Herr Thiele, vielen Dank für das Interview.