Personalsuche: So wirbt die Personalvorständin von Pro Sieben um neue Mitarbeiter
Scheffler möchte das Unternehmen für Arbeitnehmer attraktiver gestalten.
Foto: Pro Sieben Sat 1München. Die Arbeiter auf der Baustelle bohren, hämmern und sägen: In der Nähe von Christine Schefflers Büro bauen sie die neue Zentrale von Pro Sieben Sat 1. Der erste Bauabschnitt ist weit fortgeschritten, im Frühjahr werden die Mitarbeiter ihre Schreibtische einräumen, verspricht die Personalvorständin des Medienkonzerns.
Der Neubau kommt für die 53-Jährige zur rechten Zeit: So wird das im MDax notierte Unternehmen attraktiver für Jobsuchende. Das ist wichtig, zuletzt sorgte Pro Sieben Sat 1 für unerfreuliche Schlagzeilen. Anfang Oktober trat der dritte Vorstandschef binnen vier Jahren ab. Ende des Monats senkte der Senderverbund dann zum dritten Mal innerhalb von drei Monaten die Jahresprognose.
Die Managerin hat derzeit rund 300 Stellen zu besetzen, zudem sind 100 Plätze für Praktikanten und Werkstudierende frei. Da sei es durchaus hilfreich, mit einem der modernsten Arbeitsplätze Deutschlands werben zu können.
Das Homeoffice auf der Insel
Bei der Grundsteinlegung des „New Campus“ vor drei Jahren war noch Max Conze Vorstandsvorsitzender von Pro Sieben Sat 1. Inzwischen hat der Aufsichtsrat auch Nachfolger Rainer Beaujean vom Hof gejagt. Für Scheffler läuft es deutlich besser. Der Aufsichtsrat hat den Vertrag der Romanistin jüngst bis Ende 2027 verlängert. Es sei ein Zeichen der Anerkennung für ihre „ausgezeichnete Arbeit“, betonte Chefkontrolleur Andreas Wiele.
Dessen Vorgänger Werner Brandt hatte Scheffler 2019 nach Unterföhring gelockt, um die Personalarbeit der größten privaten Senderkette des Landes „neu auszurichten“. Seither hat sich für die 7800 Beschäftigten vieles geändert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dürfen heute 30 Tage pro Jahr im Ausland arbeiten. Das Homeoffice lässt sich damit für anderthalb Monate auf eine griechische Insel verlegen oder auf eine Almhütte in Österreich.
Die Anwesenheitspflicht hat Scheffler abgeschafft. Wer mag, kann von Hamburg aus für die Bayern tätig werden – und sich nur manchmal auf den Weg in den Münchener Medienvorort machen. „Der Pool der potenziellen Kandidaten ist durch das virtuelle Arbeiten deutlich größer geworden“, erläutert Scheffler. Für viele Jobkandidaten sei diese Agenda der Freiheit wichtig. Scheffler: „Nach dem Gehalt ist inzwischen die zweite Frage im Bewerbungsgespräch, inwiefern flexibles Arbeiten möglich ist.“
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Gleichzeitig setzt sich die langjährige Bertelsmann-Managerin dafür ein, Pro Sieben Sat 1 in ein vielfältigeres Unternehmen zu verwandeln. „Die Positionierung eines Medienhauses, und wie wir unsere Reichweite für relevante Themen einsetzen, wird immer mehr zum Entscheidungskriterium für Bewerberinnen und Bewerber“, betont Scheffler. Ein Zeichen dafür war zuletzt ein eigener Wagen, mit dem das Unternehmen im Sommer beim Christopher Street Day in München teilnahm, einer Parade der LGBT+-Community.
Kein Interesse am Aktienkurs
Für den Aktienkurs würden sich die allermeisten Bewerberinnen und Bewerber dagegen nicht interessieren, behauptet Scheffler. Die Investoren sehen Pro Sieben Sat 1 seit Längerem skeptisch. Die Papiere notieren auf dem niedrigsten Niveau seit zweieinhalb Jahren. Seit Jahresbeginn hat sich der Aktienkurs halbiert, der TV-Konzern gehört zu den größten Verlierern im MDax. Dies sei ein Grund, warum CEO Beaujean jüngst gehen musste.
Die häufigen Wechsel auf dem Chefsessel seien bei den Gesprächen mit Jobinteressenten kaum ein Thema, beteuert die Personalchefin. Wer sich dennoch dafür interessiert, den könnte die Reaktion der Analysten auf den Beaujean-Nachfolger beruhigen. Unter den Bankern wurde der neue Vorstandsvorsitzende Bert Habets wohlwollend aufgenommen.
Habets verfüge über fundierte Erfahrung in der Medienlandschaft und eine umfassende Expertise für Video-Streaming-Angebote, urteilte Barclays-Analyst Julien Roche. Er könne dazu beitragen, dass Pro Sieben Sat 1 stärker mit dem Konkurrenten RTL zusammenarbeitet. Der Niederländer führte jahrelang den wichtigsten Wettbewerber von Pro Sieben Sat 1. Im Frühjahr erst war der 51-Jährige in den Aufsichtsrat eingezogen.
Der Niederländer führt Pro Sieben Sat 1 seit Anfang November.
Foto: dpaWenn Habets es so hält wie Scheffler und die Kollegen aus dem Vorstand, dann könnte das Personal ihn häufiger in der Kantine treffen. Sich als Vorgesetzte unter die Leute zu mischen sei in Tagen des Kriegs, der Inflation und der Pandemie so wichtig wie nie, meint die Personalvorständin: „Es herrscht große Unsicherheit bei den Menschen. Daher ist es wichtig für unsere Führungskräfte, nah an unseren Mitarbeitern zu sein.“