Pharmabranche: Merck investiert in mRNA-Produktion
Der deutsche Pharmahersteller will sein Geschäft mit mRNA-Wirkstoffen ausbauen.
Foto: HandelsblattDüsseldorf. Mit den Corona-Impfstoffen wurde die mRNA-Technologie bekannt, andere kommerzielle Anwendungen gibt es dafür bisher noch nicht. Dennoch will Merck in dem Bereich expandieren: Das deutsche Pharmaunternehmen eröffnet am Dienstag zwei neue Produktionsstandorte für mRNA-Wirkstoffe, einen in Darmstadt und einen in Hamburg. 28 Millionen Euro hat das Unternehmen dafür investiert. Und das soll nur der Anfang sein: In einem Zeitraum von zehn Jahren will Merck eine Milliarde Euro in die Technologie investieren.
„In Summe kann man davon ausgehen, dass mRNA sich zu einem Milliardenmarkt entwickeln wird“, sagt Matthias Heinzel, CEO der Life-Science-Sparte von Merck, dem Handelsblatt. In den letzten zwei Jahren habe sich die Studienzahl zu entsprechenden Wirkstoffen beinahe verdoppelt. „Es gibt viel Forschungsaktivität in dem Bereich“, sagt er, „das wird zu kommerziellen Anwendungen führen.“ Die Datenbank clinicaltrials.gov listet derzeit fast 700 Studien zu mRNA-Mitteln.
Die Technologie wird schon seit einigen Jahrzehnten erforscht, als Pioniere auf dem Gebiet gelten etwa Biontech, Moderna und Curevac. Vor allem für die Behandlung von Krebserkrankungen, so die Hoffnung vieler Wissenschaftler, könnte mRNA hilfreich sein. Die Coronapandemie hat der mRNA einen Schub gegeben – und sie ins breite Bewusstsein der Gesellschaft und von Regierungen weltweit gebracht. Auch Merck lieferte die sogenannten Lipide an Impfstoffhersteller, die es braucht, um den Wirkstoff an den richtigen Punkt im Körper zu bringen.
Mittlerweile ist das Geschäft wieder zurückgegangen, auch bei Merck: Wegen des „signifikanten Rückgangs der Covid-19-bedingten Nachfrage“ sind die Umsätze im Bereich Life Science zuletzt um 11,1 Prozent geschrumpft. 2023 sei ein „Übergangsjahr“, heißt es aus dem Unternehmen. Denn andere kommerzielle mRNA-Anwendungen als die Corona-Impfstoffe gibt es bisher noch nicht. Bis die neue Technologie sich auch an den Zahlen von Merck ablesen lässt, dürfte es also dauern.
Wird mRNA ein 100-Milliarden-Markt?
Doch die Pläne der Pharmaunternehmen sind ehrgeizig: Moderna etwa kündigte jüngst gegenüber der „Wirtschaftswoche“ an, in den nächsten fünf Jahren bis zu 15 neue mRNA-Medikamente auf den Markt bringen zu wollen und bis zu 50 klinische Studien zu starten. Insgesamt forscht Moderna aktuell an 47 mRNA-Mitteln, etwa gegen Grippe, Aids oder die Tropenkrankheiten Nipah und Zika. Ein mRNA-Mittel gegen Hautkrebs will Moderna bis 2028 auf den Markt bringen.
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Das Mainzer Unternehmen Biontech arbeitet derzeit an 25 mRNA-Mitteln in verschiedenen Indikationen, etwa gegen Tuberkulose, Darmkrebs oder Gürtelrose. Anfang des Jahres sagte Firmenchef Ugur Sahin in einem Interview mit dem „Spiegel“, dass die neuen Therapien gegen Krebs 2030 zugelassen werden könnten.
Der Chef der Merck-Sparte Life Science erwartet, dass bald weitere mRNA-Wirkstoffe marktreif werden.
Foto: Handelsblatt„Das Potenzial der mRNA-Technologie ist riesengroß“, sagt auch Markus Manns, Fondsmanager bei Union Investment. Er spricht von einem 50- bis 100-Milliarden-Markt – und das jährlich. Ein Impfstoff gegen das RS-Virus, das Atemwegserkrankungen auslöst, könnte zu den ersten marktreifen Anwendungen gehören, glaubt Merck-Spartenchef Heinzel.
Millioneninvestitionen in mRNA-Technologien
Merck forscht darum in vielen Bereichen der mRNA. Beispielsweise arbeitet das Pharmaunternehmen an der optimalen Zusammensetzung für Lipid-Nanopartikel, die benötigt werden, um mRNA-Mittel unbeschadet zur richtigen Stelle im Körper zu bringen. Je nach mRNA-Wirkstoff variiert die optimale Rezeptur. Merck tüftelt die etwa für andere Unternehmen aus und lässt sich diese Dienstleistung bezahlen.
Merck sieht sich vor allem als Auftragsfertiger für mRNA-Wirkstoffe für andere Biotechs und Pharmaunternehmen. „Gerade Biotechs in frühen Phasen nutzen das Komplettangebot, das wir in neuen Technologien und künftig auch mRNA anbieten“, sagt Heinzel. Größere Pharmaunternehmen hingegen würden die fertigen Mittel oft intern und nicht bei Merck fertigen, aber Produkte für die Herstellung wie etwa Filter oder die Lipide bei Merck einkaufen.
Wie viel Geld Merck in Zukunft konkret mit Services rund um mRNA verdienen will, verrät das Unternehmen nicht. Nur so viel: Der Bereich der neuartigen Wirkstoffe – zu dem neben der mRNA-Technologie etwa auch sogenannte virale Vektoren und Medikamente gehören, die Tumorzellen gezielt bekämpfen – soll mittelfristig im zweistelligen Bereich wachsen. Die gesamte Sparte Life Science soll um sieben bis zehn Prozent zulegen.
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Auch in der Vergangenheit hatte Merck schon groß in den Ausbau der mRNA-Dienstleistungen investiert: 2021 übernahm Merck das Hamburger Unternehmen Amptec, einen Auftragsfertiger für mRNA-Technologie, dessen Standort mit der neuen Investition nun ausgebaut wird. 2022 kaufte Merck das amerikanische Unternehmen Exelead für 780 Millionen US-Dollar in bar.