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Militärausgaben Erdogan sorgt für ein Wettrüsten im Mittelmeer

Raketen, Kampfflugzeuge und Fregatten: Der Streit um die Hoheitsrechte und Bodenschätze im östlichen Mittelmeer eskaliert – Griechenland und die Türkei rüsten gegeneinander auf.
16.02.2020 - 08:38 Uhr Kommentieren
Der türkische Präsident will die heimische Rüstungsindustrie ausbauen. Quelle: Anadolu Agency/Getty Images
Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident will die heimische Rüstungsindustrie ausbauen.

(Foto: Anadolu Agency/Getty Images)

Athen Sie kamen mit Landungsbooten und Kampfhubraubern. Schwer bewaffnete Kommandos stürmten am vergangenen Freitag die Strände der griechischen Ägäisinsel Skyros. Es galt, das von einer feindlichen Macht besetzte Eiland zurückzuerobern. Das gelang den Soldaten Griechenlands, Frankreichs und der USA dann auch mit vereinten Kräften.

Es war allerdings nur eine Übung. „Alexander der Große 2020“ hieß das Manöver. Wer der Besatzer war, den es von Skyros zu vertreiben galt, wurde im Szenario des Kriegsspiels nicht klar gesagt. Aber die meisten Griechen glauben, dass für die Eroberung einer ihrer Ägäisinseln eigentlich nur einer infrage kommt: die benachbarte Türkei.

Selten muss den Griechen dieses Szenario realitätsnäher erschienen sein als jetzt. Der Streit um die Hoheitsrechte und Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer eskaliert. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beansprucht Bodenschätze in Seegebieten, die nach den Regeln der Uno-Seerechtskonvention zu Griechenland und Zypern gehören.

Eskortiert von Einheiten der türkischen Kriegsmarine, ist jetzt das Forschungsschiff „Oruc Reis“ in den umstrittenen Gewässern unterwegs, auf der Suche nach Erdgas. Erdogan kündigte bereits weitere Explorationen vor der griechischen Insel Kreta an.

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    Laut einer Umfrage des Instituts Metron Analysis vom Januar fürchten zwei von drei Griechen, dass es zu einem militärischen Konflikt mit der Türkei kommen könnte. Keine ganz unberechtigte Sorge: Schließlich bekräftigt der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu, die Türkei werde ihre Ansprüche notfalls „selbstverständlich“ mit militärischen Mitteln durchsetzen.

    Türkische Kampfjets fliegen über griechische Inseln

    Ankara demonstriert Kampfbereitschaft: Dutzende Male flogen türkische F-16-Jets diese Woche unangemeldet durch die griechische Flugverkehrskontrollzone (FIR) in der Ägäis. Am Mittwoch donnerten zwei türkische Kampfjets über die griechischen Inseln Inousses und Panagia.

    Dass er nicht nur droht, beweist Erdogan mit seinen Militäroperationen in Syrien und Libyen. Das Land rüstet derzeit massiv auf. Nach der Bestellung russischer Luftabwehrraketen liebäugelt Erdogan jetzt mit der Beschaffung russischer Kampfflugzeuge.

    Nachdem die USA wegen des Streits um die russischen Waffensysteme die geplante Lieferung von F-35-Tarnkappenjets an die Türkei storniert haben, sieht sich Erdogan in seinem Bestreben bestärkt, eine eigene Rüstungsindustrie aufzubauen. Das Land soll waffentechnisch autark werden, so die Vorgabe des Staatschefs.

    Auf der Luftfahrtschau in Le Bourget stellte der staatliche türkische Flugzeugbauer Turkish Aerospace im vergangenen Juni das Modell des geplanten Kampfflugzeugs TF-X vor. Nach Aussage des Konzernchefs soll es „das beste Jagdflugzeug in Europa“ werden. Wann die Maschine fliegen wird, ist allerdings unklar. Bei Triebwerken und Elektronik wäre die Türkei vorerst noch auf ausländische Zulieferer angewiesen.

    Auch bei der Marinetechnik muss Ankara bisher auf ausländisches Know-how zurückgreifen. Auf der Gölcük-Werft in der Nordwesttürkei gab Erdogan im Dezember den Startschuss zum Bau eines neuen U-Boots. Es ist das erste von sechs Booten der deutschen Klasse 214, die die Türkei aufgrund eines 2009 mit Thyssen-Krupp Marine Systems geschlossenen Vertrags baut. Zwischen 2022 und 2027 soll die türkische Marine jedes Jahr ein neues Boot in Dienst stellen. Die Flotte würde dadurch von jetzt zwölf auf 18 Einheiten wachsen.

