Kommentar: Die neue Bescheidenheit der Grünen ist falsch
Umfragen sehen die Grünen bei 15 Prozent.
Foto: dpaWie wurden die beiden Grünen-Parteivorsitzenden im vergangenen Jahr gedrängt, einen Kanzlerkandidaten zu benennen. Natürlich sprach einiges dafür: Meinungsumfragen sahen die Grünen zeitweise bei mehr als 25 Prozent, sie überholten nicht nur die schwächelnde SPD, sondern zeitweise auch die Union.
Im Vergleich mit Spitzenpolitikern anderer Parteien punktete vor allem Robert Habeck, der seit Anfang 2018 mit Annalena Baerbock das Führungsduo der Grünen bildet.
Selten haben sich die Präferenzen der Wählerinnen und Wähler in Deutschland so rasch und eindeutig verschoben. Doch einen Kanzlerkandidaten benannten die Grünen vorsichtshalber nicht.
Wie richtig das war, zeigt sich jetzt. Die Ökopartei hat in der Coronakrise massiv an Zustimmung verloren, da halfen auch keine staatstragenden Aufritte von Habeck und Co. Umfragen sehen die geradezu zahm und wenig kritisch auftretenden Grünen bei 15 Prozent, Tendenz sinkend.
Ihr Kernthema zieht derzeit nicht. Anliegen wie Klimaschutz wirken auf viele Wähler gerade verzichtbar, zumindest aufschiebbar. Und die Versuche, sich thematisch breiter aufzustellen, waren zumindest bislang nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Union und SPD sind an der Ökopartei wieder vorbeigezogen.
In dieser Lage haben die Grünen, die selbst nicht so genau wissen, wie ihnen gerade geschieht und wie kämpferisch oder nicht sie in dieser Zeit sein sollten, den ersten bundesweiten Online-Parteitag durchgezogen. Wofür sie stehen oder stehen wollen, zeigt ihr Beschluss von Samstag, mit dem sie zurück in die Offensive kommen wollen.
Er zeigt: Klimaschutz ist weiterhin das überragende Thema, doch fast ebenso wichtig sind europa-, wirtschafts- und vor allem sozialpolitische Themen. Das ist nicht falsch – aber falsch ist die neue Bescheidenheit, mit der die Grünen die Wähler für sich gewinnen wollen. Das mag als Kanzlerpartei gut ankommen – aber von diesem Status sind die Grünen ziemlich weit entfernt.