E-Commerce: Wie Onlinehändler MissPompadour den Markt für Wandfarben aufmischt
Düsseldorf. Im Onlinehandel mit Wandfarben kennen sich die Geschwister Astrid und Erik Reintjes aus wie kaum jemand anderes. Mehr als 200.000 Menschen folgen ihnen bei Instagram, fast genauso viele bei Facebook. 2000 Pakete verlassen pro Tag ihr Lager in der Nähe von Regensburg, ihr 2019 gegründetes Start-up MissPompadour macht dieses Jahr voraussichtlich 20 Millionen Euro Umsatz – sechs Millionen mehr als im Jahr zuvor.
Und nun betreten sie schon wieder Neuland. In ausgewählten Garten-Märkten der Dehner-Gruppe verkaufen sie ein Sortiment ihrer eigenen Kreidefarben-Kollektion „Cosy Colours“ inklusive Zubehör wie Pinsel und Farbwannen. Sollte dieser Test erfolgreich sein, könnten sie bald alle Läden von Europas größter Gartencenter-Gruppe beliefern.
Vor fünf Jahren hätte das kaum jemand für möglich gehalten. Kaum ein Farbenhersteller traute sich an den Online-Direktvertrieb – und auf die Idee, Farbe im Gartencenter zu verkaufen, wäre auch keiner gekommen. „Das Credo in der Branche war: Farbe kann man online nicht verkaufen“, sagt Astrid Reintjes. „Wir haben das zum Glück nicht gewusst und haben es einfach gemacht.“
Zum Onlinehandel ist die 46-Jährige eher zufällig gekommen. Sie hatte einen Laden, in dem sie neben Möbeln auch ein kleines Sortiment an Farben verkaufte. Ihr Bruder entwickelte dafür als Abschlussarbeit für sein Studium in Mode- und Design-Management einen Onlinehandel. Und das Einzige, was sich dort gut verkaufte, waren ausgerechnet nicht Möbel, sondern die Farben.
„Anfangs stand keinerlei Plan hinter der Unternehmensgründung, ich habe einfach losgelegt aus dem eigenen Arbeitszimmer“, erinnert sich die vierfache Mutter. Vier bis fünf Pakete packte sie pro Tag und brachte sie persönlich zur Post.
„Anstreichen wird immer mehr zum Lifestyle-Thema“
Der erste Schub kam, als das Netzwerk Pinterest auf einen Blogeintrag in ihrem Shop zum Thema „Fliesen streichen“ verlinkte. Und mit der Coronapandemie kam der Durchbruch. „Da kam der große Hype für das Handwerken zu Hause, und davon haben wir profitiert“, erinnert sich Reintjes. „Wir hatten schon ein sehr gutes Google-Ranking, dadurch ist unser Geschäft praktisch explodiert.“
„Die Baumärkte waren damals online noch kaum aktiv, das war für uns ein perfekter Markt“, sagt die Unternehmerin. Wie vorher in ihrem Laden erzählt sie nun in Live-Videos auf Instagram vor Tausenden Zuschauern, was man mit Farbe alles machen kann. „Wir bieten online die Beratung, die der Baumarkt auf der Fläche nicht schafft.“
Nach Einschätzung von Philipp Hoog von der BBE Handelsberatung trifft das Geschäftsmodell von MissPompadour genau die aktuellen Kundenwünsche. „Anstreichen wird immer mehr zum Lifestyle-Thema, statt der großen Renovierung wird auch mal eine Wand neu bunt gestrichen“, erklärt er. „Und da tun sich Unternehmen wie MissPompadour leichter, die über Instagram, Facebook und WhatsApp dafür Inspiration und individuelle Beratung bieten und dann gleich die Farbe verkaufen können.“
Dazu kommt ein günstiges Marktumfeld. Der Umsatz mit Farben für Endkunden habe 2023 einen Sprung gemacht und werde laut aktuellen Prognosen in diesem Jahr noch mal steigen, so Hoog. „In konjunkturellen Schwächephasen wird mehr renoviert als neu gebaut, wie aktuell besonders stark zu beobachten ist“, erläutert er. „Das hilft Händlern, die sich an Selbermacher wenden.“
Außerdem mache es ihnen die traditionelle Konkurrenz leicht. Baumärkte würden noch zu stark in Produkten und nicht in Projekten denken. „Viele Kunden sind von dem großen Angebot an Farben im Baumarkt aktuell total überfordert“, beobachtet der Strategieberater.
