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Im Sog der KrisenInvestor wettet im großen Stil auf einen Verfall der türkischen Lira

Die Lira droht erneut in einen Abwärtssog gezogen zu werden. Das hätte weitreichende Folgen, vor allem für die Regierung von Präsident Erdoğan.Ozan Demircan 17.02.2020 - 08:49 Uhr

Investoren rechnen mit einer weiteren Abwertung der Lira.

Foto: Reuters

Istanbul. Es schien nach Plan abzulaufen. Die türkische Lira hatte in der vergangenen Woche gerade den Wechselkurs von sechs Lira pro Dollar unterschritten, als türkische Finanzbehörden wenige Minuten danach eine große Devisenorder registrierten. Ein anonymer Investor wettete darauf, dass die türkische Währung weiter fallen würde – und setzte dafür 500 Millionen Dollar ein. Wenige Stunden später ging eine ähnliche Order ein: mit einem Volumen von 250 Millionen Dollar, wie Daten der Behörde DTCC zeigen.

Diese Käufe könnten ein Indiz dafür sein, dass Investoren mit einem schlechten Jahr für die türkische Lira rechnen. Die Währung hatte sich erst vor Kurzem von einer Schwächephase erholt. Jetzt droht sie erneut in einen Abwärtssog gezogen zu werden. In den vergangenen drei Monaten hat die Währung gegenüber dem Greenback bereits 5,5 Prozent verloren, in den vergangenen zwölf Monaten knapp 15 Prozent. Aktuell werden für einen Dollar 6,05 Lira gezahlt.

Rutscht die Lira weiter ab, hätte das weitreichende Folgen. Vor allem für die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan: Die Inflation könnte wieder anziehen und den Frust der Bürger erhöhen. Unternehmen, die auf Importe angewiesen sind, müssten deutlich mehr für ihre Einfuhren bezahlen. Für solche Fehlentwicklungen machen viele Türkinnen und Türken zuerst die Regierung verantwortlich. Sie könnten Erdoğan schließlich das Vertrauen entziehen.

Die Administration in Ankara müsste demnach Gewehr bei Fuß stehen. Doch derzeit betreiben Erdoğans Minister vor allem Augenwischerei. 

Finanzminister Berat Albayrak ließ sich jüngst mit äußerst positiven Aussagen zur Wirtschaft zitieren. Die Inflation sei eingedämmt, die Entwicklungen positiv. „Wir ernten nun die Früchte unserer Arbeit.“ Handelsministerin Ruhsan Pekcan erklärte, die vergangenen Monate seien aus Sicht der Exportunternehmen des Landes die besten der vergangenen Jahre gewesen.

Viele Menschen im Land haben einen anderen Blick auf die Dinge. Die Inflation ging zuletzt zurück, ja, doch die Preise steigen immer noch im Schnitt um mehr als zehn Prozent pro Jahr. Die Arbeitslosigkeit sinkt, ist aber gerade unter jungen Leuten immer noch sehr hoch.

Verzweiflungstaten von Vätern

Anfang Februar zündete sich ein Familienvater vor dem Rathaus einer Provinzstadt an. Kurz bevor er sich umzubringen versuchte, schrie er: „Meine Kinder leiden Hunger, ich kann sie nicht ernähren!“

Einen Tag später kam es vor dem Parlamentsgelände in Ankara zu einem ähnlichen Vorfall. Medienberichten zufolge haben beide Männer überlebt. Trotzdem sind die Verzweiflungstaten der beiden Väter ein Zeichen, dass sich die Lage noch lange nicht beruhigt hat.

Die Gründe dafür finden sich im In- und Ausland. Die Ausbreitung des Coronavirus lähmt derzeit die gesamte Weltwirtschaft. Schwellenländer wie die Türkei sind davon besonders betroffen. Die Lira hatte auch in der Vergangenheit sensibel auf globale Krisen reagiert, etwa während des US-chinesischen Handelskrieges oder immer wenn die Lage im Nachbarland Syrien eskalierte. 

Die Regierung versucht regelmäßig gegenzusteuern. Staatliche Banken hatten noch am selben Tag der jüngsten Lira-Abwertung fast vier Milliarden Dollar am Devisenmarkt verkauft, um dem Wechselkursverlust ein Gegengewicht entgegenzustellen. Es hatte nichts genützt: Die Lira verlor an dem Tag so stark wie seit Monaten nicht mehr.

Hinzu kommen, wie häufig in der Türkei, hausgemachte Probleme. Zuletzt zählte dazu eine ungewöhnliche Maßnahme des Finanzministeriums: Dieses hatte scharfe Regeln für heimische Banken erlassen. Sie müssen per Dekret die Gebühren für Kredite senken.

