Nachhaltigkeit: Warum Dax-Konzerne bei Kreislauffähigkeit schwächeln
Oldenburg. Konzernstrategien sind berüchtigt für blumige Worte und wolkige Ansagen. Von „Agilität“ ist darin gern die Rede, von „Disruption“, von „Innovation“ sowieso. Seit einigen Jahren schmückt ein weiterer Begriff die Nachhaltigkeitsberichte vieler Konzerne: Zirkularität. Gemeint ist damit eine Form des Wirtschaftens, die Produkte möglichst lang im Kreislauf hält, statt sie nach einmaligem Gebrauch zu entsorgen. Es geht darum, Werte zu erhalten, indem Materialien repariert, wiederverwendet und in neue Produkte integriert werden.
Wie andere Buzzwords kann „Zirkularität“ eine Worthülse bleiben; ein Begriff, der in Imagebroschüren fällt, aber in der Chefetage nie. Wird das Prinzip jedoch mit Leben gefüllt, mit konkreten Zielen unterlegt und an Ergebnissen gemessen, hat es das Potenzial, ein Unternehmen ganz neu auszurichten. Zirkularität kann Risiken abpuffern, Kosten senken und helfen, neue Erlösquellen zu erschließen.
„Viele verstehen die Kreislaufwirtschaft allein als Instrument der Klimapolitik. Aber das ist zu kurz gedacht: Sie ermöglicht es Unternehmen, ihr Geschäft zukunftssicher zu transformieren oder sogar in neue Geschäftsfelder vorzustoßen“, sagt Karsten Neuhoff, Abteilungsleiter für Klimapolitik beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Anders ausgedrückt: Wenn Lieferketten reißen, Rohstoffkosten steigen und Staaten mit immer strikterer Regulatorik auf die Klimakrise reagieren, ist der Grad der Zirkularität eines Unternehmens entscheidend für seine Wettbewerbsfähigkeit. Einer Umfrage der Unternehmensberatung Bain und des Weltwirtschaftsforums zufolge erwartet denn auch eine Mehrheit der Führungskräfte klare ökonomische Vorteile durch die Kreislaufwirtschaft.
Möglichst wenig Aufwand
Zu den Vorreitern zählen Start-ups und Mittelständler, die zunehmend zirkuläre Prinzipien umsetzen oder sich komplett danach ausrichten, wie der Entsorger Remondis, der Reinigungsmittelproduzent Werner & Mertz (Frosch, Erdal) oder der Lebensmittelhändler Alnatura.
Viele Konzerne dagegen stehen noch am Anfang. Das belegt der Circularity Index 2026, für den das auf Kreislaufwirtschaft spezialisierte Innovations- und Designunternehmen Indeed Innovation die 40 Dax-Mitglieder analysiert hat. Basis waren öffentlich zugängliche Informationen der Konzerne. Die Auswertung untersucht die von den Firmen selbst formulierten Ambitionen in fünf Kategorien, die für die Kreislaufwirtschaft entscheidend sind.
Ergebnis: Ein Großteil der Konzerne engagiert sich vor allem in Bereichen, in denen Erfolge schnell oder mit wenig Aufwand zu erreichen sind, scheut aber vor strukturellen Veränderungen des Geschäftsmodells zurück. „Sie machen das, was einfach ist, und vergeben damit die Chancen, die in einer echten zirkulären Transformation liegen“, sagt Michael Leitl, Executive Director bei Indeed.
Ausgerechnet Beiersdorf
Zwar betonen viele Unternehmen, bis zu einem Zieljahr klimaneutral sein zu wollen. Doch in den Details formulieren sie ihre Ziele oft nur vage. Sie nennen Bereiche, in denen sie etwas ändern wollen, unterfüttern dies aber nicht mit messbaren Angaben. Konkret werden sie vor allem da, wo die Konsequenzen überschaubar bleiben, etwa beim Ersatz fossiler durch erneuerbare Energien, der den Kern eines Geschäftsmodells kaum berührt.
Es passt ins Bild, dass sich die Dax-Konzerne aus dem Werkzeugkasten der Kreislaufwirtschaft je nach Branche nur sparsam bedienen. In der Forschung spricht man von den „10-R-Strategien“, zehn Strategien mit unterschiedlich großem Wert für den Aufbau einer zirkulären Wirtschaft. Ganz unten in der Hierarchie steht „recycle“, also die Gewinnung von Sekundärrohstoffen, ganz oben „refuse“, also der Verzicht auf unnötige Materialien, um den Verbrauch von Ressourcen von vornherein zu vermeiden.
