Corona-Pandemie: Warum in Italien mehr Corona-Infizierte sterben als in allen anderen Ländern
Italien riegelt sich gegen das Coronavirus ab, dennoch steigen die Fallzahlen. Was macht die Krankheit so unberechenbar?
Foto: dpaFrankfurt, London, Madrid, Mailand, Paris, Stockholm, Wien, Zürich. Das Coronavirus hat Italien im Griff: Das ganze Land ist Sperrzone, in der besonders betroffenen Lombardei kämpft das Gesundheitssystem gegen den Zusammenbruch. Kein anderes Land in Europa ist so vom Virus betroffen, nirgends in Europa forderte es bislang so viele Menschenleben.
Die italienischen Behörden zählten 631 Tote, bei 10.149 Menschen wurde das Virus nachgewiesen (Stand Mittwochmorgen). Wenn die Zahlen aus Italien stimmen, wäre das Coronavirus für rund sechs Prozent der Erkrankten tödlich. Die Letalität wäre damit womöglich höher als in China – und so auch deutlich höher als bei einer normalen Grippe, bei der Experten mit einer Letalität 0,1 bis 0,2 Prozent rechnen. Doch wie gefährlich ist das Coronavirus tatsächlich?
Das Problem: Obwohl Forscher auf der ganzen Welt das Coronavirus und seine Folgen erforschen, lässt sich die Letalität bislang nicht präzise bestimmen. Erstens mangelt es noch an belastbaren Daten. Zweitens unterscheiden sich die Rahmenbedingungen in den betroffenen Ländern. Und als wäre die Rechenaufgabe noch nicht kompliziert genug, verändert sich womöglich auch das Coronavirus selbst.
Dabei wirkt die Frage auf den ersten Blick ganz einfach: Mit der genannten „Case Fatality Rate“ (CFR) geben Wissenschaftler an, wie viele der mit einer Krankheit infizierten Personen sterben. Doch die Berechnung ist alles andere als einfach.
Um die Fatalitätsrate zu bestimmen, muss man erst einmal wissen, wie viele Menschen an Covid-19 erkrankt sind, wie groß also die sogenannte Grundgesamtheit der Patienten ist. Doch viele Betroffene zeigen nur milde oder sogar gar keine Symptome. Wer sich gesund fühlt, wird meist nicht getestet – und fehlt damit in der Statistik.
Nun könnte man einfach alle Menschen testen, um zweifelsfrei festzustellen, wie viele Corona-Fälle es gibt. Doch dazu fehlen die Kapazitäten. Denn eine Infektion mit dem Virus lässt sich zwar mit der Methode der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) nachweisen. Doch der Nachweis dauert mehrere Stunden und kann in nur wenigen Laboren durchgeführt werden – von den Kosten ganz zu schweigen.
Zahlen zeigen noch nicht die ganze Wahrheit
Damit bleibt eine Dunkelziffer. Etwa in Italien: Den Angaben des Zivilschutzes zufolge sind bis zum Montag in Italien 53.826 Tests auf das Coronavirus gemacht worden. Mehr als zehntausend Erkrankte wurden bislang identifiziert. Experten gehen davon aus, dass noch deutlich mehr Menschen das Virus in sich tragen dürften. Denn auch in Italien wurde die Zahl der Tests begrenzt: nicht jeder, der Fieber hat, wird getestet.
„Es sind sehr viele Verstorbene im Vergleich zu den Infizierten“, sagt der Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler. In Italien sei der Ausbruch sehr spät erkannt worden. So seien die Zahlen zwar richtig, doch sie zeigten nicht die ganze Wahrheit. „Es sind nur die Fälle, die einem Meldesystem zur Verfügung gestellt werden“.
Der RKI-Experte geht davon aus, dass sich die Mortalitätsraten in den verschiedenen Ländern mit der Zeit angleichen werden. Denn bislang gestaltet sich die Lage in Europa sehr unterschiedlich. Ein Überblick:
- In Frankreich zählen die Behörden bislang 1412 Fälle, 30 Patienten sind gestorben. Die Mortalitätsrate läge damit bei 2,1 Prozent. Getestet werden nur Patienten, die aus Risikogebieten kommen oder mit Infizierten in Kontakt standen. Die Dunkelziffer könnte damit höher sein als etwa in Deutschland.
