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FluggesellschaftLiquide wie lange nicht: Lufthansa zögert mit Verkauf von Tochtergesellschaften

Der Druck auf die Fluggesellschaft ist nicht mehr so groß, denn genug Liquidität ist da. Daher verschiebt die Lufthansa den Verkaufsprozess einer Gesellschaft und vertagt eine Entscheidung.Jens Koenen, Arno Schütze 30.11.2021 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Der Konzern verfügte Ende des dritten Quartals über acht Milliarden Euro an Mitteln.

Foto: Getty Images

Frankfurt. Eigentlich sollte der Verkaufsprozess längst gestartet sein – doch jetzt wird er erst mal komplett verschoben. Nach Informationen des Handelsblatts hat Lufthansa den Verkauf des Geschäftsreisedienstleisters Airplus zunächst auf Eis gelegt. Zu niedrig waren die Preisvorstellungen potenzieller Interessenten. „Wir haben immer gesagt, wir machen keine Fire-Sales“, sagte ein Sprecher des Luftfahrtkonzerns.

Europas größte Airline-Gruppe nimmt sich mehr Zeit beim geplanten Verkauf von Unternehmensbeteiligungen. Das gilt auch für die Wartungstochter Lufthansa Technik, die in Branchenkreisen als eine der Perlen des Konzerns bezeichnet wird. Bis Jahresende wollte das Management ursprünglich darüber entscheiden, ob eine Minderheit der Tochter verkauft oder an die Börse gebracht wird. Doch nun wird die Entscheidung wohl frühestens bis Ende März kommenden Jahres fallen.

Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe:

  • Zum einen ist der Markt aktuell nicht bereit, die Preise zu bezahlen, die sich das Lufthansa-Management vorstellt. „Die Investmentbanker haben uns zurückgespielt, dass wir nicht das kriegen, was wir wollen“, erklärt ein Sprecher des Konzerns.
  • Zum anderen sei die Situation heute eine ganz andere als vor über einem Jahr, als die ersten Überlegungen für die Verkäufe starteten.

Gemeint ist damit vor allem die Liquidität. Die Staatshilfe hat Lufthansa mittlerweile zurückgezahlt. Dennoch verfügte der Konzern Ende des dritten Quartals über acht Milliarden Euro an Mitteln. 2020, als monatelang über Staatshilfen von bis zu neun Milliarden Euro für die deutsche Airline-Gruppe verhandelt wurde, wusste dagegen keiner, wie lange die Krise dauern würde. Also kamen alle Optionen auf den Tisch, um die Bilanz zu stützen und zu stärken – auch Verkäufe von Unternehmensteilen.

Nun hat sich die Situation entspannt. Lufthansa habe dreimal so viel Liquidität wie vor der Krise, sagte Konzernchef Carsten Spohr kürzlich dem Handelsblatt: „Sollte sich die Lage dennoch wieder zuspitzen, sind wir krisenfest“, erklärte der oberste Lufthanseat mit Blick auf die wieder explodierenden Coronazahlen. Das verschafft Zeit bei den Devestitionen.

Zahlen von Airplus müssen erst noch besser werden

Rund eine Milliarde Euro soll der Verkauf von Airplus bringen, so der Plan. Als mögliche Interessenten gelten Kreditkartenspezialisten wie Amex und Mastercard oder Finanzinvestoren wie Advent und KKR. Dort will man sich nicht zu dem Thema äußern.

Airplus, ein Finanzdienstleister für das Reisekostenmanagement von Unternehmen, wurde 1989 aus dem Lufthansa-Konzern abgespalten. Die Firma beschäftigt rund 1300 Mitarbeiter und betreut weltweit rund 48.000 Unternehmen. Im Pandemiejahr 2020 brach das bereinigte Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von zwei Millionen Euro auf minus 146 Millionen Euro ein.

Auch wenn mittlerweile wieder deutlich mehr Geschäftsreisen unternommen würden, habe Airplus sich bislang noch nicht so erholt, wie es nötig wäre, um einen guten Verkaufserlös zu erzielen, heißt es in Finanzkreisen. „Die Braut muss erst noch etwas hübscher gemacht werden“, sagte ein Lufthansa-Manager. Der Verkauf sei aber nicht grundsätzlich abgesagt.

Ganz so klar ist die Situation bei Lufthansa Technik nicht. Zwar haben vor mehreren Wochen Berater von JP Morgan und Vertreter des Konzerns Büroräume in der Zentrale von Lufthansa Technik am Hamburger Flughafen bezogen. Sie prüfen mögliche Optionen für den Wartungsspezialisten – Ausgang offen.

Doch anders als bei Airplus gibt es bei der Lufthansa Technik einen dritten Faktor, der die Entscheidung über deren Zukunft maßgeblich beeinflusst: das strategische Interesse. Lufthansa Technik hat von den großen Flugzeugherstellern die Lizenzen für die Wartung fast aller Flugzeugmuster. Diese Lizenzen hängen zum großen Teil daran, dass die Flugzeugtypen auch von den Airlines des Mutterkonzerns genutzt werden.