So will die Regierung in Ankara die Anreize für Bürger und Unternehmen erhöhen, auf Pump einzukaufen beziehungsweise kreditfinanzierte Investitionen hochzufahren. Die Vorstandschefs der Banken sind dagegen und berieten noch am selben Tag darüber, in welcher Form sie offiziell Protest einlegen sollten. 

Umstrittene Umweltsteuer

Auch eine eigentlich positive Maßnahme der Regierung könnte die Inflation für Konsumenten weiter anheizen. Denn für Plastiktüten und für Batterien sowie einige Elektrogeräte müssen Verbraucher neuerdings eine Umweltsteuer bezahlen.

Doch der Aufwand der Unternehmen, diese Steuer bar an den Fiskus zu überweisen, ist ziemlich hoch. Den Preis dafür leiten viele Verkäufer an die Kunden weiter. „Die Sondersteuer treibt die Inflation an“, sagt Yüksel Erdoğan, Geschäftsführer eines Lebensmittelgroßhändlers. Mahmut Duruk, Vorstandschef des Saftherstellers Aroma, rechnet wegen der Umweltschutzmaßnahme mit bis zu zehn Prozent höheren Preisen für seine Produkte.

Analysten sehen die ständigen Interventionen kritisch. „Je häufiger die Regierung eingreift, desto größer werden letztlich die Risiken einer plötzlichen Abwertung“, zitiert Bloomberg den Analysten Jason Tuvey von Capital Economics in London.

Er glaubt, dass die Lira in diesem Jahr bis zu 20 Prozent an Wert verlieren könnte. Seltsam der Grund, den er angibt: Seiner Meinung nach liegt das daran, dass die Lira zuletzt so stark zugelegt hat. Das habe die Exporte verteuert und die Außenhandelsbilanz des Landes verschlechtert. Dieser Effekt schlage dann wieder auf den Wechselkurs durch.

Ob die Leitzinssenkungen von insgesamt 12,5 Prozentpunkten seit Sommer 2019 ein Fehler waren oder nicht, müsste seiner Theorie zufolge neu interpretiert werden. Einerseits haben die Zinssenkungen die Lira geschwächt und damit Investoren abgeschreckt. Andererseits war die Lira trotz der Senkungen immer noch zu stark, um das Außenhandelsdefizit auszugleichen.

Weitere Senkung der Leitzinsen

Am 19. Februar entscheidet die Zentralbank erneut über die Leitzinsen. Der Ökonom Ali Agaoglu rechnet mit einer Zinssenkung von bis zu einem Prozentpunkt von derzeit 11,25 Prozent. „Die Wirtschaft erwartet das“, argumentiert er. Hakan Güldag, Geschäftsführer der Wirtschaftszeitung „Dünya“, glaubt hingegen, dass die Zentralbank die Zinsen maximal um 0,25 Prozentpunkte senkt oder sogar beibehält. „Die Banken befinden sich schon jetzt in einem Preiswettbewerb, den die Zentralbank nicht noch befeuern sollte“, erklärt er seine Sicht.

Weil die Preissteigerungen zuletzt schwächer geworden waren und weil Erdoğan die Wirtschaft ankurbeln möchte, dürfen Anleger, Unternehmer und Touristen eher mit einer weiteren Zinssenkung rechnen. Diese würde den Wert der Lira weiter verwässern. Gut für Urlauber aus dem Euro-Raum, schlecht für die meisten Türkinnen und Türken im Land.

Wann die Lira sich stabilisiert, entscheidet damit mal wieder auch die Politik. Analysten wie Piotr Matys von der Rabobank sehen die Lira derzeit an der kritischen Schwelle von sechs Lira pro Dollar. „Wenn die Lira dauerhaft unterhalb dieser Schwelle gehandelt wird, könnte der Wechselkurs schnell unter das jüngste Tief von 6,24 Lira pro Dollar fallen“, meint er.

Analysten der türkischen Investmentfirma Oyak halten dagegen. Die Ausbreitung des Coronavirus habe sich verlangsamt, führen sie an. Die Industrieproduktion im Land sei zuletzt überdurchschnittlich gestiegen. Dies seien positive Impulse. Davon kann letztlich auch die Lira profitieren.

Der anonyme Investor hat übrigens darauf gewettet, dass die Lira bis zum 7. August auf einen Wert zwischen 6,5 und 7,3 Lira pro Dollar fallen wird. In dem Fall würde der unbekannte Anleger eine ordentliche Rendite einstreichen. Zum Vergleich: Während der Währungskrise im August 2018 mussten kurzzeitig für einen Dollar maximal 7,1499 Lira gezahlt werden.

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