Die Dax-Konzerne greifen fast ausschließlich zu den am niedrigsten bewerteten Strategien, insbesondere zum Recycling. Beispiele für die Aufarbeitung gebrauchter Produkte (Refurbishment) oder die Umnutzung von Produkten für andere Einsatzzwecke (Repurpose) finden sich kaum.
Doch es gibt auch positive Beispiele im Dax. „Einige wenige Vorreiter zeigen mit konkreten Aktivitäten, dass es durchaus möglich ist, gut funktionierende zirkuläre Geschäftsmodelle aufzubauen“, heißt es in der Analyse.
Der Bestplatzierte stammt ausgerechnet aus der Konsumgüterindustrie, die sich grundsätzlich schwertut mit Kreisläufen. Schließlich sind Shampoo oder Klebestreifen für den einmaligen Einsatz gemacht und lassen sich weder reparieren noch aufarbeiten. Dennoch schafft es der Nivea-Hersteller Beiersdorf auf Platz eins. Denn er trimmt die in seinem Einfluss liegenden Bereiche der Analyse zufolge systematisch auf Kreislauffähigkeit.
Insbesondere achte das Unternehmen auf einen hohen Anteil recycelter und biobasierter Inhaltsstoffe bei Produkten und Verpackungen. Letztere seien so designt, dass sie sich möglichst gut wiederverwerten lassen. Beiersdorf teste zudem Nachfüll- und Rücknahmesysteme und optimiere den Energie- und Wassereinsatz. Dennoch sieht der Index Luft nach oben: Beiersdorf sei weniger ambitioniert in seinen quantitativen Zielvorgaben als manche Mitbewerber, zudem fehlten zum Teil konkrete Zeitpläne.
Die nächste Herausforderung für den Konsumgüterhersteller sieht Indeed-Manager Leitl in der Innovation des Geschäftsmodells selbst, etwa durch den vermehrten Einsatz von Nachfüllsystemen, biobasierten neuen Rohmaterialien und kreislauffähige Verpackungen, die die Beziehung zwischen Marken und Verbrauchern verändern. Erste Produkte wurden bereits umgestellt, etwa bei der Marke Eucerin. Für die Verkaufstiegel der Kosmetika können Nachfüllkapseln gekauft werden, sodass 90 Prozent weniger Plastik nötig sind.
An der Verbrauchsgüterindustrie zeigt sich, dass verschiedene Branchen unterschiedliche Rollen beim Aufbau einer zirkulären Wirtschaft haben. Es ergäbe wenig Sinn, wenn Konsumgüterhersteller versuchten, reparierbare Produkte zu entwickeln. Leitl zufolge sollten sie sich vielmehr durch die Kreislauffähigkeit der Verpackungen, den Einsatz biobasierter Materialien und konzertierte Aktionen mit ihren Lieferanten auszeichnen: „In manchen Fällen ist mehr gewonnen, die Lieferanten kreislauffähig zu machen, also auch die eigene Rolle im Kreislauf zu hinterfragen.“ Am Ende könnten so mehrere Unternehmen profitieren und ihre Emissionen gemeinsam senken.
Großes Marktpotenzial
Das Beispiel Beiersdorf macht deutlich, welche Breite an Maßnahmen notwendig sein kann. Es geht aber auch anders. Je nach Branche führen unterschiedliche Strategien zum Erfolg. Ideal aus unternehmerischer, aber auch gesellschaftlicher Sicht ist es, wenn geschäftlicher Erfolg und Zirkularität zusammenkommen.
Die Deutsche Telekom als typisches Service- und Technologieunternehmen erreicht in dieser Kategorie den Spitzenwert mit ihrem Ziel, alle physischen Netzwerktechnologien 2030 „nahezu vollständig zirkulär“ zu betreiben. Der Konzern erreiche das durch einen Mix aus Reparaturservice, Rückkaufprogrammen und Wiederaufbereitungssystemen etwa für Handys und Router. 5,5 Millionen Geräte wurden bereits zurückgenommen und wiederaufbereitet oder recycelt. „Daran sieht man, dass Refurbishment als Geschäft funktionieren kann“, sagt Leitl.
Es braucht dafür allerdings eine etablierte Infrastruktur und eine kritische Masse an wiederaufzubereitenden Produkten. Dann sinken die Kosten und es entstehen lukrative Geschäftsmodelle: 2024 belief sich der Umsatz für wiederaufbereitete Elektrogeräte dem Marktforscher Claight zufolge auf fast drei Milliarden Dollar.