Gastkommentar: Trotz Wirtschaftsflaute: Karriereaussichten bleiben 2025 gut
Es wird Zeit für eine positive Erzählung in Sachen Karriere und Arbeitsmarkt. Aktuell erreichen uns von überall Hiobsbotschaften. Die Wirtschaft scheint nicht zu wachsen. Im März korrigierte das Ifo-Institut seine Wachstumsprognose auf magere 0,2 Prozent nach unten.
Die Volatilität der globalen Handelspolitik sorgt für erhebliche Unsicherheit. Stellenabbau großer Unternehmen ist in aller Munde. Das Gründungsinteresse befindet sich auf einem Tiefststand. Das Frühjahr 2025 brachte kaum Belebung für den Arbeitsmarkt. Immer mehr Akteure schlagen Alarm.
Das alles sind Fakten. Und trotzdem gibt es drei gute Gründe, warum 2025 ein Jahr des Aufbruchs werden kann.
Es ist schlicht beides wahr. Es gibt eine Wirtschaftskrise. Und es gibt Personalbedarf. Die Zahl der offenen Stellen laut IAB-Stellenerhebung bewegt sich auf dem Niveau der Jahre 2018 und 2019 und liegt damit höher als in den vergangenen Jahren.
Die Erwerbslosigkeit ist historisch gesehen niedrig. Stellen zu besetzen, ist nicht einfach. Die Vakanzzeit ist laut Bundesagentur für Arbeit im Januar 2025 auf durchschnittlich 169 Tage gestiegen. Das ist ein neuer Rekord.
Es herrscht massiver Personalmangel in Schlüsselbereichen. Unternehmensnachfolger und Führungskräfte fehlen ebenso wie Ärzte, Lehrer, Handwerker, Softwareentwickler und viele mehr.
Trotz Krise halten Unternehmen stärker an ihren Mitarbeitenden fest als 2022, dem Jahr mit der größten Arbeitskräftenachfrage überhaupt. Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist nicht zwingend gestiegen. Der Wert qualifizierter Arbeit ist hoch. Zeit, ihn in die Waagschale zu legen.
78 Millionen zusätzliche Jobs bis 2030
Denn dieser Wert wird weiter wachsen. Damit das Finanzpaket für Verteidigung und Infrastruktur wirkt, braucht es Personal. Brücken bauen sich nicht von allein. Zieht die Konjunktur wie erhofft an, können sich die Effekte verstärken.
Schon vorher galt, dass sich die Mega-Trends Technologie, Nachhaltigkeit und Demografie immer stärker konkretisieren. Das World Economic Forum prognostiziert bis 2030 ein weltweites Netto-Wachstum von 78 Millionen Jobs.
Hierzu zählt eine breite Palette an Jobfamilien. Technologie-Jobs ebenso wie solche in Vertrieb und Verkauf oder im zwischenmenschlichen Bereich wie zum Beispiel der Gesundheitsbranche.
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales geht in seiner Mittelfristprognose bis 2028 bereits davon aus, dass sich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmenden weiter verbessern wird. Natürlich gilt das nicht für alle in gleichem Maß. Aber eines wird deutlich: Es wird mehr und immer neue Chancen geben.
Ein wichtiger Grund für den Fachkräftemangel in der Krise ist ein Mismatch: Die Unternehmen finden nicht die Menschen mit den Fähigkeiten, die sie für die Transformation dringend benötigen. Deshalb ist es wirtschaftlich gesehen ein Problem, dass sich die Personalfluktuation verringert hat.
Erst im Dezember letzten Jahres forderte MIT-Ökonom Simon Jäger im Handelsblatt, „dass die Menschen auch wirklich in den richtigen, also den produktiveren Arbeitsverhältnissen arbeiten.“ Und er bemängelte zu wenig Mut zur Veränderung. Dabei wird genau dieser Mut belohnt. Unternehmen stellen zunehmend nach konkreten Fähigkeiten ein.
Firmen suchen gezielt bestimmte Fähigkeiten
Vorreiter gibt es bereits. Der IT-Dienstleister Atruvia hat es zu einem Kernprozess des Unternehmens gemacht, die vorhandenen Fähigkeiten der Mitarbeitenden zu erheben. Somit können Qualifikationslücken zielgerichtet geschlossen werden.
Die Deutsche Bahn prognostiziert mit einem HR-Zukunftslab künftige Veränderungen in Berufen. Mit Qualifikationsprofilen wird heute bereits ersichtlich, welche Fähigkeiten perspektivisch aufgebaut werden müssen. Entsprechend können Recruiting oder Personalentwicklung frühzeitig aktiv werden.
Bosch gleicht mithilfe von KI in der internen Vermittlung Qualifikationsprofile mit offenen Positionen ab. Die auf Fähigkeiten optimierte Suche soll zügig auch für externe Kandidatinnen und Kandidaten zum Einsatz kommen.
Aus Beschäftigtenperspektive ist der Fokus auf benötigten Fähigkeiten ein Segen. Denn somit bieten sich Bewerbern nicht nur mehr Chancen. Es wird auch einfacher, die eigenen Fähigkeiten möglichst gewinnbringend einzusetzen. Das führt zu höherer Zufriedenheit, mehr Motivation, mehr Produktivität und damit auch zu besseren Karrierechancen.
Es klingt paradox. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht. Die Tonalität wird immer alarmierender. Und trotzdem zeigen Umfragedaten: Die Sorge vor Arbeitslosigkeit wächst nicht. Das ist gut so. Ja, vieles ist aktuell unsicher. Aber es gibt auch gute Gründe, optimistisch zu sein. Sprechen wir mehr darüber.
Der Autor:
Dr. Tobias Zimmermann ist Arbeitsmarktexperte und Forschungsleiter bei Stepstone.