    Türkei baut Kriegsmarine aus

    Seit 2005 baut die Türkei ihre Kriegsmarine zielstrebig aus. Bisher liefen acht Korvetten, vier Fregatten und zehn Landungsschiffe vom Stapel. Geplant ist der Bau von weiteren acht Fregatten zur Luftabwehr. 2021 will die Türkei ihren ersten leichten Flugzeugträger in Dienst stellen, die „TCG Anadolu“. Das Schiff ist seit 2018 auf der Sedef-Werft in Istanbul im Bau.

    Die türkische Rüstungsoffensive bringt Griechenland in Zugzwang. Traditionell gibt das Land wegen der Nachbarschaft zum „Erbfeind“ Türkei viel für die Verteidigung aus. Die hohen Militärausgaben waren eine der Ursachen für die Schuldenkrise des Landes. Im letzten Vorkrisenjahr 2009 erreichten der Militäretat mit 9,1 Milliarden Dollar einen neuen Rekordwert.

    Unter dem Druck der internationalen Geldgeber musste Athen zwar die Rüstungsausgaben danach drastisch beschneiden. Sie gingen bis 2013 fast um die Hälfte auf 4,65 Milliarden Dollar zurück. Seitdem steigen sie aber wieder und erreichten 2018 5,23 Milliarden Dollar. Für 2019 liegen noch keine abschließenden Zahlen vor, aber die Aufwendungen dürften absolut weiter gestiegen sein.

    Im Verhältnis zur Wirtschaftskraft hat Griechenland in der Nato mit 2,4 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) die höchsten Militärausgaben nach den USA, die auf 3,1 Prozent des BIP kommen.

    Trotz des großen Aufwands ist Griechenland der Türkei, die über die zweitgrößte Armee der Nato verfügt, weit unterlegen. Das Land hat nur etwa halb so viele Kampfpanzer, Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge und Artilleriegeschütze wie die Türkei. Umso größer ist nun der Druck nachzurüsten. In diesen Wochen beginnt Griechenland mit der Modernisierung seiner angejahrten Flotte von 84 amerikanischen F-16-Kampfjets.

    Militärausgaben belasten Staatshaushalte

    Die Kosten des Programms, das bis Mitte 2027 abgeschlossen sein soll, belaufen sich auf 997 Millionen Dollar. Athen prüft auch die Beschaffung von Tarnkappen-Kampfflugzeugen des Typs F-35. Die Flugzeuge könnten den Griechen die Lufthoheit über der Ägäis sichern. Der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas bestätigte die Überlegungen zur Beschaffung von F-35, „unter der Bedingung, dass dies finanziell möglich ist“ – ein großes Fragezeichen, denn eine F-35 kostet mindestens 90 Millionen Dollar, nicht gerechnet Bewaffnung, Training, technische Infrastruktur und Ersatzteile.

    Mit Frankreich hat Griechenland Vorverträge über die Lieferung von zwei Fregatten des Typs Belharra unterschrieben. Die Beschaffung dürfte zwei bis 2,4 Milliarden Euro verschlingen – viel Geld für ein Land, das sich gerade erst von der schwersten Finanzkrise seiner jüngeren Geschichte und der längsten Rezession der Nachkriegszeit erholt. Ein neuer Rüstungswettlauf mit der Türkei könnte die gerade erst geschaffte Konsolidierung der Staatsfinanzen wieder gefährden.

    Angetrieben durch das aggressive Auftreten der Türkei im östlichen Mittelmeer, dreht sich jetzt die Rüstungsspirale immer schneller, auch auf Zypern. Im Norden der Insel stehen seit der türkischen Invasion von 1974 rund 35.000 Besatzungssoldaten. Ankara prüft dort nun den Bau eines Marinestützpunkts und die Stationierung von F-16 Kampfjets, wie die regierungsnahe türkische Zeitung „Yeni Safak“ schreibt.

    Die Regierung des international anerkannten Inselsüdens will nicht vollends ins Hintertreffen geraten und bestellte im Januar französische Mistral Boden-Luft-Raketen und Exocet-Raketen zur Abwehr feindlicher Schiffe. Für die Inselrepublik, die noch 2013 am Rand der Staatspleite stand, ist das ein großer finanzieller Kraftakt: Die Beschaffung der Raketen verschlingt mit 240 Millionen Euro mehr als die Hälfte des diesjährigen Verteidigungsbudgets.

    Mehr: Washington und Ankara liegen im Dauerclinch. Die Amerikaner umwerben deshalb Griechenland als Sicherheitspartner im östlichen Mittelmeer.

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