- In Großbritannien wurden bisher mehr als 25.000 Personen getestet. Doch die zwölf zuständigen Labore kommen mit der Untersuchung der Proben nicht hinterher. Patienten müssen bis zu vier Tage auf die Resultate warten und solange in Selbst-Quarantäne zu Hause bleiben. Insgesamt zählen die Behörden 382 Fälle, sechs Patienten sind gestorben. Das entspricht 1,5 Prozent.
- In Spanien waren bis Dienstagnachmittag 1622 Menschen infiziert und 35 Menschen gestorben. Das entspräche einer Letalität von 2,2 Prozent. 101 Patienten lagen auf der Intensivstation. Insgesamt wurden in Spanien bis Dienstag 17.000 Menschen auf das Virus getestet. Anfangs wurden nur diejenigen getestet, die aus einem Risikogebiet kamen oder die direkten Kontakt zu einem Infizierten hatten. Die Zeitung El País berichtet jedoch, dass in der Region Madrid diese Regeln nach Angaben der Regionalregierung seit dem vergangenen Freitag weniger strikt sind und ein Arzt nun von Fall zu Fall entscheidet, ob ein Test gemacht wird. Auch alle Patienten mit schweren Atemwegserkrankungen ohne klare Ursache werden systematisch auf das Virus getestet.
- Auch in der Schweiz hat das Bundesamt für Gesundheit jüngere Menschen zur so genannten Selbstisolation aufgerufen. So soll das Gesundheitssystem entlastet werden, um sich auf gefährdete Personen zu konzentrieren. Doch die Selbst-Quarantäne kann dazu führen, dass Corona-Erkrankungen zunächst nicht diagnostiziert werden. Insgesamt zählen die Behörden bis Dienstagmittag 476 Fälle, drei Menschen starben. Damit verliefen 0,6 Prozent der Infektionen tödlich.
- In den nordeuropäischen Ländern Schweden (326 Fälle), Norwegen (192 Fälle), Dänemark (156 Fälle) und Finnland (40 Fälle) werden Tests nur noch an Menschen vorgenommen, die in Risikogebieten waren und Krankheitssymptome aufweisen. Todesfälle gab es dort bislang noch nicht.
- Österreich zählt nach Regierungsangaben derzeit 206 Infizierte. Todesfälle sind bislang noch nicht zu beklagen. Bislang wurden in dem Alpenland rund 3.711 Coronavirus-Tests durchgeführt. Im Kampf gegen das Coronavirus führte Österreich auch an der Südgrenze zu Italien einen Einreisestopp ein, zudem wurde der Zugverkehr nach Italien komplett eingestellt. Medizinstudenten wurden aus den Kliniken des Landes verbannt. Die Studierenden gehören zu der Altersgruppe, die als Hauptüberträger für das Coronavirus gilt.
- In Deutschland wurden in der ersten Märzwoche laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung insgesamt 35.000 Tests auf das Coronavirus durchgeführt. Der Umgang mit Verdachtsfällen ist Ländersache, entsprechend handhaben die Behörden die Testung unterschiedlich. Insgesamt gibt es in Deutschland nach den Zahlen des Robert Koch Instituts 1139 Menschen, die bei denen Covid-19 bisher nachgewiesen wurde. Bislang sind in Deutschland zwei Menschen an der Krankheit gestorben.
Die Letalität von Covid-19 liegt damit in Deutschland bislang bei 0,18 Prozent – im Vergleich zu mehr als sechs Prozent in Italien. Doch so einfach ist die Rechnung nicht.
Denn nicht nur die Qualität der Daten spielt eine Rolle, sondern auch die betrachtete Zeit: Die Statistik liefert nur eine Momentaufnahme, die der realen Entwicklung hinterherläuft. Dass die Zahl der Toten in Italien besonders hoch ausfällt, erklären Experten auch damit, dass sich die Krankheit dort früher ausgebreitet hat. In anderen Ländern dauert die Behandlung von vielen „frischen“ Fällen noch an. Viele Patienten kämpfen noch um ihr Leben, die Zahl der Todesfälle dürfte also noch steigen. Im Schnitt dauert es etwa 17 Tage, bis eine Corona-Infektion zum Tod führt.
