Schifffahrt: Huthi-Attacken im Roten Meer – USA kündigen multinationalen Einsatz an
Brüssel, Düsseldorf, Frankfurt, Tel Aviv. Angesichts einer zunehmenden Zahl von Angriffen auf Handelsschiffe im Roten Meer durch die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen verstärkt das US-Militär in der Region seine Zusammenarbeit mit den Streitkräften anderer Länder. An der neuen Sicherheitsinitiative mit dem Namen „Operation Prosperity Guardian“ – Operation Wohlstandswächter – beteiligen sich nach Angaben aus dem US-Verteidigungsministerium in Washington mehrere Länder, darunter das Vereinigte Königreich, Bahrain, Kanada, Frankreich, Italien, die Niederlande, Norwegen, die Seychellen und Spanien. Durch die stärkere Kooperation zwischen den Seestreitkräften soll der Schutz von Handelsschiffen verbessert werden.
Seit Wochen machen jemenitischen Huthi-Rebellen das Rote Meer unsicher, attackieren Handelsschiffe mit Drohnen und Raketen, um sie an einer Durchfahrt in Richtung Israel zu hindern. Sie drohen damit, Schiffe jeglicher Nationalität auf dem Weg nach Israel an der Durchfahrt im Roten Meer zu hindern. Nur Frachtern, die Hilfsgüter für den Gazastreifen lieferten, würde die Durchfahrt gewährt. Zuletzt geriet der Tanker „Swan Atlantic“ unter Beschuss.
Auch die ökonomischen Folgen der Huthi-Krise werden immer deutlicher. So ist es mit der Entspannung auf den Rohstoffmärkten vorbei: Mit der Meldung des britischen Energiekonzerns BP, bis auf Weiteres die Schiffsroute durch das Rote Meer zu meiden, kehrte am Montag die Nervosität zurück. Um elf Prozent verteuerte sich der Gaspreis bis zum frühen Nachmittag. Auch der Ölpreis zog um vier Prozent an.
Warum ist das Rote Meer so wichtig?
Das Rote Meer ist ein Nadelöhr des Welthandels. Über den Suezkanal im Norden und die Meerenge Bab al-Mandab im Süden verbindet es Europa mit Asien. Mehr als zehn Prozent des Welthandels passieren den Schiffsweg. Dem Kiel Institut für Weltwirtschaft werden zwei Drittel aller deutschen Importe aus Ostasien über das Rote Meer verschifft.
Seit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine ist die Bedeutung noch gestiegen, da die europäischen Staaten ihre Energieimporte aus Russland drastisch reduziert und auf Lieferanten aus der Golfregion ausgewichen sind.
Die Huthi-Attacken offenbaren Europas Verletzlichkeit. Nicht nur BP, auch die großen Container-Reedereien steuern ihre Schiffe derzeit nicht mehr durch den Suezkanal und das Rote Meer. „Die Lage dort ist derzeit einfach zu unsicher“, sagte Martin Kröger, der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Reeder (VDR) dem Handelsblatt.
Am Montagmittag hatte der Krisenstab von Hapag-Lloyd beschlossen, die Route auf unbestimmte Zeit auszusetzen. „Dies wird so lange geschehen, bis die Passage durch den Suezkanal und das Rote Meer für Schiffe und ihre Besatzungen wieder sicher ist“, sagte ein Sprecher. Internationale Reedereien wie Maersk aus Dänemark, die italienisch-schweizerische MSC und CMA CGM aus Frankreich haben ihre Schiffe ebenfalls angewiesen, nicht mehr an der jemenitischen Küste vorbeizufahren.
Welche ökonomischen Folgen haben die Angriffe?
Die Angriffe haben weitreichende Konsequenzen. Zum einen müssen die Unternehmen, die ihre Waren über diesen Seeweg befördern, nun länger auf ihre Produkte warten. Die Alternativroute führt über das Kap der Guten Hoffnung um Afrika herum, etwa 4000 Seemeilen zusätzlich. Containerschiffe brauchen dafür dem VDR zufolge etwa zwei Wochen länger, Tanker eine Woche. Zum anderen müssen sich die Unternehmen auf höhere Preise einstellen.
Hapag-Lloyd hatte kurz nach Beginn der Angriffe Anfang Dezember erklärt, von Januar 2024 an einen Zuschlag einzuführen, um die Mehrkosten aufzufangen.
Auch höhere Versicherungsprämien schlagen auf die Preise durch. Normalerweise koste eine Police etwa 0,03 Prozent des Werts der Schiffsladung, heißt es etwa beim internationalen Schiffs-Spediteur Sobel aus New York. Seit den Angriffen Anfang Dezember seien diese Prämien jedoch auf bis zu 0,1 Prozent angestiegen. Für ein mittelgroßes Containerschiff mit einem Schiffsladungswert von 500 Millionen Euro bedeutet das Mehrkosten von bis zu 350.000 Euro. Ein großer Teil davon dürfte letztlich an die Verbraucher weitergereicht werden.
Ist die EU-Energieversorgung gefährdet?
Europa ist von Flüssigerdgas (LNG), das übers Rote Meer transportiert wird, bei Weitem nicht so abhängig wie einst von russischem Pipelinegas. Große Teile des europäischen Gases kommen inzwischen aus den USA und Norwegen, außerdem bezieht Europa immer noch viel LNG aus Russland, das nicht das Rote Meer passieren muss.
Ins Gewicht fällt deshalb vor allem LNG aus Katar. Das mache rund 15 Prozent der europäischen LNG-Importe und sechs bis sieben Prozent der europäischen Gesamt-Gasimporte aus, sagt der Energiemarktexperte Andreas Schröder vom Analysehaus Icis. Allerdings gebe es auch einen indirekten Effekt: „Wenn viele LNG-Schiffe um Afrika herumfahren müssen, brauchen sie länger. Dadurch gibt es weniger verfügbare LNG-Transportkapazität auf dem Weltmarkt.“ Das treibt die Preise.
