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Türkei und Zypern Gasstreit im Mittelmeer könnte zu militärischer Konfrontation führen

Die Anrainer des östlichen Mittelmeeres streiten um Öl- und Gasvorkommen. Der Konflikt um die Bodenschätze droht zu eskalieren, besonders zwischen der Türkei und Zypern.
20.01.2020 - 12:56 Uhr 1 Kommentar
Gas-Allianzen rivalisieren um Bodenschätze im Mittelmeer Quelle: AFP
Plattform des Gasfeldes Leviathan

Israel hat in diesem Monat mit der Förderung von Erdgas begonnen.

(Foto: AFP)

Athen Der Schatz liegt tief im Gestein, tausende Meter unter dem Meeresboden. Mehrere Billionen Kubikmeter Erdgas vermuten Forscher im Levantinischen Becken – jener Region des östlichen Mittelmeeres, die im Norden von der türkischen Küste, im Westen von Kreta, im Süden von Libyen und Ägypten und im Osten von Syrien, Libanon, Israel und dem Gazastreifen begrenzt wird. In der Mitte liegt Zypern.

Das Seegebiet ist ein Eldorado: Seit zehn Jahren entdecken Geologen hier immer neue Gaslagerstätten. Zuerst sind es „Tamar“ und „Leviathan“ in der Wirtschaftszone Israels, dann „Aphrodite“ und „Calypso“ südlich von Zypern. 2015 kommt „Zohr“ hinzu, ein riesiges Vorkommen in der Wirtschaftszone Ägyptens. Anfang 2019 meldet der Energiekonzern ExxonMobil einen weiteren Fund, das Gasfeld „Glafkos“, die bisher größte Lagerstätte vor Zypern.

Während Israel im „Leviathan“-Feld diesen Monat mit der Förderung begann, ist die Suche längst nicht zu Ende. Einige Experten vermuten im Levantinischen Becken inzwischen ein Drittel der globalen Gasvorkommen. Sie könnten nicht nur den Bedarf der Anrainerstaaten auf viele Jahrzehnte decken, sondern sie auch als Exporteure reich machen und zur Energieversorgung Westeuropas beitragen.

Um die Ausbeutung dieser Bodenschätze sind erbitterte Rivalitäten zwischen den Anrainerstaaten entbrannt. Der Gasstreit im östlichen Mittelmeer eskaliert. Er könnte sogar zu einer militärischen Konfrontation zwischen den historisch verfeindeten Nato-Partnern Griechenland und Türkei führen.

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    Zwei konkurrierende Energie-Allianzen haben sich im östlichen Mittelmeer herausgebildet: Die eine besteht aus Israel, Ägypten, Jordanien, der palästinensischen Autonomiebehörde, Zypern, Italien und Griechenland. Diese sieben Partner haben sich im „Gasforum Östliches Mittelmeer“ mit Sitz in Kairo zusammengeschlossen. Sie wollen vor allem bei der Vermarktung ihrer Gasvorkommen zusammenarbeiten. Jetzt will Frankreich als achtes Mitglied beitreten, die USA werden als ständiger Beobachter teilnehmen.

    Die Türkei ist nicht dabei, obwohl sie im levantinischen Becken die längste Küstenlinie aller Anrainer hat. Der Grund: Unter Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat sich das Land mit allen Nachbarn überworfen. Das Verhältnis der Türkei zu Israel und Ägypten ist schwer gestört, weil Erdogan die radikal-islamische Muslimbruderschaft und die Hamas unterstützt. Das EU-Land Zypern, dessen Norden die Türkei seit 1974 militärisch besetzt hält, erkennt Ankara völkerrechtlich gar nicht als Staat an.

    Aus türkischer Sicht hat die Inselrepublik überhaupt keine eigene Wirtschaftszone. Ankara reklamiert die Küstengewässer der Insel deshalb für sich. Zypern bezeichnete die Türkei deswegen am Wochenende als „Piratenstaat“.

    Auch mit Griechenland liegt die Türkei seit Jahrzehnten wegen des Streits um die Hoheits- und Wirtschaftszonen im Clinch. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu droht jetzt den Griechen sogar, die Türkei werde ihre Ansprüche „selbstverständlich“ mit militärischer Gewalt durchsetzen.

    Erdogan gegen Gaspipeline East-Med

    Erdogan versucht, Fakten zu schaffen: Ende November unterzeichnete er in Istanbul mit dem libyschen Regierungschef Fajis al-Sarradsch ein Abkommen über die „Abgrenzung der Einflussbereiche auf See“. Erdogan beansprucht damit nun Seegebiete um die griechischen Inseln Kreta, Karpathos, Rhodos und Kastelorizo, die nach den Regeln der Uno-Seerechtskonvention Griechenland als Wirtschaftszone zustehen.

    Und er versucht, ein ehrgeiziges Projekt zu durchkreuzen: Den Bau der Gaspipeline East-Med. Griechenland, Zypern und Israel haben das Vorhaben vergangenes Jahr angeschoben. Die Leitung soll Erdgas aus den Fördergebieten im östlichen Mittelmeer über Griechenland nach Italien bringen, wo es ins bestehende europäische Pipeline-Netz eingespeist werden könnte.

