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GastkommentarAbhängigkeit von China: Diversifizierung ist kein Allheilmittel

Um weniger stark auf Chinas Rohstoffe und Vorprodukte angewiesen zu sein, diversifiziert Deutschland seine Bezugsquellen. Doch diese Strategie hat Tücken, warnt Hanns W. Maull. 06.03.2023 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Maull ist Senior Associate Fellow am Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin.

Foto: mauritius images, Privat (M)

Der BDI hat kürzlich mit Blick auf die Rohstoffstrategie der Bundesregierung gefordert, Deutschland und Europa müssten sich „diversifizieren und unabhängiger aufstellen“. Der Grund für diese Forderung ist auch in China zu vermuten: 2022 importierte Deutschland fast 70 Prozent der seltenen Erden, die in der IT-Industrie und im Energiesektor unverzichtbar sind, aus der Volksrepublik China. Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts bezieht zudem fast die Hälfte aller deutschen Industrieunternehmen Vorprodukte aus China, in der Automobilindustrie sind es über drei Viertel.

80 Prozent der Unternehmen wollen einer Umfrage zufolge ihre Bezugsquellen diversifizieren, um die Abhängigkeit von China zu verringern. Auch auf EU-Ebene, im Bund sowie in den Unternehmen wird vor allem auf Diversifizierung als Allheilmittel geschaut – doch diese hat bei genauem Hinschauen erhebliche Tücken.

Diversifizierung ist teuer und höchstens in akuten Krisen sinnvoll

Nicht jede Abhängigkeit macht verwundbar. Deutschland ist bei der Versorgung mit Vanilleschoten von Madagaskar abhängig – aber ein völliger Ausfall dieser Einfuhren wäre gesamtwirtschaftlich bedeutungslos. Verwundbarkeit durch Abhängigkeit ist gegeben, wenn zum Beispiel durch Lieferausfälle die Grundversorgung gefährdet wird, gesamtwirtschaftlicher Schaden droht oder Betriebe nur unter erheblichen Kosten Ausfälle abpuffern können.

Der begriffliche Unterschied zwischen Abhängigkeit und Verwundbarkeit wird in der laufenden Debatte um die Bewältigung geopolitischer und -wirtschaftlicher Risiken oft ignoriert – und das erschwert die Entwicklung wirksamer Gegenmaßnahmen.

Als geopolitische Strategie für wirtschaftliche Sicherheit ist Diversifizierung kostspielig und höchstens im Angesicht akuter Krisen sinnvoll. Denn die hohen Kosten, die in der Regel Unternehmen, Verbraucher und Steuerzahler tragen müssen, bleiben oft erhalten, wenn die Krise längst vorbei ist.

Ein Beispiel dafür ist die europäische Agrarpolitik: Nach dem Zweiten Weltkrieg stand dabei die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung im Mittelpunkt. Heute sind Lebensmittel in der EU nicht mehr knapp, aber die Agrarpolitik bleibt – als protektionistisches und teures Subventionsprojekt, bei dem mächtige Interessengruppen mitspielen.

Zu diversifizieren dauert zudem seine Zeit, und die fehlt oft: Es wird Jahre dauern, die jüngst entdeckten Vorkommen seltener Erden in Schweden zu erschließen, doch Deutschlands Abhängigkeit von China und die partielle Verwundbarkeit sind jetzt akut.

Bei drohenden Engpässen helfen alternative Produkte, Wiederverwertung und sparsame Nutzung

Dennoch spielt Diversifizierung eine zentrale Rolle bei den EU-Bemühungen um Risikomanagement. Im jüngsten Dokument der Kommission zum Thema taucht der Begriff gleich 28-mal auf.

Mit dem Begriff der „strategischen Abhängigkeit“ führte die EU zudem eine wenig präzise Kategorie ein, die neben der wirtschaftlichen sogar die nationale Sicherheitspolitik einschließt.

Deutschland versucht sich aus der Abhängigkeit von China zu lösen.

Foto: dpa

Aus deren Perspektive mag zum Beispiel die europäische Weltraumindustrie bedeutsam sein. Deren Abhängigkeit von Rohstoffen und Vorprodukten erfüllt aber nicht die skizzierten Kriterien für Verwundbarkeit und sollte nicht im Kontext wirtschaftlicher Sicherheitspolitik betrachtet werden.

Wie Wirtschaftsakteure in geopolitisch ausgelösten Versorgungskrisen reagieren, lässt sich nur schwer präzise voraussagen, aber Regierungen und Unternehmen können ihre Krisenfestigkeit vorbeugend verbessern. Wer Verwundbarkeiten verringern will, muss neben der Angebots- auch die Nachfrageseite optimieren.

Mehrere, auch aus ökologischer Sicht nachhaltige Ansätze können hilfreich sein. Dazu gehört, bei drohenden Engpässen auf alternative Produkte zu setzen, die Wiederverwertung zu stärken und kritische Rohstoffe und Vorprodukte sparsamer zu verwenden.

Der Schlüssel ist Flexibilität. Potenzial, diese zu steigern, gibt es auf allen Stufen der Produktion. Das braucht aber Zeit – die in der Regel fehlt, wenn eine geopolitische Krise vor der Tür steht.

Staatliche Vorräte können vor geopolitischen Risiken schützen

Hier kommt das Thema Vorratshaltung ins Spiel, denn sie schafft Freiraum für Anpassungen. Staatlich organisierte strategische Vorratshaltung kann Schutz vor geopolitischen Risiken bieten.

Das Krisenöl-Verteilungssystem der Internationalen Energieagentur könnte als Vorbild für eine internationale Koordinierung dienen. Es schreibt vor, wie viel Vorräte Mitgliedstaaten anlegen müssen und wie sie im Fall einer Erdöl-Versorgungskrise die inländische Nachfrage senken. Kommt es dennoch zu Verknappungen, werden die verfügbaren Mengen zugunsten der am schwersten betroffenen Länder umverteilt.

Abhängigkeit genau definieren, Diversifizierung ergänzen durch ressourcensparendes, nachhaltiges Wirtschaften und das strategische Anlegen von Vorräten: Die Herausforderungen der Zeitenwende brauchen einen differenzierten Ansatz.

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Hanns W. Maull ist Senior Associate Fellow am Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin.

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