Stephanie Sattler-Rick, Richard Müller: Wem die Stunde schlägt
Sinn für höchste Uhrmacherkunst.
Foto: PRMünchen. Einmal im Monat holt Richard Müller den großen Schlüssel raus und zieht sie auf, die „Monumentum Temporis“. Die größte Präzisionspendeluhr der Welt erstreckt sich über die ganze Fassade der Großuhrenmanufaktur Erwin Sattler, vom Erdgeschoss bis zum Giebel. Allein das Pendel misst 7,80 Meter, das Zifferblatt kommt auf satte 1,60 Meter Durchmesser.
Es ist die einzige Uhr, die der Münchener Mittelständler für kein Geld der Welt hergibt. Alle anderen Uhren, die in dem dreigeschossigen Gebäude im Südwesten von München in mühevoller Handarbeit entstehen, preist Müller in höchsten Tönen an. Wenn der 58-jährige Uhrmacher Interessenten durch die Gänge geleitet, dann entführt er sie in die faszinierende Welt der Feinmechanik, der Zahnräder, Zifferblätter und Pendel.
Nicht jede Uhr erklärt Müller, aber bei der „Maxima Secunda“ verharrt er immer. Die drei Meter hohe Standuhr ist die S-Klasse des Familienbetriebs. Größer, schöner und edler als alles, was die Uhrmacher sonst abliefern. Selbst die kugelgelagerte Aufzugskurbel ist ein Kunstwerk für sich. Preis: 270.000 Euro.
Familären Charakter erhalten
Die betuchte Kundschaft aus der ganzen Welt schreckt das nicht. Hochkonzentriert stehen die Arbeiter an den Fräsen, sie polieren, feilen und schrauben. Die meisten anderen Unternehmer hätten angesichts voller Auftragsbücher schon längst die Produktion erweitert. Für die geschäftsführenden Gesellschafter Richard Müller und Stephanie Sattler-Rick kommt das nicht infrage. „Wir sind eine Manufaktur, und das wollen wir auch bleiben“, meint Sattler-Rick. Zudem sei es wichtig, den familiären Charakter zu erhalten. Überall im Betrieb mit insgesamt 35 Mitarbeitern sind Familienmitglieder tätig.
Die größte Präzisionspendeluhr der Welt erstreckt sich über die ganze Fassade der Großuhrenmanufaktur.
Foto: PRSattler-Rick kümmert sich in der Firma um den betriebswirtschaftlichen Teil. Die 50-Jährige ist die Tochter von Firmengründer Erwin Sattler. Müller ist für die Technik zuständig. Dem Duo gehört die Firma mehrheitlich. Es hat seinen Grund, dass das Geschäft so gut läuft. Der Mittelständler bietet nicht einfach Zeitmesser an. Wer bei Erwin Sattler einkauft, der holt sich ein Lebensgefühl ins Haus; der beweist, dass er einen Sinn hat für höchste deutsche Uhrmacherkunst. Zwei Jahre lang sitzen die Handwerker an ihren Maschinen, ehe sie den Pendel- und Präzisionsuhren für Wand und Sideboard schließlich den letzten Schliff geben.
Schon seit fast 60 Jahren entstehen in der Manufaktur noble Großuhren. Doch erst vor 20 Jahren gingen Sattler-Rick und Müller dazu über, nach und nach die meisten Komponenten selbst herzustellen. Inzwischen stammen 90 Prozent der Teile aus eigener Fertigung. Das ist nicht trivial, schließlich besteht ein Modell aus bis zu 600 Einzelteilen.
Uhren für deutsche Villen
Fünf Millionen Euro Umsatz macht das Familienunternehmen; ein Klacks im Vergleich zu den weltbekannten Marken wie Rolex, Cartier oder Breitling. Neben Großuhren führt Erwin Sattler auch einige Armband-, Taschen- sowie Schiffsuhren. Dazu kommen Präzisionsuhrenbeweger, also Geräte, die mechanische Uhren automatisch aufziehen.
Ein gutes Dutzend Neuheiten entwirft Müller jedes Jahr; die ersten Skizzen entstehen stets auf einem Notizblock, den der Uhrmacher immer im Sakko bei sich trägt. Kommt ihm ein guter Einfall, dann zeichnet er einfach drauflos. „Eine Uhr lebt, sie bringt Atmosphäre in einen Raum“, schwärmt Müller. Etwa die Hälfte der Uhren geht in deutsche Villen, der Rest wird nach Almaty, Dubai, Peking oder Schanghai verschickt.
Doch was tun, wenn ein Interessent tatsächlich einmal zweifelt, sich fragt, ob die Manufaktur wirklich hält, was sie verspricht? Dann verweist Müller aufs Deutsche Museum. Seit 20 Jahren ist dort eine „Secunda Accurata 1958“ zu besichtigen. Von ihrem Glanz, vor allem aber von ihrer Präzision hat die anderthalb Meter lange Uhr bis heute nichts verloren.