    Damit würde Westeuropa unabhängiger von russischem Erdgas. Die EU fördert deshalb die Planung der East-Med-Pipeline finanziell, die USA unterstützen das Vorhaben politisch. Der Haken: Die Leitung müsste durch die jetzt von der Türkei und Libyen beanspruchte Wirtschaftszone verlegt werden – was Erdogan nicht zulassen will.

    Der türkische Staatschef hat einen mächtigen Verbündeten: Kremlchef Wladimir Putin. Er sieht in East-Med ein unwillkommenes Konkurrenzprojekt zu der Pipeline Turkish Stream, die von diesem Jahr an russisches Gas quer durchs Schwarze Meer in die Westtürkei und von dort weiter nach Europa bringen soll. Putin und Erdogan ziehen an einem Strang: Russland will seine Dominanz auf dem europäischen Gasmarkt verteidigen, die Türkei ihre geostrategische Rolle als Gas-Transitland stärken.

    Was East-Med angeht, kämpfen Erdogan und Putin womöglich gegen Windmühlenflügel. Denn ob die Pipeline je gebaut wird, ist fraglich. Die technischen Herausforderungen sind wegen der Beschaffenheit des Meeresbodens und Wassertiefen von bis zu 3000 Meter gewaltig.

    Kairo setzt auf Flüssiggas

    Die Kosten werden auf sechs bis sieben Milliarden Euro geschätzt. Ob sich private Investoren finden, ist fraglich, denn die Wirtschaftlichkeit des Projekts ist umstritten. Sie hängt von der Entwicklung der Gaspreise und vom Gasbedarf in Europa in den nächsten zwei Jahrzehnten ab.

    Ägypten steht deshalb dem Pipelineprojekt kritisch gegenüber. In Kairo setzt man stattdessen auf den Export von verflüssigtem Erdgas (LNG). Damit könnte das Land sein Gas weltweit flexibel vermarkten. Ein Gesichtspunkt, der auch für die anderen Anrainer interessant sein könnte.

    Dort kommt die Energie-Rivalität der Vereinigten Staaten mit Russland ins Spiel. Die USA wollen mit eigenem Flüssiggas den Russen bei der Gasversorgung der Balkanländer Konkurrenz machen. Die Amerikaner setzen im östlichen Mittelmeer an. Griechenland ist die Rolle einer Drehscheibe zugedacht.

    Früher bezogen die Griechen ihr Erdgas zu fast 90 Prozent vom russischen Staatskonzern Gazprom. Es kam über Pipelines aus der Türkei und Bulgarien. Inzwischen deckt Griechenland fast 40 Prozent seines Bedarfs mit LNG, wobei Lieferungen aus den USA eine wachsende Rolle spielen. Eine Schlüsselrolle in den Plänen der Amerikaner spielt der nordgriechische Hafen Alexandroupolis, der jetzt zur Privatisierung ansteht. Das griechische Konsortium Gastrade plant dort den Bau eines LNG-Terminals.

    Das in Tankern angelieferte Gas soll von Alexandroupolis über eine Pipeline nach Bulgarien und in andere Balkanländer gepumpt werden, die heute noch fast völlig von Gazprom abhängig sind. Der Plan scheint zu überzeugen: Bulgarien kündigte vergangene Woche an, dass sich die staatliche Bulgartransgaz mit 20 Prozent am Gastrade-Konsortium beteiligt. Rumänien signalisiert ebenfalls Interesse.

    Mit von der Partie sind auch griechische Schiffseigner. Die Reederei Gaslog hält ein Fünftel an Gastrade. Gaslog-Eigner Peter Livanos investierte als erster griechischer Reeder massiv in Gastanker. Mit 39 Schiffen verfügt er heute über eine der weltweit größten LNG-Flotten. Auch andere griechische Reeder wie Vangelis Marinakis, John Angelicoussis und George Economou setzen auf LNG.

    Rund die Hälfte der in den vergangenen beiden Jahren bei den Werften neu bestellten Gas-Tanker wird auf Rechnung griechischer Reeder gebaut. Sie haben mit ihrer Flotte einen ständig wachsenden Anteil an den weltweiten amerikanischen Flüssiggas-Exporten.

    Damit bildet sich nun zwischen den USA und Griechenland eine dritte Gas-Allianz heraus. Sie agiert nicht nur im Mittelmeer, sondern global. Dieser wachsenden Marktmacht der Griechen haben bisher weder die Türkei noch Russland etwas entgegenzusetzen.

    Mehr: Gegenüber Merkel hat Griechenlands Premier Mitsotakis beklagt, in Berlin nicht am Tisch sitzen zu dürfen. Athen droht mit Blockade von EU-Beschlüssen.

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    1 Kommentar zu "Türkei und Zypern: Gasstreit im Mittelmeer könnte zu militärischer Konfrontation führen"

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    • Wieso werden in solchen Angelegenheit nicht Schiedsgerichte angerufen?

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