Interview: Chefarzt über Stress: „Effizienz-Wahn der Manager führt zur Selbstausbeutung“
Der Managerarzt Christian Graz meint, auch für Führungskräfte ist es wichtig, um Hilfe bitten zu können – und mal abzuschalten.
Foto: Max-Grundig-KlinikenChristian Graz hat wahrscheinlich den idyllischsten Arbeitsplatz, den sich ein Chefarzt wünschen kann. Er arbeitet in der privaten Max Grundig Klinik auf der Bühlerhöhe, mitten im Schwarzwald. Die Themen, mit denen sich Graz befasst, sind weniger schön: Er behandelt kranke Manager.
Herr Graz, die Wirtschaft befindet sich im Dauer-Krisenmodus. Wie viel Prozent der Manager, schätzen Sie, sind überlastet?
Bei etwa einem Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland wurde zuletzt 2021 als Folge von Stress eine psychosomatische Störung wie Angsterkrankung oder Depression diagnostiziert. Der Arbeitsplatz gilt als Stressfaktor Nummer eins. Psychische Diagnosen machen den weitaus höchsten Anteil an krankheitsbedingten Fehlzeiten in Unternehmen aus. Manager werden zwar nicht gesondert betrachtet. Ich bin aber überzeugt, dass diese Berufsgruppe überdurchschnittlich betroffen ist.
Wie bitte, jeder dritte Erwerbstätige soll stresskrank sein? Wie kommen Sie auf diese enorm hohe Zahl?
Das zeigt die regelmäßige Auswertung ärztlicher Diagnosen durch epidemiologische Studien zur Gesundheit Erwachsener. Ich rechne 2023 mit einer große Welle an Erschöpften, die auf uns zukommt.