Wie eine Covid-19-Infektion verläuft, hängt aber auch von den Rahmenbedingungen in den betroffenen Regionen ab, also etwa von der Bevölkerungsstruktur und der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems. Zwar geht die Krankheit laut der Weltgesundheitsorganisation WHO bei rund 80 Prozent der Patienten glimpflich aus.
Doch bei etwa fünf Prozent der Erkrankten wird der Zustand kritisch. Sie sind auf eine Betreuung im Krankenhaus angewiesen, weil sie Lungenentzündungen, Atemnot oder einer Blutvergiftung entwickeln können. Solche Patienten sind auf ein Bett auf einer Intensivstation angewiesen, die über Beatmungsmöglichkeiten verfügt.
Je besser ein Gesundheitssystem ausgestattet ist, desto mehr Todesfälle können verhindert werden. Umgekehrt gilt: Ist ein Gesundheitssystem erst einmal überlastet, steigt die Letalität schnell an, weil viele Patienten nicht mehr adäquat versorgt werden können.
So gibt die Weltgesundheitsorganisation die Letalität von Covid-19 für die am stärksten betroffene chinesische Provinz Hubei mit 2,9 Prozent an, was auch mit der Überlastung der dortigen Krankenhäuser erklärt wird. Außerhalb des Brennpunkts lag die Letalität dagegen bei 0,4 Prozent.
Allen Ländern drohen Engpässe
Schnell stand deshalb auch in Italien der Verdacht im Raum, dass sich die hohe Letalität auch mit den mangelnden Kapazitäten im Gesundheitssystem erklären könnte.
Tatsächlich gibt es bei den Behandlungskapazitäten in der EU deutliche Unterschiede. Das zeigt etwa ein Blick auf die Bettenkapazitäten. Im Schnitt kommen in den 27 Mitgliedsländern der Union 541 Krankenhausbetten auf 100.000 Einwohner. In Deutschland fällt die Quote mit 800 Betten je 100.000 Einwohner besonders hoch aus, Italien liegt dagegen mit 318 Betten unter dem EU-Durchschnitt.
Noch drastischer ist der Unterschied bei den Intensivbetten: Deutschland zählt rund 28.000 davon. In Italien verfügen die öffentlichen Kliniken über 5.090 Intensivbetten.
Doch wenn sich das Virus weiter im bisherigen Tempo ausbreitet, drohen bei der Versorgung in allen Ländern Engpässe – auch in Deutschland. Denn Experten erwarten, dass sich die Zahl der Fälle bei ungehemmter Verbreitung in etwa jede Woche verdoppelt. Aus den derzeit gut 1000 Fällen in der Bundesrepublik würde binnen zehn Wochen rund eine Million.
Entscheidend ist deshalb, dass die Ausbreitung des Virus frühzeitig verlangsamt wird. Denn die Daten zeigen, dass die Sterblichkeit in jenen Regionen besonders hoch ausfällt, in denen das Gesundheitssystem überlastet wird - weil Patienten dann nicht mehr ausreichend versorgt werden können.
„Je weniger Menschen sich gleichzeitig anstecken, desto besser kann unser Gesundheitssystem damit umgehen“, sagt deshalb Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Gerade Ältere und chronisch Kranke seien auf eine ausreichende Zahl verfügbarer Intensivbetten angewiesen. „Oberstes Ziel ist es daher, den Ausbruch zu verlangsamen.“
Nicht nur die Erhebungsmethoden und die Rahmenbedingungen ändern sich, sondern auch das Virus selbst. Bei ihrer Verbreitung mutieren RNA-Viren wie Corona sehr schnell, ihr genetischer Code wird also umgeschrieben. Dadurch könnte das Coronavirus noch gefährlicher werden, als es ohnehin schon ist: „Ist das Virus in Italien tödlicher als in Asien?“, fragte deshalb das Boulevardblatt „Bild“.
So wollen chinesische Forscher eine neue Variante des Virus erkannt haben, die aggressiver sein soll als der Ursprungstyp. Experten wie der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sehen die chinesische Studie jedoch kritisch: „Viren mutieren immer“, sagt er.
Anhand der Erbinformationen lasse sich noch keine Aussage über die Gefährlichkeit der Virus-Varianten machen. Der Gegner dürfte also für alle Länder gleichbleiben. Die Frage lautet nun, wie man am ihm am besten begegnet.