Gründer von Zooplus und Shopware haben in MissPompadour investiert
Genau da setze MissPompadour an. „Die direkte Beratung hilft gerade Kunden, die weniger Ahnung vom Produkt haben und nur eine Lösung für ihr Projekt suchen“, sagt Hoog. Im Gegensatz zu den Baumärkten schaffe es das Unternehmen so, einen großen Teil der Besucher des Webshops auch zu Käufern zu machen.
Gegründet hat Astrid Reintjes das Unternehmen zusammen mit ihrem Bruder Erik und mit Niklas Lütteken, der schon den ersten Shop programmiert hat und heute von Helsinki aus das Technikteam leitet. Anfangs expandierten sie ohne fremdes Geld, aber stets profitabel. Die Logistik passten sie im laufenden Geschäft an den wachsenden Umsatz an. „Das war eine vogelwilde Zeit“, erinnert sich Reintjes. Den ersten Businessplan haben die Gründer erst 2021 geschrieben.
2022 kam dann die erste Finanzierungsrunde. Die Investoren-Gruppe Fure Capital rund um den Zooplus-Gründer Sven Rittau und die Shopware-Gründer Stefan und Sebastian Hamann investierte einen einstelligen Millionenbetrag in das Start-up. Wichtiger als das Geld war den Gründern das Know-how der Investoren. „Das sind Partner, die Erfahrung im E-Commerce haben und uns bei der Expansion beraten können“, sagt Erik Reintjes.
Rittau imponierte, dass die Gründer trotz des hemdsärmeligen Starts „sehr zahlenorientiert“ seien, wie er erzählt. Der wichtigste Erfolgsfaktor aber sei, dass MissPompadour einen engen und direkten Kontakt zu seinen Kunden habe. „Das ist doch das, wo im Onlinehandel aktuell alle hinwollen“, betont er.
Angesichts der Schwäche der etablierten Anbieter im Onlinehandel sei das Start-up in seiner Branche in einer einzigartigen Position. „Sie haben nicht nur einen Händler, sondern eine echte Marke aufgebaut“, lobt Rittau. „Ich sehe für ihr Geschäft noch extreme Wachstumsmöglichkeiten.“
MissPompadour expandiert nach Belgien und nach Polen
„Wir haben in Deutschland aktuell vier Prozent des für uns erreichbaren Marktes, da ist noch viel Potenzial“, sagt auch Erik Reintjes. „Unser Ziel ist ein Marktanteil von zehn Prozent bis 2026.“ Und sie erschließen eine Kundengruppe, die die Baumärkte bisher vernachlässigt hat: „Über 80 Prozent unserer Kunden sind weiblich“, so Reintjes.
„Das Team ist kreativ und wissbegierig“, sagt Investor Rittau über die Gründer. Sie hätten ständig Neues entwickelt, wie beispielsweise die eigene App, die den Social-Media-Auftritt ergänzt, eine Produktlinie mit Kinderzimmerfarben oder eine kompostierbare Farbwanne aus Naturfasern.
Der nächste Schritt ist jetzt die Zusammenarbeit mit den Dehner Gartenmärkten. „Die Kooperation könnte für beide Partner gut passen“, meint Experte Hoog. „Die Farben ergänzen das Sortiment der Gartenmärkte sehr gut, da es eine hohe Zielgruppenüberschneidung gibt.“ Das sieht auch Erik Reintjes so: „Wir haben auch mit Baumärkten gesprochen“, sagt er, „aber das hat nicht gepasst.“
Begleitet wird der Schritt ins stationäre Geschäft mit einer umfangreichen Social-Media-Kampagne zum Thema „Selber streichen“ auf Instagram, Facebook und Youtube. Die größte Schwierigkeit sieht Experte Hoog aber nicht darin, Kunden zu gewinnen. „Die große Herausforderung für MissPompadour wird sein“, sagt er, „ob sie die Mengen liefern können, wenn Dehner den Farbenverkauf auf alle rund 120 Märkte ausrollt.“