Dieses Konstrukt aufzulösen ist äußerst kompliziert. Und: Strategische Investoren, also etwa ein rivalisierendes Technikunternehmen, scheiden als Käufer mehr oder weniger aus. Denn das Lufthansa-Management will das Know-how nicht an Wettbewerber abgeben. Bleiben Finanzinvestoren. Die dürfen maximal mit 25 bis 30 Prozent der Anteile an dem Lufthansa-Ableger rechnen, mehr will das Management wohl nicht hergeben.

Eine weitere Hürde: „Das Cashflow-Modell ist hochkomplex und extrem schwer zu bewerten“, heißt es in Finanzkreisen. Trotz dieser Bedingungen schauen sich nach Informationen aus Bankkreisen bekannte Investoren wie CVC, Advent, Bain und Silver Lake die Techniktochter an. Die genannten Investoren wollten sich auf Anfrage nicht äußern. Laut Bankkreisen warten sie aber auf ein Signal der Konzernmutter. Wie das ausfallen wird, ist offen.

Je mehr der Verkaufsdruck nachlässt, desto mehr hadert Konzernchef Spohr mit der Verkaufsidee. Auf einer Sitzung des Vorstands von Lufthansa Technik vor drei Wochen in Hamburg soll der oberste Lufthanseat diverse Argumente aufgezählt haben, die für einen Verbleib der Tochter in der Gruppe sprechen. Da ist nicht nur das Thema Lizenzen. In normalen Zeiten steuert der Ableger auch zwischen 400 und 500 Millionen Euro zum Betriebsergebnis der Gruppe bei. 2019 war das immerhin rund ein Viertel des Konzernbetriebsgewinns. Ob man darauf wirklich verzichten wolle und müsse, soll Spohr gefragt haben.

Lufthansa Technik ist strategisch wichtig für die Konzernmutter

Auch im Aufsichtsrat ist die Gefechtslage nicht eindeutig. Chefkontrolleur Karl-Ludwig Kley könne sich sogar einen Komplettverkauf von Lufthansa Technik vorstellen und habe das auch schon mal in den Ring geworfen, wird in Lufthansa-Kreisen berichtet. Andere Mitglieder des Gremiums sähen dagegen die strategische Bedeutung von Lufthansa Technik. Etwa beim Thema Nachhaltigkeit. „Kaum eine andere Airline hat eine Tochter, die bei dem Thema eigene Ideen hat, wie Fliegen Stück für Stück nachhaltiger wird“, sagt ein Lufthansa-Manager.

Das Konzern-Management lässt derzeit einen Teilverkauf oder einen Teilbörsengang der Tochtergesellschaft prüfen.

Foto: dpa

Dass deshalb am Ende alles beim Alten bleibt, können sich im Konzern dennoch nur wenige vorstellen. Dazu sei viel zu viel über das Thema in der Öffentlichkeit gesprochen worden. „Das Management hat sich da schon zu weit aus dem Fenster gelehnt“, heißt es in Lufthansa-Kreisen. Da müsse was passieren.

Derzeit werde das Projekt allerdings nicht mit besonders viel Verve vorangetrieben, berichten Bankenkreise. Gleichwohl sei nicht ausgeschlossen, dass der Verkaufsprozess doch noch im ersten Quartal kommenden Jahres starte.

Cateringtochter LSG weiter auf der Verkaufsliste

Bleibt noch der dritte Verkaufskandidat: das internationale Geschäft der Cateringtochter LSG Group. Den europäischen Teil hat der Konzern im vergangenen Jahr an die Schweizer Gategroup übergeben. Der Deal wackelte über mehrere Wochen wegen der Pandemie. Keiner will sich in Zeiten, in denen kaum geflogen wird, einen Caterer ins Haus holen.

Daran hat sich bis heute nur wenig geändert, auch wenn es am Himmel mittlerweile wieder voller wird. LSG stehe weiter auf der Verkaufsliste, aber erst müsse das Umfeld besser werden, heißt es bei Lufthansa. Interesse an der Lufthansa-Tochter könnten Caterer wie die Gategroup, Do&Co, Dnata oder SATS haben.

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Ganz ohne Verkäufe von Beteiligungen wird es für Konzernchef Spohr wohl nicht gehen. Zu hoch ist mittlerweile die Verschuldung des Konzerns. Ende des dritten Quartals lag die Nettokreditverschuldung bei neun Milliarden Euro.

Die allein mit den Einnahmen des operativen Geschäfts zu tilgen ist bei operativen Ergebnismargen von sechs bis acht Prozent selbst in den besten Zeiten kaum möglich. Zumal auch noch das Thema Eigenkapitalquote gelöst werden muss. Die war Ende September mit 8,8 Prozent immer noch zu niedrig für ein so volatiles Geschäft wie das Fliegen.

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