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GastkommentarWarum Frauen ein Schutz gegen rechtsradikale Strömungen sein können

Viele Parteien unterschätzen Frauen als Zielgrupe, kritisiert Tijen Onaran. Dabei hätten diese im Kampf gegen antidemokratische Tendenzen sogar eine Schlüsselrolle. 03.03.2024 - 17:46 Uhr
Tijen Onaran ist Gründerin und CEO von Global Digital Women. Foto: IMAGO/Future Image, privat

Wichtige Wahlen stehen in diesem und im nächsten Jahr an – und die Parteien müssen sich die Frage stellen: Welche Zielgruppe erreiche ich mit welchen Inhalten. Doch die größte gesellschaftliche Gruppe wird häufig übersehen: Frauen. Dieses Potenzial nutzen die Parteien – vor allem die liberalen und konservativen – bislang viel zu wenig bis gar nicht. Sie schaffen es nicht, Frauen als Entscheidungsträgerinnen, Aufsteigerinnen, Gestalterinnen oder als Rückgrat dieses Landes in ihren unterschiedlichen Rollen anzusprechen oder gar für ihre Partei zu mobilisieren. Genau das wäre aber heute die entscheidende Aufgabe.

Wenn Anliegen von Frauen in der Wirtschaft thematisiert werden, geht es meist um Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Doppelbelastung von Frauen und das Pro und Contra einer Quote. Völlig zu kurz kommt die Erkenntnis: Frauen sind längst Leistungsträgerinnen unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Wer sich beispielsweise mit den Zahlen des Fachkräftemangels beschäftigt, wird schnell sehen: Die größte Chance, diesen zu lösen, liegt in der Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen. Allein 2022 arbeiteten fast 50 Prozent der Frauen in Teilzeit, und das, obwohl viele davon gerne mehr arbeiten möchten.

Wer also Wahlen gewinnen möchte, sollte dringend Vielfalt der Gesellschaft im Blick haben und Frauen in ihrer ganzen Mehrdimensionalität ansprechen: als aktive Wirtschaftsträgerinnen dieses Landes und vor allem als Zielgruppe, die konkrete Bedürfnisse hat, für die es politische Lösungen braucht. Frauen sind viel politischer, als Parteien es zu vermuten wagen. Sie werden nur nicht richtig angesprochen.

Gerade junge Frauen fühlen sich von Frauen als Vorbilder angesprochen. Viele Unternehmen haben dies erkannt und fördern gezielt die Karriereoptionen von Frauen.

Eine Möglichkeit für Parteien, mit Frauen gezielt in Kontakt zu treten, können Frauennetzwerke sein

Auch für Parteien muss es mehr denn je gelten, unterschiedliche Perspektiven und nicht nur rein männliche Perspektiven einzunehmen, die am Ende häufig eben nur Männer ansprechen.

Sitzung des Bundestags: Politikerinnen sitzen im Plenum. Foto: IMAGO/Bernd Elmenthaler

Für die CDU/CSU-Fraktion sitzen 23,9 Prozent Frauen im Bundestag, bei der FDP sind es 26 Prozent. Prädikat: ausbaufähig. Stellen wir uns vor, eine junge Frau interessiert sich für Politik. Wird sie sich von einer Partei mit überwiegend Politikern, die zudem einer anderen Generation angehören und im Zweifel die Lebensrealität der jungen Frau gar nicht nachempfinden können, angesprochen fühlen? Ganz sicher nicht.

Eine Möglichkeit für Parteien, mit Frauen gezielt und wirkungsvoll in Kontakt zu treten, können Frauennetzwerke sein – denn diese boomen. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Gruppen eigene Netzwerke gegründet: von Working Mums über Unternehmerinnen und Managerinnen bis zu Künstlerinnen. Frauen vernetzen sich heute intensiver und zielgerichteter als je zuvor, um sich auszutauschen und zu ermutigen.

Wer ein Netzwerk für sich gewinnt, gewinnt eine ganze Zielgruppe. Wer sich mit dem Einmaleins der Zielgruppenansprache beschäftigt, lernt automatisch auch, sich mit den Botschaften, Kanälen und Kommunikationsmechanismen auseinanderzusetzen. Ich brauche als Frau keine pinken Wahlplakate und keine feministische Außenpolitik – ich brauche Politik, die selbstverständlich mich als Frau mitdenkt, ohne dass ich extra ein Label aufgedrückt bekomme.

Demonstration gegen die AfD. Foto: IMAGO/Eibner

Ein genauerer Blick auf das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2021 zeigt, dass beispielsweise die AfD zwölf Prozent der Stimmen von Männern und acht Prozent der Stimmen von Frauen erhalten hat. Dies spiegelt eine bereits länger andauernde Entwicklung wider, nach der Frauen spätestens seit den 1970er-Jahren eher eine aufgeklärte, moderne Weltanschauung vertreten, Männer hingegen konservative Werte. Forscher der Universität zu Köln haben zudem festgestellt, dass junge Frauen seit 1953 zunehmend Parteien im linken Spektrum wählten (mit der Ausnahme von Die Linke). Auch eine jüngst veröffentlichte Studie der Universität Standford belegt, dass sich dieser Trend sogar weltweit nachweisen lässt.

Konsequent zu Ende gedacht, bedeutet das: Wer Frauen als Wählerinnen ernst nimmt und zielgerichtet anspricht, kann nicht nur Stimmen gewinnen, sondern stärkt die Brandwand gegen Rechtsextremismus und stellt sich damit gleichzeitig dem Aufstieg der AfD entgegen.

Dass ohne Frauen keine Wahlen zu gewinnen sind, war zwar schon immer so – doch heute ist es aufgrund des Aufblühens rechtsnationaler Kräfte noch essenzieller, die Sichtbarkeit von Frauen in der Politik zu fördern, ihre Bedeutung für die Wirtschaft und die Gesellschaft anzuerkennen und Frauen aktiv als Zielgruppe anzusprechen und zu mobilisieren.

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Die Autorin:
Tijen Onaran ist Gründerin und CEO von Global Digital Women.

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