Kommentar: Die psychologischen Effekte der EM sind nicht zu unterschätzen

Schon vor Anpfiff der Europameisterschaft in Deutschland ist klar: Die heimische Wirtschaft wird von dem Fußball-Großereignis nicht profitieren. Die Konjunkturexperten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) erwarten – ähnlich wie bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland übrigens – nur ein Nullwachstum. Auch große Teile der Wirtschaft sind skeptisch, zeigen Handelsblatt-Recherchen.
Das Bruttoinlandsprodukt mag zwar kurzfristig durch den Fußball nicht wachsen. Aber langfristig liegt in der EM eine Chance für den angeschlagenen Wirtschaftsstandort Deutschland. Denn wir sollten die psychologischen Effekte der EM im eigenen Land nicht unterschätzen – die emotionale Rendite, wie Volkswirte sagen.
Eine gut organisierte EM kann das Image des Gastgeberlandes verbessern. Deutschland steht einen Monat lang im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Das ist eine unbezahlbare Werbekampagne für das Land.
Deutschland hätte das dringend nötig. Parteien wie die AfD, die selbst anderen europäischen Rechten zu rechts sind, hohe Energiekosten, viel Bürokratie und widersprüchliche Entscheidungen im politischen Berlin haben dem deutschen Standort gehörig geschadet. Ein großes Fußballfest könnte laut Ökonomen gar dabei helfen, Investitionen aus dem Ausland wieder anzukurbeln.
Die Heim-EM hat auch die Chance, die schlechte Stimmung in großen Teilen der deutschen Bevölkerung aufzuhellen. Noch immer leidet die Konjunktur an der schwachen Konsumstimmung. Kurz vor dem Turnier ist diese auf den höchsten Stand seit fast drei Jahren geklettert. Volkswirte hoffen, dass sich diese durch die EM noch rascher aufhellen kann.
Es braucht begeisternde sportliche Erfolge
Damit das eintritt, braucht es allerdings eines: begeisternde sportliche Erfolge. Die Nationalmannschaft muss im Turnier weit kommen. Ein Ausscheiden in der Vorrunde wäre fatal. Von erfolgreichem Fußball profitieren vor allem Hotels und Gastronomie direkt, weil die Fans in den Kneipen mitfiebern.
Mit gutem Fußball könnte die EM 2024 zu einem Sommermärchen werden. Auch im Vorfeld der WM 2006 im eigenen Land war die gesellschaftliche und wirtschaftliche Stimmung ähnlich schlecht wie jetzt. Doch durch das Land schwappte wegen des erfolgreichen Fußballs eine Welle der Begeisterung. Noch Jahre danach sprach man auch im Ausland anerkennend über Deutschland.
Das wäre gerade jetzt wieder wichtig. Dass es gelingen kann, daran hat auch jede und jeder von uns einen Anteil. Wir sollten uns auf ein Fußballfest freuen, mitfiebern – und positive Stimmung verbreiten. Denn die Konjunktur ist mehr geprägt von Stimmungen und Erwartungen, als die meisten glauben mögen.