Ähnlich schätzen Experten die Lage auf dem Ölmarkt ein. Die Produktion ist von den Attacken der Huthi nicht beeinträchtigt. „Für den Transport müssen nun aber längere Wege in Kauf genommen werden, was mit höheren Kosten einhergeht“, betont UBS-Rohstoffanalyst Giovanni Staunovo.
Die Situation im Roten Meer stellt also derzeit noch kein Angebotsrisiko dar. Dass der Ölpreis so stark reagiert, könnte auch damit zusammenhängen, dass zuletzt viele institutionelle Investoren mit Short-Positionen auf fallende Ölpreise gesetzt haben.
Wie steht es um die internationale Marine-Mission?
Wie das Handelsblatt Anfang vergangener Woche berichtet hatte, wollen die USA auch Deutschland zur Unterstützung einer Taskforce im Roten Meer gewinnen. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock und ihr amerikanischer Amtskollege Antony Blinken sprachen am Freitag über das Thema bei einem gemeinsamen Telefonat.
US-Verteidigungsminister Lloyd Austin, der sich derzeit in der Region aufhält, bekräftigte nun erneut, dass des sich um eine internationale Herausforderung handele, die ein gemeinsames Vorgehen erfordere. Alle Länder, die die freie Schifffahrt aufrecht erhalten wollten, müssten sich zusammentun. Doch eine Entscheidung darüber, ob und in welcher Form die Bundesmarine bei „Operation Prosperity Guardian“ helfen kann, ist noch nicht gefallen.
Politiker der Ampelkoalition befürworten eine deutsche Beteiligung. „Deutschland und Europa sollten ihren Beitrag leisten, lange Abstimmungsrunden im Verteidigungsministerium dürfen wir uns in dem Fall nicht erlauben“, sagte Ulrich Lechte, außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. Er mahnte, dass sich Deutschland nicht nur auf die USA und Großbritannien verlassen dürfe. Lechte schlägt vor, das Atalanta-Mandat auszuweiten. Diese Mission schützt Frachtschiffe vor somalischen Piraten.
Vor einer Beteiligung Deutschlands an dem Schutz der Frachtschiffe im Roten Meer gilt es jedoch zwei Hürden zu überwinden. Zum einen bedarf es für einen bewaffneten Einsatz der Bundeswehr wohl die Zustimmung des Deutschen Bundestags. Eine entsprechende Prüfung läuft derzeit im Verteidigungsministerium.
Wenn eine Beteiligung Deutschlands im Roten Meer zudem über reine Symbolik hinausgehen soll, kommt nur eine bestimmte Art von Schiffen infrage, die für die Abwehr von Drohnen und Raketen geeignet ist. Das sind auf Luftverteidigung spezialisierte Fregatten (F-124er-Reihe).
Von diesen Schiffen ist aber allenfalls die Fregatte „Hessen“ aktuell einsatzbereit. Beobachter rechnen daher nicht mit einer Entscheidung vor Januar. Die Wirtschaft drängt zur Eile. „Die jüngsten terroristischen Attacken auf die Schifffahrt im Roten Meer stellen auch für die Lieferketten der deutschen Wirtschaft ein hohes Belastungsrisiko dar“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier dem Handelsblatt.
Werden sich die Golfstaaten an der Mission beteiligen?
Die von den USA angekündigte Koalition stößt im Mittleren Osten auf Zurückhaltung. Ein Grund dafür sind Drohungen aus dem Iran, der die Huthi ausrüstet. Eine internationale Anti-Huthi-Koalition müsse mit „großen Problemen“ rechnen, wenn sie in einem Gebiet operiere, in dem „der Iran eine Überlegenheit hat“, warnte Irans Verteidigungsminister Mohammad Reza Ashtiani am Freitag.
Die arabischen Länder sind darum bemüht, Spannungen mit dem Iran zu reduzieren. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben in den vergangenen Monaten mit Teheran mehrere Kooperationsabkommen unterschrieben. Die Emirate sind der wichtigste Handelspartner Irans im Nahen Osten, obwohl sie die Beziehungen zu Israel normalisiert haben.
Auch die Saudis drängt es nicht, sich der von den USA angeführten Koalition anzuschließen. Sie wollen nicht riskieren, von den Huthis angegriffen zu werden, nachdem sie im April 2022 ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen haben. Ägypten hingegen ist stark an einer See-Koalition mit den USA interessiert. Dass die größten Reedereien die Fahrt durch den Suezkanal einstellen, ist ein harter Schlag für die ägyptische Wirtschaft. Im vergangenen Steuerjahr trug der Kanal 9,4 Milliarden Dollar zur ägyptischen Wirtschaft bei und ist damit eine der wichtigsten Devisenquellen.
Nahost-Experte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) glaubt, dass die USA und ihre Verbündeten die Beeinträchtigungen des Seeweges durch „gezielte Angriffe“ kurzfristig zwar zurückdrängen können, die Gefahr langfristig aber bestehen bleibt. Es sei seit Jahren Ziel des Irans, über die Huthi den Zugang zu diesem wichtigen Handelsweg zu kontrollieren.
Die Rebellen seien über Jahre aufgebaut und mit Militärtechnologie ausgestattet worden. „Langfristig muss allen klar sein, dass Iran diesen wichtigen Handelsweg zumindest teilweise kontrolliert“, warnte Steinberg. „Die Behinderung des Seeverkehrs im Roten Meer wird in Zukunft jederzeit wieder passieren können.“